Herz in der »Pantone Farbe des Jahres« für 2022: »Very Peri«
Herz in der »Pantone Farbe des Jahres« für 2022: »Very Peri«
Foto: Aleksandr Papichev / Alamy mauritius images

Farben des Jahres 2022 wird lilablassblau – oder rosa

Wer die Zukunft kennt, kann damit Geld verdienen. Das gilt auch für Farben. Für 2022 setzen Farb- und Trendexperten auf ein kaltes Lila und ein kräftiges Rosa. So oder so, es wird bunt.
Von Philipp Löwe

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Immer zum Jahresende ruft das Pantone Color Institute seine Trendfarbe für das kommende Jahr aus. Für 2022 ist es Pantone 17-3938 »Very Peri«, was sich übersetzen lässt mit: Lilablassblau.

Oder als: »ein dynamisches Blau, das mit einer belebenden rötlich-violetten Nuance an die Blüten des Immergrüns erinnert«, so schreibt  das Unternehmen aus Carlstadt im US-Bundesstaat New Jersey.

Für Leatrice Eiseman, Geschäftsführende Direktorin und Gründungsmitglied des Instituts, ist es einfach ein Ausdruck des Zeitgeistes. Schließlich sei so viel von einer »neuen Realität« die Rede gewesen in den vergangenen Monaten, sagt Eiseman dem SPIEGEL, dass man etwas mit Symbolcharakter gesucht habe.

»Also nahmen wir Blau als eine weltweit sehr beliebte Farbe, die Beständigkeit und Ruhe ausstrahlt, und unterlegten sie mit einem warmen, dynamischen Rot, das für Optimismus steht.«

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass »Very Peri« an die Farben von Microsoft Teams erinnert. Für viele Menschen war das Computerprogramm eines der Hauptkommunikationsmittel in den zurückliegenden Pandemiemonaten und damit so etwas wie ein Fenster zur Welt.

Aber wollen wir so eine Farbe (es ist nicht dieselbe) dann bald auch noch auf T-Shirts, Tassen, Fingernägeln und Wänden sehen?

Die Statistik sagt nein. Violett wird angeblich von mehr Menschen abgelehnt als geliebt. Nur ein Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen würden es als ihre Lieblingsfarbe bezeichnen, schreibt Eva Heller in ihrem Buch »Wie Farben wirken«. Violett ist aber auch nicht »Very Peri« – auch wenn beides eine Mischung aus Rot und Blau ist.

Der Pantone-Ton ist eine ganz neue Farbe, zumindest im unternehmenseigenen Farbcodierungssystem, mit dem Pantone zu einiger Bekanntheit in Designerkreisen gelangte und noch immer ordentlich Geld verdient.

Was Lila und Violett besonders macht

Aber nicht nur in den Farbtafeln aus Carlstadt gab es bislang wenig Vergleichbares. Auch in der Natur sind Violett- und Lilatöne selten. Daher heißen sie in den meisten Sprachen so wie die Blumen in diesen Farben, erläutert Heller in ihrem Buch: Veilchen heißen auf Englisch »violette« und auf Französisch »violet«, und weil der Flieder im Englischen »lilac« und im Französischen »lilas« genannt wird, nennen wir die entsprechende Farbe Lila.

Es gäbe allerdings auch Theorien, so Heller, die eine Verbindung zu den lateinischen Wörtern »violentia« und »violare« herstellten, Gewalt und schänden. Was Sinn ergibt, wenn man bedenkt, dass Purpur – je nach verwendeter Schneckenart lila oder dunkelviolett – früher die Farbe der Mächtigen war. Nicht weil sie so schön, sondern weil sie so kostbar war.

Zum Färben eines Krönungsmantels wurden schätzungsweise drei Millionen Purpurschnecken benötigt, genauer gesagt der farblose Schleim von der Innenwand ihrer Kiemenhöhlen. Um die Ausbeute zu erhöhen, ließen die Färber im damaligen Phönizien die Schnecken faulen. Das stank dermaßen, dass Plinius der Ältere in seiner »Naturalis historia« darüber klagte.

Göttliche Farbe der Kaiser

Im Sonnenlicht reagierte das Sekret dann von Gelb über Rot zu Violett. Die Farbe ist also lichtecht und damit ideal als Ausdruck der Ewigkeit.

Im römischen Reich war sie die kaiserliche Farbe. Nachahmern drohte die Todesstrafe. Später wählte es die katholische Kirche als Rangfarbe der Bischöfe und passenderweise auch gleich für die Buß- und Fastenzeit.

Alles in allem nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine Trendfarbe, möchte man meinen. Da trifft es sich gut, dass längst auch andere Firmen um die Deutungshoheit in Sachen Trendfarben kämpfen.

Das Geschäft mit den Farben

So mischen inzwischen auch die Trendscouts der Londoner Agentur WGSN mit im Farbgeschäft. Zwar sind sie noch nicht so lange dabei wie Pantone, das immerhin seit 2000 (»Cerulean«) Jahresfarben kürt. Dafür würde ihre Jahresfarbe von »Trend- und Farbexperten bestimmt, nicht von einer Farbenfirma«, ließ WGSN jüngst seine Newsletter-Abonnenten wissen.

Die WGSN-Trendfarbe für 2022 ist übrigens »Orchid Flower« , ein sehr kräftiges Rosa (die Engländer würden sagen: »pink«) mit lila Untertönen – und keinesfalls zu verwechseln mit der Pantone-Jahresfarbe für 2014: »Radiant Orchid«.

Rosa war früher eine Jungenfarbe, weswegen zum Beispiel Jesus auf dem Schoß von Giottos Ognissanti-Madonna  ein rosafarbenes Kleid trägt. Seit dem frühen 20. Jahrhundert aber steht die Farbe für alles Weibliche und Zärtlichkeit, was heutzutage wiederum vielen Frauen (und auch Männern) die Zornesröte ins Gesicht treibt.

Doch ob nun weiblich und sanft oder herausragend und göttlich: Farblich könnten die Aussichten für das neue Jahr weitaus schlechter sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.