Balenciaga: Wo Models mit dem Schneesturm kämpfen
Balenciaga: Wo Models mit dem Schneesturm kämpfen
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Balenciaga / Xinhua / IMAGO

Paris Fashion Week in Kriegszeiten Alles absurd

In Mailand blieb die Branche quasi noch stumm, in Paris reagieren Modekonzerne auf den Krieg: Balenciaga widmet seine Show den ukrainischen Geflüchteten, andere spendeten. Wie passen Leid und Luxus zusammen?
Von Trisha Balster

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Demna Gvasalia fand vergangenen Sonntag deutliche Worte: »Modewochen fühlen sich absurd an.« Das schrieb der Kreativdirektor von Balenciaga in der Pressemitteilung zu seiner Modenschau. Angesichts der russischen Invasion in der Ukraine habe er darüber nachgedacht, die Show abzublasen, erklärte er. »Aber eine Absage würde bedeuten, dem Schmerz nachzugeben, der mich selbst schon seit fast 30 Jahren belastet.«

Demna Gvasalia: Seine Show solle für Furchtlosigkeit und Widerstand stehen, so der Designer

Demna Gvasalia: Seine Show solle für Furchtlosigkeit und Widerstand stehen, so der Designer

Foto: Geoffroy van der Hasselt / AFP

1993 floh Gvasalia als 12-Jähriger mit seiner Familie nach Deutschland. In seinem Heimatland Georgien herrschte damals Krieg zwischen Georgiern und den abchasischen Separatisten, die maßgeblich von Russland unterstützt wurden. Diese Erfahrung habe ihn zu einem »ewigen Flüchtling« gemacht, schrieb er. Seine Show wolle er deshalb Furchtlosigkeit und Widerstand widmen.

Müllsäcke aus Leder

Auch Gvasalias visuelle Äußerungen waren eindeutig. Auf den Stühlen der Zuschauer lagen T-Shirts in Blau-Gelb, den Farben der ukrainischen Flagge. Die Show war ursprünglich als Kommentar zum Klimawandel gedacht: Models liefen gegen einen Schneesturm an, beugten sich nach vorn, während ihnen Flocken ins Gesicht flogen. Vom Publikum waren sie durch eine Glasscheibe getrennt. Manche trugen lediglich ein Handtuch um den Oberkörper und eine Unterhose, andere hielten Müllsäcke aus Leder in der Hand. Das Finale bildeten ein Model im gelben Schneeanzug und eins im blauen Kleid mit wehender Schleppe.

Balenciaga: Leid und Luxus – wie passt das zusammen?

Balenciaga: Leid und Luxus – wie passt das zusammen?

Foto: Balenciaga / Xinhua / IMAGO

Die Branche hat Gvasalia für seine Präsentation gefeiert. Die persönliche Geschichte des Designers und die dramatische Präsentation stachen aus dem restlichen Programm der Modewoche hervor. Und trotzdem wirkten Luxus-Müllsäcke aus Leder und strauchelnde Models angesichts des tatsächlichen Leids gut zweitausend Kilometer entfernt tatsächlich »absurd«, genau wie Gvasalia es in der Pressemitteilung geschrieben hat. In der Modebranche liegen Meinung und Marketing nicht selten nah beieinander.

Schweigen in Mailand

Aber immerhin reagierten während der Paris Fashion Week viele Unternehmen und Marken endlich auf den Krieg in der Ukraine. Eine Woche zuvor, bei der Modewoche in Mailand, herrschte noch Schweigen. Lediglich Giorgio Armani demonstrierte anteilnehmende Stille, indem er den Soundtrack seiner Show strich.

In Paris gab es nun sogar ein Statement von offizieller Seite, auch wenn es etwas karg ausfiel: Ralph Toledano, Vorsitzender des französischen Branchenverbands Fédération de la Haute Couture et de la Mode, rief dazu auf, den Shows mit »Ernsthaftigkeit« zu begegnen. Balenciagas Mutterkonzern Kering verkündete, dem Uno-Flüchtlingshochkommissariat eine »erhebliche Spende« zukommen zu lassen. Konkurrent LVMH, zu dem Marken wie Louis Vuitton und Christian Dior gehören, spendete nach eigenen Angaben fünf Millionen Euro an das Internationale Komitee des Roten Kreuz. Zudem schlossen beide Luxuskonzerne vorübergehend die Läden ihrer Marken in Russland. Aufgrund der internationalen Sanktionen gegen das Land blieb ihnen mittlerweile kaum eine andere Wahl.

Chanel: Bereit für einen Ausflug ins Landhaus?

Chanel: Bereit für einen Ausflug ins Landhaus?

Foto: Geoffroy van der Hasselt / AFP

Chanel, das keinem großen Konzern, sondern der Familie Wertheimer gehört, spendete zwei Millionen Euro an Hilfsorganisationen. Auf dem Laufsteg war der Krieg in der Ukraine allerdings kein Thema. Virginie Viard zeigte Mäntel und Röcke aus Tweed in Pastelltönen. Dazu kombinierte sie bunte Wollstrumpfhosen, Goldketten in mehreren Lagen und Gummistiefel samt Chanel-Logo. Die französische Designerin ist seit dem Tod von Karl Lagerfeld 2019 Kreativdirektorin des Modehauses. Wie Lagerfeld ordnet sie Kollektionen oft einer Themenwelt unter, die Outfits und Aufmachung bestimmt. Dieses Mal schienen die Models bereit für den Ausflug ins Landhaus.

Loewe beflügelt die Fantasie

Loewe: Sehr kleidsam, diese Autos

Loewe: Sehr kleidsam, diese Autos

Foto: Victor Virgile / Gamma-Rapho / Getty Images

Absurd wurde es dagegen auch bei Loewe: Kreativdirektor Jonathan Anderson bediente sich für die neue Kollektion des spanischen Modehauses am Surrealismus. Bereits vergangene Saison waren seine Entwürfe von der Kunstbewegung inspiriert. Dieses Mal zeigte der Brite Kleider, die aussahen, als würde darunter ein kleines Auto stecken. Der Stoff wölbte sich in Form von Reifen, Motorhaube, Heck. Bei anderen Kleidern waren Ballons aus Plastik unter Stoffstreifen befestigt. Es schien, als würden sie aus dem Stoff hervorwachsen. Auch unter den Riemen von High Heels klemmten die Ballons.

Loewe: Unter den Schuhen klemmen Ballons

Loewe: Unter den Schuhen klemmen Ballons

Foto: Victor Virgile / Gamma-Rapho / Getty Images

Dass die Kollektion nicht ins Lächerliche abdriftete, lag an der Sorgfalt, die Anderson und sein Team bereits seit einigen Saisons beweisen. Die Entwürfe sitzen, die Materialien sind hochwertig, die Kollektionen durchdacht. Ideen wie eingeklemmte Ballons wirken deshalb auf dem Laufsteg zwar skurril, aber nicht abwegig. Anderson beflügelt mit seinen Entwürfen die Fantasie, und trifft damit ziemlich genau die Hauptaufgabe von Modenschauen.

Die erste Off-White-Show ohne Virgil Abloh

Off-White: »Question everything« steht auf den Fahnen

Off-White: »Question everything« steht auf den Fahnen

Foto: Julien De Rosa / AFP

Auch Virgil Abloh galt lange als Experte für originelle Entwürfe und Statements. 2016 gründete der US-Amerikaner das Label Off-White, danach begeisterte er in kürzester Zeit Kundinnen und Kunden mit Streetwear und ironischen Designs. Sätze und Worte setzte er stets in Anführungszeichen, auf Portemonnaies stand dann »Wallet«, auf Schuhen »for walking«.

Zwei Jahre nach der Gründung von Off-White engagierte Louis Vuitton Abloh als Kreativdirektor der Herrenkollektionen. Er war der erste afroamerikanische Designer an der Spitze eines französischen Modehauses.

Virgil Abloh: Er halt als Experte für originelle Entwürfe und Statements

Virgil Abloh: Er halt als Experte für originelle Entwürfe und Statements

Foto: John Shearer / WireImage / getty Images

Vergangenen Herbst verstarb der Designer überraschend an einem Herztumor. In der Branche war seine Erkrankung kaum bekannt. Nun fand die erste Off-White-Show ohne ihn statt. Einen Teil der Kollektion hatte er noch selbst designt, den Rest führte sein Team zu Ende.

Off White: Tüllrock zu T-Shirt

Off White: Tüllrock zu T-Shirt

Foto: Julien De Rosa / AFP

Die Entwürfe zeugten deutlich von den Gegensätzen, die Ablohs Schaffen bestimmten. Sie waren lässig und elegant. Models trugen mehrlagige Tüllröcke zu weiten T-Shirts, Miniröcke zu Bomberjacken. Besonders auffallend waren die beschrifteten Fahnen, die einige Models hielten. Darauf stand: »question everything«. Diese Botschaft war sicherlich nicht ironisch gemeint.

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