Looks aus der neuen Herbstkollektion von Louis Vuitton
Looks aus der neuen Herbstkollektion von Louis Vuitton
Foto: Peter White/ Getty Images

Paris Fashion Week Kleidung für den Weltuntergang

Was tragen zur Apokalypse? Balenciaga zeigte in Paris düstere Entwürfe für die Endzeit. Andere Designer sind weniger pessimistisch und setzen auf Umweltschutz. Die neue Herbstmode von den Prêt-à-Porter-Schauen.
Von Philipp Löwe

Es geht auch ohne. Das war Stella McCartneys Botschaft. Zum Ende ihrer Modenschau spazierten elf Models durch das Foyer der Opéra Garnier, verkleidet als Kühe, Hasen, Büffel, Füchse, Pferde, Kojoten und ein Krokodil. Kein Tier musste für diese Kollektion sterben, sollte das heißen. Dass die Veganerin McCartney umweltfreundliche Mode macht, ist nichts Neues. Aber nun haben ihr Team und sie "schmerz- und PVC-freie Materialien" für mehr genutzt als bloß Schuhe und Taschen - wie übrigens schon vergangene Saison. Damals hatte Stella McCartney Mäntel aus veganem Leder vorgeführt.

Für ihre neue Kollektion perforierte McCartney den Lederersatz oder verarbeitet ihn zu Lammfellimitat. Beides geschneidert zu Mänteln. Zentrales Element - neben tierfreundlichen Stoffen - sind bei McCartney diesmal Gürtel und Stoffbänder. Sie schließen Krägen, Mäntel, Jacken, Kleider, Hosen und baumeln ansonsten dekorativ an den Kleidungsstücken. Bewegt sich die Trägerin, flattern die Bänder ihr hinterher. Das hat sich McCartney bei dem russisch-französischen Modedesigner Romain de Tirtoff abgeschaut. Unter seinem Künstlernamen Erté war er einer der Hauptvertreter des Art déco.

McCartney hofft, dass sie demnächst selbst kopiert wird. "Wir laden unsere Freunde in der Mode ein, sich uns anzuschließen", stand in den Shownotizen. Doch auch wenn Nachhaltigkeit en vogue ist, in den meisten Kollektionen beschränkt sie sich auf das Recycling von Stoffresten oder Maßnahmen zur Reduzierung des CO2-Abdrucks. Alles nicht verkehrt, nur der Gedanke, weniger zu produzieren, kommt offensichtlich niemandem. Auch McCartney nicht.

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Herbstmode aus Paris

Foto: Pascal Le Segretain/ Getty Images

Entwürfe von gestern als Inspiration für zeitgemäße Kleider: Was Stella McCartney gelungen ist, daran scheiterte Anthony Vaccarello. Wobei der erste Teil nicht das Problem war. Aus dem Firmenarchiv bei Yves Saint Laurent kam der belgische Chefdesigner des Traditionslabels zurück mit folgender Kollektionsidee: "Eleganz ist Pflicht bei Saint Laurent, geht aber auch mit Perversität einher. Eins ohne das andere wäre nur reine Bourgeoisie oder Vulgarität." Auf dem Catwalk überwog dann das Letztere. Es war so viel hautenges Latex zu sehen, dass die Modechefin der "New York Times" in ihrer Besprechung  fragte, ob der Designer blind sei für die Welt um ihn herum, in der Männer weinsteinen und Frauen für viele immer noch nur begehrlich und verfügbar zu sein haben.

Dass man Fetische besser inszenieren kann, zeigte Demna Gvasalia. Nach seinem Ausstieg beim Streetwear-Label Vetements konzentriert er sich voll auf seine Arbeit für Balenciaga. Zur Vorführung seiner Kleider buchte er seinen bewährten Modelcast aus Profis und Amateuren: Allesamt keine "klassischen Schönheiten" - außerdem lief für ihn der Schauspieler Ralf Möller. Um die Sehgewohnheiten seines Publikums zusätzlich zu irritieren, setzte Gvasalia manchen Models schwarze oder rote Kontaktlinsen ein. Düster und bedrohlich war auch die Kulisse: Die ersten drei Stuhlreihen standen unter Hochwasser, unter der Decke zog Rauch über einen Bildschirm. Nachdem die Schwaden sich verzogen hatten, folgten Meereswellen, Vogelschwärme, Blitze, Feuer und schließlich Satellitenaufnahmen der Erde. Passend dazu steigerte sich die Musik von Streichern zu Hardcore-Techno und zurück. So schön kann der Weltuntergang sein.

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Liebeslöffel am Kleid

Was man zur Apokalypse trägt? Schwarze bodenlange Ledermäntel, Fußballtrikots, kastig geschnittene Anzüge, Jacken mit Quasimodoschultern, ausgewaschene Jeans, Skiunterwäsche, Motorradkombis, Talare und schwere Lederstiefel; aber auch hautenge Abendroben, Paillettenkleider und plissierte Röcke zu Schluppenblusen. Seiner Version von Wickelkleidern nähte Gvasalia die Handschuhe - das Accessoire der Saison - und die Schuhe gleich mit an die Ärmel und Unterhosen. Der Höhepunkt nach 105 Looks war ein mit Kristallen besticktes, hochgeschlossenes Kleid.

Textile Dystopien mit lokalpatriotischen Einsprengseln waren früher das Markenzeichen Alexander McQueens. Seine Wegbegleiterin und Nachfolgerin Sarah Burton versucht, dieses Erbe so gut es geht hochzuhalten, hat der Marke inzwischen aber auch ihre Handschrift aufgedrückt. Die scharf geschnittenen Anzüge und Mäntel sind eine Verneigung vor dem Firmengründer, der sein Handwerk einst bei einem Herrenschneider in der Londoner Savile Row gelernt hatte. Neue Anregungen holte Burton sich in Wales. Aus der keltischen Kultur übernahm sie die Motive für ihre Herbstkollektion und das Rot. Die Farbe fand sich in den Stoffen und Stickereien sowie den Haarsträhnen der Models. Die Motive druckte sie auf einen Anzug und einen Mantel. Für beides war der Wrexham Tailor’s Quilt  die Vorlage, eine traditionelle Steppdecke aus dem National Museum in Cardiff. Auch Liebeslöffel  sind ein walisisches Nationalsymbol. Man schenkt sie seiner Angebeteten - oder näht sie an ein Kleid, wie Burton.

Das Allerletzte war die Kollektion von Louis Vuitton - wie immer der Schlusspunkt der Pariser Modewoche. Kreativchef Nicolas Ghesquière mixte diesmal wild Epochen und Stile. Sportliche Blousons stylte er zu ausgestellten Röcken und Nadelstreifenhosen, dazu Handschuhe, wie sie Motocrossfahrer tragen, und Feldmützen aus Leder. Cafe-Racer-Motorradjacken werden bei Louis Vuitton zu Lederkleidern, Bomberjacken zu Hosen und Boleros zu Lederjacken. Alles in allem vielleicht ein wenig viel Eklektizismus, andererseits sind es ja gerade auch turbulente Zeiten.