Fotostrecke

Fotostrecke: Behrens Schaffensgebiete

Design von Peter Behrens Der Alles-Gestalter

Von der Inschrift am Reichstag bis zum Wasserkocher. Es gibt wenig, was der Designer und Architekt Peter Behrens nicht entworfen hat. Die Industriebauten des Autodidakten sind Denkmäler des Neuen Bauens.

Selbst für den Sohn einer reichen Hamburger Senatorenfamilie hat es Peter Behrens (1868 bis 1940) sehr weit gebracht: der Schriftzug "Dem deutschen Volke" am Reichstagsgebäude stammt von ihm (und Anna Simons). Nach dem Kunststudium in Düsseldorf, Karlsruhe und München gestaltete er auch Kleider, Möbel, Bestecke, Gläser, Plakate und Firmenlogos - alles im Jugendstil. Er war Mitbegründer der Darmstädter Jugendstilkolonie und des Deutschen Werkbunds.

Manchen gilt Behrens auch als der Erfinder des Corporate Designs, weil er als "künstlerischer Berater" von 1907 bis 1914 die Produkte und das gesamte Erscheinungsbild der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) formte. In jedem Fall war er ein talentierter Maler, Grafiker und Designer. Vor allem aber war er Architekt. Und was für einer. Dabei besaß der Mann nicht mal ein Architekturdiplom.

Für die großen deutschen Industriekonzerne entwarf er die Firmengebäude, kein Jugendstil mehr, sondern schnörkellose Monumentalbauten. Heute sind sie Denkmäler einer vergangenen Fabriklandschaft und weisen ihn aus als Wegbereiter der Baumoderne. In Behrens Berliner Architekturbüro lernten damals die Modernisten Walter Gropius, Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe.

Fotostrecke

Fotostrecke: Behrens Schaffensgebiete

Von ihm stammen unter anderem die Berliner Turbinenhalle der AEG (1909), das Mannesmann-Haus in Düsseldorf (1912), die Verwaltung der Continental AG in Hannover (1914), und das Gebäude der Nationalen Automobil Gesellschaft in Berlin-Oberschöneweide (1917). Der faszinierendste Behrens-Bau (1924) dürfte aber die ehemalige Verwaltung der Farbwerke Hoechst in Frankfurt sein. Ein bis ins kleinste Detail durchdachtes Gesamtkunstwerk, in dem sich seine Entwurfsformel offenbart: "Großflächiges Gliedern, übersichtliches Kontrastieren, gleichmäßiges Reihen".

Die Fassade des 185 Meter langen Backsteinbaus wird durch verschieden farbige Ziegel aufgelockert, gegliedert ist der Baukörper in drei Elemente: zwei Büroflügel und dazwischen ein Eingangsgebäude mit Turm und Brücke. Sie bildeten das Tor zum Werk und zur damals eigenständigen Stadt Höchst. Von 1947 bis 1997 zierten der Turm und die Brücke auch das Firmenlogo der Hoechst AG.

Zum herausragenden Beispiel für den Backsteinexpressionismus, der in den Zwanzigerjahren vor allem in Deutschland eine kurze Blüte hatte, wird das Gebäude aber auch durch sein extravagantes und perfekt auf den einstigen Unternehmenszweck abgestimmtes Inneres. Der Ausstellungssaal - in dem zu Beginn Farbprodukte ausgestellt und später die Telefonzentrale untergebracht waren - wurde 2007 in die Behrens-Originalversion zurückversetzt: die Wände leuchten rot, die sechs Pfeiler grün und kobaltblau. Das Licht scheint durch Buntglasfenster mit Motiven des niederländischen Künstlerkollektivs De Stijl.

Beim Betreten des Raums blickt der Besucher auf ein Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Beschäftigten des Unternehmens. "Aufbruch" nannte der von Behrens beauftragte Bildhauer Richard Scheible seine Figur eines Arbeiters, der sich die Ärmel hochkrempelt. Behrens baute nicht bloß Betriebsstätten, er baute an einer besseren Zukunft. Dabei war ihm wichtig, dass die Kunst und das Kunsthandwerk nicht unter die elektrisch angetriebenen Räder der Industrialisierung kommen.

Kunst als oberste Maxime

Vom Grundriss über Handläufe, Türgriffe, Fenster und Mosaike bis zu den Kristallen nachempfundenen Deckenleuchten in der Eingangshalle hat Behrens nahezu alles selbst entworfen - und vieles davon in Handarbeit fertigen lassen. Am eindrucksvollsten kommt der Künstler im Architekten aber in der Eingangshalle mit ihren drei Glaskuppeln zum Ausdruck. Er hat die einzelnen, vom Erdgeschoss aus offen einsehbaren Stockwerke nach oben zulaufend niedriger gestaltet. Selbst die Lampen passte Behrens der Größe jedes Stockwerks an, um die optische Täuschung perfekt zu machen: Die Halle wirkt deutlich höher als ihre tatsächlichen 40 Meter.

Auch akustisch wollte Behrens die Angestellten der Hoechst AG beeindrucken. Weil aber das Geld nicht mehr reichte, konnte das Glockenspiel im Turm nie vollendet werden. Ansonsten hätte es den Arbeitern mit einer Melodie aus Wagners Lohengrin den Schichtwechsel bedeutet.

Anzeige
Peter Behrens

Peter Behrens »Zeitloses und Zeitbewegtes«: Aufsätze, Vorträge, Gespräche 1900-1938 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs)

Verlag: Dölling u. Galitz
Seitenzahl: 1152
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Behrens baute nicht nur, er setzte sich auch theoretisch mit der Architektur auseinander. Einiges hat er in durchaus amüsanten Schriften notiert. 2015 erschien eine kommentierte Gesamtausgabe seiner Schriften, die vieles erklärt. In anderen Bereichen bleibt der 1868 in Hamburg geborene Alles-Gestalter aber ein Phantom.

Dass in seinem Atelier zeitgleich Bauten im Stil des Neoexpressionismus wie der Neuen Sachlichkeit entworfen wurden, kann sich Thorsten Scheer nur durch große Freiheiten der "jeweiligen Projektleiter" erklären. Damit meint der Professor für Baugeschichte und Architekturtheorie an der Peter Behrens School of Architecture in Düsseldorf: Es war nicht unbedingt Behrens höchstpersönlich für jedes Bauwerk federführend. So erklärte zum Beispiel ein späterer Mitarbeiter einmal, er habe den Architekten nie mit einem Zeichenstift in der Hand gesehen.

Scheer beschreibt Behrens als indifferent: "In der Zeit des Nationalsozialismus bearbeitet er hier einen neoklassizistischen Protzbau für die AEG an Speers Großer Achse, während er dort bei seinem letzten Bauprojekt, dem Gut Hohenlanke, selbst gegen die örtlichen Vertreter der NSDAP für seine Absichten kämpfen musste." Diese Wurstigkeit sei jedoch typisch für auftragsabhängige Architekten. Zumindest in dieser Hinsicht war Peter Behrens dann nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.