Der Traum vom Hüttenleben Und schon ist das Leben überschaubar

Von Thoreau bis Le Corbusier: alles Hüttenbewohner. Petra Ahne hat sich nun auch eine gebaut. In einem Buch erklärt sie, was allen gemein ist und wieso wir uns nach Reduktion sehnen.

Max Lautenschlaeger/ Matthes & Seitz

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Ahne, was macht eine Hütte zur Hütte?

Ahne: Eine Hütte ist die kleinste Behausung, die daran erinnert, dass Wohnen oder Hausbauen mal bedeutete, eine Wand zu schaffen zwischen sich und dem Draußen: um Schutz und Geborgenheit herzustellen. Das kann auch ein Iglu sein oder - diese Version fand ich besonders berührend - zwei umgedrehte Boote, die sich die Teilnehmer der gescheiterten Antarktis-Aktion um Ernest Shackleton zum Schutzraum umfunktionierten. Auch wenn Hütten mitunter als Notunterkünfte in Städten dienen, gehört für mich eigentlich dazu, dass sie abseitsstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich nun selbst eine Hütte in Brandenburg gebaut. Worauf kam es Ihnen an?

Zur Person
  • Max Lautenschlaeger/ Matthes & Seitz
    Petra Ahne, geboren 1971, hat Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert. Sie ist Redakteurin der "Berliner Zeitung" und mit ihrer Familie nun Besitzerin einer Hütte mit Blick auf einen Brandenburger See. Zuletzt hat sie ein Buch über "Wölfe" geschrieben.

Ahne: Dass das Drinnen ins Draußen übergeht, man immer fast auf dem Sprung ist: Der Wald und der See gehören zum Raum dazu. In der Wohnung in der Stadt lebt man sehr nach innen gerichtet. Eine Hütte dagegen ist ein Sich-Öffnen wie Sich-Abgrenzen gleichermaßen. Thoreau spricht über die Idee, man wäre ein anderer, hätte man ein anderes Haus. Quatsch, sagt er, sobald man dort wohnt, ist man immer noch die Alte, mit den alten Sorgen, Nöten, Banalitäten. Als ich das las, fühlte ich mich ertappt.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Sind Sie in der Hütte denn eine andere?

Ahne: Ich lasse die Stadt zurück mit allem, was sie einem abverlangt. Im Alltag gilt: Erst muss ich noch, aber dann. Das Müssen fällt in der Hütte weg. Man kann gleich vordringen zu dem, was wichtig ist. Wegen der Überschaubarkeit des Raums bekommt auch das Leben eine Überschaubarkeit und ich konzentriere mich auf das, was mir wichtig ist.

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Von der Dichterklause zur Hightech-Bude: Hütten damals und heute

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht die einzige. Selbst bei Airbnb kann man nach Baumhäusern, Tipis oder anderen Hüttenformen filtern, daneben der Boom um VW-Busse und Tiny Houses.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt dieser aktuelle Hüttentraum?

Ahne: Das Motiv der Hütte als Sehnsuchtsort kann man über 200 Jahre verfolgen. Die Hütte ist wie eine Verheißung, dass so das richtige Leben ist, überschaubar, nicht verschwenderisch. Man muss nur hingehen und anfangen. Schon Thoreau hat Dinge gesagt, die heute ebenso gelten: Ist ein Wohlstand, der auf Ausbeutung der Natur basiert, richtig? Eine Technisierung, die Freiheit verheißt? Er versuchte mit seiner Walden-Hütte vorzudringen zur Essenz. Abzuwerfen, was überflüssig ist. Brauche ich überhaupt ein Dach überm Kopf, fragt er, die Vögel haben doch auch nichts zwischen sich und dem Himmel. Dieses Gefühl hat sich potenziert. Es gibt ein Unbehagen mit der Art, wie wir leben, damit, wonach man gemeinhin zu streben hat, mit unserem Umgang mit Ressourcen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie Strom, fließend Wasser, Internetzugang?

Ahne: Ja, so gesehen ist es eine Luxushütte. Es war von Anfang an kein asketisches Projekt. Aber meist sind die Hütten Zweithäuser. Man erweitert seine Selbstdarstellung um die Facette als naturverbundener Typ. Das ist nicht die Reduktion aufs Wesentliche im Thoreau'schen Sinne. Sondern eine Pose.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen auch, die Geste Ihrer Hütte sei: "Dies will ein einfaches kleines Haus sein."

Ahne: Auch bei uns ist es ein zweites Leben, die Erweiterung unseres eigentlichen. Zu behaupten wir würden uns verkleinern, stimmt natürlich nicht. Es ist am Ende mehr von allem: mehr mit dem Auto hin und her fahren, zwei Kühlschränke, zwei Toiletten, zwei Heizungen. Aber dieser Widerspruch war mir von Anfang an klar.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viele verschiedene Hütten besucht: die von Henry David Thoreau in Walden, die des Una-Bombers Ted Kaczynski, Le Corbusiers Sommerhütte in Frankreich, waren bei einem 77-Jährigen, der dort seit Jahrzehnten lebt. Alles Männer. Woher kommt das?

Ahne: Die Eigenschaften, die zu einem Hüttenleben gehören, wie Selbstgenügsamkeit, Konfrontation mit der Natur, wurden immer eher Männern zugeschrieben. Man gestand ihnen zu, dass sie von etwas Höherem motiviert waren, als Schriftsteller oder auf der Suche nach Gott. Frauen wurden sofort abgestempelt als Hexen.

SPIEGEL ONLINE: In welcher der Hütten haben Sie sich besonders wohlgefühlt?

Ahne: Die von Corbusier fand ich ziemlich irre. Gerade weil man mitdenkt, was er sonst gebaut hat. Von außen ist sie rustikal und grobschlächtig. Mit ihren unbehauenen Brettern wirkt sie wie ein Blockhaus aus Kanada, das plötzlich an der Côte d'Azur gelandet ist. Drinnen dann eine große Klarheit, die Wände sind alle glatt, wie aus einem Guss.

Le Corbusiers Hütte in Roquebrune-Cap-Martin ist das kleinste Gebäude auf der Weltkulturliste der UNESCO.
Jean Francois Ottonello/ MAXPPP/ picture alliance

Le Corbusiers Hütte in Roquebrune-Cap-Martin ist das kleinste Gebäude auf der Weltkulturliste der UNESCO.

SPIEGEL ONLINE: Hütten hat er sonst ja nicht gerade gebaut.

Ahne: Er hat aber in dieser Hütte sein Proportionsschema erstmals angewandt: Die Frage, wie hoch, wie breit, wie tief ein Raum sein muss, damit ein Mensch zurechtkommt. Er bewunderte das "primitive Bauen", wie er es nannte. Er fand, die Menschen, die aus dem Impuls heraus bauten, einen geschützten Raum zu schaffen, haben etwas instinkthaft richtiggemacht. Das wollte er wiederholen. Und hat es umgesetzt in der Hütte wie auch in seinen Wohnzellen, in denen er Menschen übereinandergestapelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sich eine Behausung bauen: Wie fühlte sich das denn für Sie an?

Ahne: Es ist eine besondere Erfahrung, wenn man immer in Wohnungen gewohnt hat, die es schon gab. Eine Hütte zu bauen zeigte auch mir den ursprünglichen Impuls, sich selbst einen Raum zu schaffen. Wie es ganz früher gewesen sein muss, Wände zu errichten, hinter denen der Mensch zu dem geworden ist, was er ist. Weil er alles andere Draußen halten konnte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Versatzstücke ikonischer Hütten findet man bei Ihner?

Ahne: Gar keine. Ich hätte es unehrlich gefunden, wenn wir ein uriges Ding hingestellt hätten. Wir sind Kinder unserer Zeit. Aber natürlich ist sie eine Phantasie, weil sie aussieht, als ob sie dort gewachsen wäre und aus dem Wald drumherum gezimmert wurde. Dabei kommt das Holz aus Sibirien. Es ist nicht die ökologischste Art zu bauen, diese uralten Bäume abzuholzen und nach Brandenburg zu fahren, nur weil es das langlebigste, robusteste Holz ist.

SPIEGEL ONLINE: Was sehen Sie, wenn Sie rausschauen?

Ahne: Momentan den See, weil die Bäume keine Blätter haben. Es ist immer der gleiche Blick, aber die Natur ist immer anders. Hier in der Stadt hat man schlechtes Wetter, dort nur verschiedene Schattierungen von Grün und Braun.

Preisabfragezeitpunkt:
23.04.2019, 23:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Petra Ahne
Hütten: Obdach und Sehnsucht (Naturkunden)

Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Seiten:
132
Preis:
EUR 28,00

SPIEGEL ONLINE: Der Hüttenblick in die Natur zeigt auch, was sich wandelt. Was haben Sie schon gelernt?

Ahne: Ich habe gelernt, dass die Natur nicht nur das ist, wofür wir sie halten. Die Felder drumherum, auf denen im Sommer wunderbar gelb der Raps blüht, sind überhaupt keine Natur. Das sind tote Felder, in denen nur noch das leben darf, was der Bauer möchte. Keine Insekten, keine Bienen, keine anderen Pflanzen. Wir Städter neigen dazu, die Natur als Bild zu nehmen und uns damit zufriedengeben. Aber die Idylle dahinter ist längst zusammengebrochen.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
nchecker 07.04.2019
1. Wo steht denn die Hütte, sie sieht sie aus und wie teuer war sie denn?
Ich sehe da leider nur auf dem Foto von der Redakteurin etwas Unscharfes im Hintergrund. Ist das ihre Hütte? Wie teuer war die denn und ist das Grundstück dafür gepachtet oder gekauft? Wenn Wasser und Strom da ist, müsste das Grundstück ja erschlossen sein. Oder ist es ein Schrebergarten? Oder ein Ferienhaus-Grundstück? Wie kann man sich so etwas von dem schmalen Gehalt einer Redakteurin leisten? Ich würde damit gerade eben so über die Runden kommen.
janste 07.04.2019
2. nun ja...
... als Dorfkind war es für mich Teil meiner Kindheit, Höhlen/Hütten zu bauen, ob nun in Bäumen, zu ebener Erde oder unterirdisch. Für uns war es ein Abenteuer, wie vielleicht auch für Frau Ahne. Okay, unsere Behausungen hatten kein Strom, Wasser und Internet... Jedenfalls habe ich mich köstlich amüsiert, wie man so ein Wochenende im Ferienhaus, pardon: Hütte, emotional und sprachlich so überhöhen kann. Wirklich unterhaltsam.
tadano 07.04.2019
3.
Ihre „Hütte“ ist wohl eher ein luxuriöses Ferienhaus am See.
dasfred 07.04.2019
4. Was macht die Hütte aus?
Eigendlich geht es um das drumherum. Eine Hütte, ohne die entsprechende Umgebung ist eine kleine Bretterbude. Sie soll doch im Grunde nur Schutz vor Kälte und Regen bieten, bis man wieder raus kann. Die Hütte ist meist nur das immobile Pendant zum Wohnwagen.
gerne_Steuerzahler 07.04.2019
5. Wohnwagen
Musste die ganze Zeit an einen Wohnwagen denken. Reduziert ebenfalls, wenig Platz, das nötigste etc. Dazu noch mobil. Nicht selbst gebaut aber oft selbst verändert. Passt.
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