"Pierre Cardin. Fashion Futurist" Meister der Weltraummode

Er war der erste Pariser Couturier, der auch Konfektionskleidung machte. Seine futuristischen Entwürfe revolutionierten die Mode. Der Kunstpalast Düsseldorf feiert Pierre Cardin in einer großen Retrospektive.

Archives Pierre Cardin/ Kunstpalast Düsseldorf

Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Pierre Cardin lesen? Discount-Boxershorts, Cardigans mit einstelligem Kaschmiranteil und Schlüsselanhänger vom Wühltisch? Ja, auch dafür steht der Name. Wer aber den Mann kennenlernen möchte, von dessen Abglanz bis heute unzählige Lizenzprodukte profitieren, den Modemacher, dessen Haute Couture einst die Modewelt revolutionierte und noch heute modern wirkt, der sollte nicht ins Kaufhaus gehen, sondern in den Kunstpalast Düsseldorf.

"Pierre Cardin. Fashion Futurist" ist ein treffender Name für die erste umfangreiche Retrospektive des Designers in Deutschland. Sie folgt keiner strengen Chronologie, sondern nimmt die roten Fäden auf, die sich thematisch durch dessen gesamte Tätigkeit ziehen. Entlang an 80 Haut-Couture-Kleidern wird die Geschichte erzählt des 1922 als Pietro Cardin geborenen Mannes, der erst mit Dior den "New Look" erfand und später unter dem Namen Pierre Cardin der Mode eine ganz neue Facette hinzufügte.

"Meine liebsten Kleider sind diejenigen, die ich für ein Leben schaffe, das es noch gar nicht gibt, für die Welt von morgen", sagte er einmal. Das beste Beispiel dafür ist Cardins Weltraum-Mode: Einteiler, Cocktailkleider, Tuniken, dazu Helme, Visiere, Gürtel und Westen. Die Entwürfe wirken noch heute futuristisch.

Fotostrecke

17  Bilder
Pierre Cardin: Kleider für "die Welt von morgen"

Knallige Farben, geometrische Formen und ungewöhnliche Konstruktionen - in der Abendgarderobe gern durch eingenähte Reifen auf die Spitze getrieben wie bei seinem berühmten Schlauchkleid, das durch die stützenden Elemente eine fast skulpturale Gestalt bekam. Seine Mäntel und Kleider fertigte Cardin am liebsten ohne Schnittmuster, er zeichnete wenig. Er liebt die Live-Arbeit mit der Schere, was etliche Teile mit Cut-Outs beweisen.

Für zarte Verzierungen oder gemusterte Stoffe hat er wenig übrig. Vermutlich ist es auch diesem Umstand geschuldet, dass Cardins Space-Age-Kleider so viel besser gealtert sind als manch andere Mode aus jener Zeit. Etliches von dem, was hier nach Swinging Sixties aussieht, ist tatsächlich zehn, zwanzig, sogar dreißig Jahre später entstanden.

Auch technisch visionär

Cardin war seiner Zeit auch technisch voraus. Er stürzte sich auf die neu entwickelten, synthetischen Materialien. Vinyl, Lycra oder auch Plexiglas versprachen ganz neue Möglichkeiten für Formen und Texturen. Er erfand sogar einen eigenen Stoff: "Cardine", eine synthetische Thermofaser, die sich durch Einwirkung von Hitze individuell modellieren lässt. In Düsseldorf zeugen hiervon zwei Kleider, die mit reliefartigen Mustern geprägt wurden. Selbst bei den natürlichen Stoffen nutzte der Franzose gern raffinierte Versionen wie Wollkrepp oder Jersey.

Bei aller Extravaganz schauen die meisten Cardins eigentlich ziemlich gemütlich aus. Bewegungsfreiheit liefern dehnbare Materialien oder großzügige Schnitte. Allzweckkleidung: Einteiler oder Kleider, mit denen man im Handumdrehen gut gekleidet ist, die ebenso casual wie elegant und auch für Reisen geeignet sein sollen.

Mode für moderne Frauen

Damit unterstützte Pierre Cardin deutlich früher als andere Designer ein modernes Frauenbild, in dem die Frau selbstredend reiste und arbeitete, statt nur dekorativ herumzustehen. Aber auch den Männern erwies er einen Dienst. Als Erster der großen französischen Couturiers hatte er eine Herrenlinie in seinem Sortiment. Ab 1959 fertigte sein Haute-Couture-Haus zusätzlich Prêt-à-Porter-Mode. Damals eine Sensation.

In dieser Zeit vergab Cardin auch die erste Lizenz für seinen Namen. Etliche weitere sollten folgen. Für Brillen, Uhren, Parfüms, Möbel und vieles mehr. Irgendwann umfasste sein Firmengeflecht Hunderte Unternehmungen und fast tausend Lizenzverträge. Geschäfte, die ihm so viel einbringen, dass er finanziell unabhängig ist und künstlerisch vollkommene Freiheit genießt. Bis heute ist der 97-Jährige Alleineigentümer seines Modeimperiums und auch damit eine absolute Ausnahme in seiner Branche.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Kleidung aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Der jüngste Entwurf stammt aus dem Jahr 2017. Zusätzlich zu den Kleidern und Accessoires zeigen meterhohe Videoleinwände das reiche Designerbe des Franzosen, während im Hintergrund sphärische Synthiemusik klingt. "Pierre Cardin. Fashion Futurist" - ein schön schwelgerischer Trip durch die Zeit. Noch bis zum 5. Januar 2020 im Kunstpalast Düsseldorf.

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.