Wie sich Politikerinnen kleiden Neuer Führungs-Stil

Power Dressing bedeutet nicht mehr mausgrauer, breitschultriger Blazer und dreifach umgelegte Perlenkette. Politikerinnen kleiden sich heute individueller und zeigen: Selbstbewusstsein sieht jetzt anders aus.

Alexandria Ocasio-Cortez bei der ersten Sitzung des neu gewählten Kongresses im Januar 2019
Win McNamee/ Getty Images

Alexandria Ocasio-Cortez bei der ersten Sitzung des neu gewählten Kongresses im Januar 2019

Von Trisha Balster


Prominent blitzten Alexandria Ocasio-Cortez' Creolen bei ihrer Vereidigung im Januar. Dazu ein weißer Hosenanzug, schon stand die Garderobe der amerikanischen Kongressabgeordneten - samt Botschaft. Vermittelt nicht mit Worten, sondern durch Stoff und Ohrringe. In Weiß hätten 100 Jahre vor ihr Suffragetten für die Einführung des Frauenwahlrechts in den USA demonstriert, erklärte die 30-Jährige hinterher.

Die Creolen dagegen sollten gegenwärtig Benachteiligten Mut machen. Nach der Zeremonie schrieb Ocasio-Cortez auf Twitter: "Wenn das nächste Mal jemand zu Mädchen aus der Bronx sagt, sie sollen ihre Creolen abnehmen, können sie einfach erwidern, sie würden sich anziehen wie eine Kongressabgeordnete."

Auch Sibeth Ndiaye, Regierungssprecherin von Emmanuel Macron, kleidet sich gegen Klischees. Zu Pressekonferenzen trägt die 39-Jährige mal ein türkises Kleid mit Flamingo-Muster, mal eine blaue Variante samt Sonnenschirm-Print. Politische Gegner verglichen diese Farbenfreude hämisch mit den Teletubbies oder Zirkus-Kostümen. Der gängige Dresscode habe für sie einfach nicht funktioniert, sagte Ndiaye einmal in einem Interview: "Ich bin mollig. Ich habe ausgesehen wie ein Sack Kartoffeln". Also griff sie zur Schere und gestaltete ihre Garderobe selbst.

Gute Laune zum Anziehen: Mit ihrer bunten Garderobe krempelt Sibeth Ndiaye um, was in der französischen Regierung getragen wird
ludovic MARIN/ AFP

Gute Laune zum Anziehen: Mit ihrer bunten Garderobe krempelt Sibeth Ndiaye um, was in der französischen Regierung getragen wird

Bei Ocasio-Cortez und Ndiaye bedeutet Power Dressing nicht mehr mausgrauer, breitschultriger Blazer und dreifach umgelegte Perlenkette. Wie bei immer mehr Politikerinnen. Theresa May, die ehemalige britische Premierministerin, winkte auch mal in hochhackigen Schuhen oder Kleid mit Leopardenmuster in die Kameras, Bundeskanzelerin Angela Merkel experimentiert zumindest farblich. So unterschiedlich die Garderoben daherkommen, so einheitlich ist ihre Botschaft: Selbstbewusstsein zum Anziehen sieht jetzt anders aus.

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Der Hosenanzug im Wandel der Zeit: Marlene Dietrich trifft Mugler

Lange stand der Herrenanzug für stoffgewordene Autorität - gerade geschnitten, in seiner Optik unerschütterlich. "Wir haben Politik mit Männlichkeit und einem männlich artikulierten Machtanspruch verbunden - mit einer bestimmten Art des Redens, des Gestikulierens und einer gewissen Kleidungskultur", sagt Viola Hofmann. In ihrer Doktorarbeit über "Das Kostüm der Macht" untersuchte sie die politische Garderobe von 1949 bis in die Zweitausenderjahre. Gekleidet wurde sich damals nach der Devise: Ist der Anzug pragmatisch, wirkt so auch der Träger. Bloß keine Muster, Spielereien, Flatterhaftigkeit.

Chanel bediente sich als Erste an der Herrengarderobe

"Frauen mussten sich in dieser Kultur über ihre Kleidung komplett neu erfinden", sagt Hofmann. Als es in den Achtzigern zum ersten Mal in höhere politische Positionen ging, sollten sich die Frauen dem männlich geprägten Umfeld anpassen - und damit auch dessen Dresscode. Zu maskulin aber durfte es auch nicht sein. Kostüm war angesagt. 1970 marschierte die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer als erste Frau im Hosenanzug ins Parlament - es hagelte Kritik. Also trafen fortan Schulterpolster auf ultrafeminine Abnäher und Bleistiftröcke. "Auf der einen Seite sollten sie nicht Frauen sein, auf der anderen Seite mussten sie Frauen sein", sagt die Modetheoretikerin Barbara Vinken.

Dabei stellten Frauen in Hosen nichts Neues dar. Coco Chanel trug bereits in den Zwanzigern Herrenhosen. Der Ursprung dessen, was später Power Dressing genannt wurde, sagt Vinken. In den Sechzigern steckte Yves Saint Laurent Frauen in Smokings - Sinnbild der Androgynität. Die Hosenanzüge mit dramatisch breiten Schultern eines Giorgio Armani und Thierry Mugler wurden zum Abbild der Achtziger.

Nicht nur der Hosenanzug kann für Autorität stehen

Was aber in der Mode gefeiert wurde, musste sich abseits der Laufstege erst durchsetzen. Je öfter also Angela Merkel im Hosenanzug auftrat, desto mehr etablierte sich auch die Idee von Angela Merkel im Hosenanzug - und die nächste Konvention konnte angegangen werden. Wer sagt denn, dass der Hosenanzug Autorität symbolisiert - und nicht das Etuikleid?

Hier setzen auch Ocasio-Cortez und Ndiaye an. Power Dressing bedeute Mut zur Mode, sagt die Theoretikerin Vinken. "Und Mut zu zeigen: Ich kann auch durch meine Kleidung sprechen." Eine in Stoff oder Schmuck gefasste Botschaft wird in unserer von Bildern dominierten Welt schnell zum beachtenswerten Statement.

Alexandria Ocasio-Cortez' Creolen baumelten als subtiles, aber clever eingesetztes Zeichen für Feminismus nicht zufällig bei einem der wichtigsten politischen Ereignisse der USA an ihren Ohren. Sibeth Ndiaye trägt ihre individuellen Designs demonstrativ strahlend zur Schau, unbeirrt von den Kritikern. Manchmal ist das Aussehen eben pointierter als eine groß geschwungene Rede.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
roenga 22.10.2019
1.
Wer erfahren will wie die (veröffentlichende) Meinung auf männliche Politiker reagiert, die auch nur geringfügig vom üblichen (Uniform) Dresscode abweichen d. h. Anzug mit Hemd und passender Krawatte in den Farben schwarz, anthrazit, grau oder mittelblau, der soll einfach mal die Begriffe "Obama tan suit" googeln. Damals haben alle Medien nur über Obama und seinen beigefarbenen und geringfügig zu großen Sommeranzug berichtet. Niemanden hat der Inhalt seiner Pressekonferenz interessiert. Ein Politiker der sich auch nur farblich an den genannten Damen und ihrer Mode orientieren würde, könnte einpacken und seine Karriere vergessen.
dasfred 22.10.2019
2. Kleidung ist nicht alles
Der Hosenanzug oder das strenge Kostüm sind zwar als Damen Berufskleidung etabliert, aber eine Frau, die durch ihre Persönlichkeit und Ausstrahlung Präsenz zeigt, kann auch auf feminine Kleidung zurückgreifen, ohne an Autorität zu verlieren. Es gab schon immer eine klassische Eleganz, die sich nicht bei der Herrengarderobe ihre Anleihen holt.
vogelskipper 22.10.2019
3. AOC for president!
AOC - Alexandria Ocasio-Cortez zeigt das Frauenbild, das eigentlich schon immer ganz normal sein sollte, aber leider erst im Jahre 2020+ langsam durchzudringen scheint. Nämlich, dass Frauen jedes Recht haben sich feminin und auch sexy zu kleiden ohne dass ihnen deshalb von der Gesellschaft Intellekt, Würde oder Respekt abgesprochen werden und sie sich deshalb auch keine dummen Sprüche aus der Männer und Frauenwelt anhören müssen.
vogelskipper 22.10.2019
4.
Zitat von roengaWer erfahren will wie die (veröffentlichende) Meinung auf männliche Politiker reagiert, die auch nur geringfügig vom üblichen (Uniform) Dresscode abweichen d. h. Anzug mit Hemd und passender Krawatte in den Farben schwarz, anthrazit, grau oder mittelblau, der soll einfach mal die Begriffe "Obama tan suit" googeln. Damals haben alle Medien nur über Obama und seinen beigefarbenen und geringfügig zu großen Sommeranzug berichtet. Niemanden hat der Inhalt seiner Pressekonferenz interessiert. Ein Politiker der sich auch nur farblich an den genannten Damen und ihrer Mode orientieren würde, könnte einpacken und seine Karriere vergessen.
Das halte ich für sehr übertrieben! Wer was im Kopf hat wird sicherlich nicht wegen seiner Kleidung keine Karriere machen können.
spiegerlguckerl 22.10.2019
5. Nach der Kleidung zu urteilen
wird die Welt von einfallslosen Männern beherrscht. Vor allem in DC, wo die Vichy-Republikaner wie Totengräber mit Parteikrawatte aussehen: sie sind ja auch dabei, die US Demokratie Stück um Stück zu begraben (wie das auch Demokraten machen, wie die Clintons). Höchste Zeit für Frauen in den Regierungs- und Machtzentren. Go, AOC!
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