Eine Wanderratte nascht am Vogelfutter unter einer Magnolie
Eine Wanderratte nascht am Vogelfutter unter einer Magnolie
Foto: blickwinkel / IMAGO

Gartenkolumne – der Wurm drin Unerwünschte Überlebenskünstler

Viele Tiere sind willkommen im Garten – aber Ratten gehören nicht dazu. Wie wird man sie wieder los?
Von Katharina Stegelmann

Eine Szene, wie zu Beginn eines Horrorfilms: idyllische Zweisamkeit, behagliche Ruhe, dann – ein spitzer Schrei. Mein Mann, spitze Schreie von mir nicht gewohnt, war alarmiert. Ich, erstarrt am Küchenfenster: »Da. Ist. Eine. Ratte. Indermagnolie.« Er nahm einen großen Stockschirm, schlich nach draußen unter die Magnolie  und versetzte der Ratte mit dem Krückengriff einen Schlag.

Also fast. Richtig getroffen hat er sie wohl nicht, aber ich konnte sehen, wie sie halb springend, halb hinweggefegt unter der Hecke landete. Mein Drachentöter stocherte todesmutig im Laub herum, aber nichts rührte sich mehr.

Was hatte die Ratte vor?

Er war der Meinung, die Ratte sei fürs Leben geschockt und würde nie wiederkommen. Ich fand, Vorsicht sei besser und entfernte den von ihr angesteuerten Vogelfutterspender aus dem Baum. Ein zweiter Behälter hing sehr hoch, die Kletterpartie erschien mir zu heikel für das schwere Tier.

Drei Tage später erwischte ich sie. Sie versuchte, sich kopfüber (!) an die Futtersäule zu hängen. Was hatte sie vor? Wollte sie mit dem Plastikgehäuse vom Baum stürzen, den Inhalt herausschütteln? Wollte sie sich mit einem Zaubertrick schrumpfen und so Halt finden auf einer der kleinen Stangen, die für 20 Gramm leichte Meisen konstruiert sind? Wir werden es nie erfahren. Ich vertrieb das fette Vieh. Mit Handschuhen entfernte ich auch diesen Futterspender.

Mein Verhältnis zu den Nagern ist eindeutig: negativ. Schon in den Achtzigern beobachtete ich mit Schaudern, wie Punker in der Fußgängerzone weiße Ratten in die Ärmel ihrer Lederjacken krabbeln ließen. 2007 kam der Pixar-Film »Ratatouille« in die Kinos, die hilfsbereite Gourmet-Ratte Remy fand sogar ich ganz süß. Doch ich habe wohl einmal zu oft George Orwells Roman »1984«  gelesen. Darin spielen Ratten eine äußerst ungute Rolle.

Wie viele Ratten leben unter uns?

Wo Menschen leben, gibt es sehr oft auch Ratten. Wie viele in Hamburg unterwegs sind, ist unklar. Manche sagen, man müsse eine Ratte pro Person rechnen. Das wären in der Hansestadt aktuell ungefähr 1,85 Millionen. Andere behaupten, es seien zehn pro Bürgerin und Bürger. Über die tatsächliche Größe der Population können laut der Pressesprecherin des Amtes für Hygiene und Umwelt keine seriösen Angaben gemacht werden. Dort muss die Sichtung der Nagetiere gemäß der »Rattenverordnung« von 1963 gemeldet werden. In diesem Jahr erhielt das Amt bis Ende September 1080 Hinweise. Das sind weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum; im Jahr 2020 waren es insgesamt 1887 Meldungen – und ebenso viele Bekämpfungseinsätze.

Die als intelligent und extrem anpassungsfähig geltenden Säugetiere können Krankheiten übertragen, vernichten Vorräte, manchmal nagen sie an Leitungen oder Rohren. Um ihre Ausbreitung einzugrenzen, kommen zur Vernichtung der Ratten im öffentlichen Raum – Reste von Grillpartys im Park sind ein Fest für die Nager – behördliche Schädlingsbekämpfer zum Einsatz.

Ratten können alles: Tauchen, schwimmen, klettern sowieso

Ratten können alles: Tauchen, schwimmen, klettern sowieso

Foto: Dossy Lewin / iStockphoto / Getty Images

In unseren Breitengraden ist es die Wanderratte, Rattus norvegicus, die in Erdhöhlen, Lagerräumen, in der Kanalisation, eigentlich überall, lebt. Wanderratten können drei- bis fünfmal im Jahr Nachwuchs produzieren, jedes Mal kommen ungefähr sechs neue Familienmitglieder hinzu.

Wenn ich auf meinem Privatbesitz eine Ratte sichte, bin ich nicht nur verpflichtet, das zu melden, sondern auch, einen Kammerjäger zu bestellen – oder selbst auf die Jagd zu gehen. Wir haben jetzt eine Köderbox und Gift im Baumarkt gekauft. Die Box soll verhindern, dass andere Tiere – zum Beispiel Igel – sich vergiften.

Ratten können alles

»Kollateralschäden gibt es natürlich immer«, sagt der Chef der Firma »Kill Team«, Stefan Wulf. »Aber«, versichert er mir schnell, »Igel fressen das Gift eher selten.« Der Schädlingsbekämpfer spricht mit Respekt von den Tieren, die seinen Lebensunterhalt sichern: Täglich erreichen ihn Hilferufe von Leuten, die eine Ratte (oder eine ganze Familie davon) loswerden wollen. Ratten sind »Überlebenskünstler und können alles«, schwimmen, tauchen, klettern sowieso, erklärt mir Wulf. Und sie fressen alles: »Auch sich gegenseitig.« Ratten sind Kannibalen. Das macht sie mir nicht unbedingt sympathischer.

Wenn der Köder gefressen ist, »dann ist der Krieg noch nicht gewonnen«, gibt mir Wulf noch mit auf den Weg. Man müsse nachlegen, die im freien Handel erhältlichen Mittel wirken nicht immer beim ersten Mal. Gut zu wissen.

Die naturliebende Gärtnerin tut ja einiges dafür, alle möglichen Tiere in ihr Paradies zu locken: Vögel, Schmetterlinge, Igel, Marienkäfer – mit Brennnesseln, Totholzstapeln, Wildblumen, Wasserstellen und eben auch mit Vogelfutter wirbt man um Gäste im Grünen. Auf Ratten würde ich lieber verzichten.

Wenn Futter auf den Boden fällt, lockt das unwillkommene Fresser an

Wenn Futter auf den Boden fällt, lockt das unwillkommene Fresser an

Foto: iStockphoto / Getty Images

Jetzt muss ich den Vögeln bis auf Weiteres ihr Futter entziehen, weil mir die Ratten sonst auf der Nase herumtanzen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Da sind sich BUND, Kammerjäger und das Amt für Hygiene und Umwelt einig: Vogelfutter lockt die Nager an. Wie man das Risiko mindert und was man generell beim Vögelfüttern beachten soll, beschreibt zum Beispiel der Nabu . Aber die Gefahr bleibt bestehen, im Zweifelsfall holen die geselligen Nager ihre Kumpel dazu.

Viele Menschen füttern Vögel das ganze Jahr über. Wie sinnvoll oder hilfreich das ist, darüber streiten sich die Experten. Ein Ausgleich für die fehlenden Insekten sind Sonnenblumenkerne und Co. nicht unbedingt, und das Futter kommt Sommer wie Winter eher den ohnehin durchsetzungsstarken Arten zugute. Falsches Füttern kann sogar schädlich sein. Der Nabu empfiehlt die Vogelfütterung aber dennoch: »als einmalige Möglichkeit für Naturerlebnis und Umweltbildung«.

Im hinteren Teil unseres Gartens steht immer noch ein Vogelhaus. Ich habe es jetzt gründlich gereinigt und für die Futtersäulen werde ich Unterteller organisieren, damit nichts auf den Boden fällt und wieder ungebetene Fresser anlockt.

Bis ich die Magnolie wieder freigebe, muss etwas Zeit vergehen. Solange versuche ich, mich mit fernöstlicher Weisheit zu trösten: Im asiatischen und indischen Teil der Welt haben Ratten einen sehr viel besseren Ruf als hier im Westen. Wenn einem eine Ratte im hinduistischen Tempel Karni-Mata  über den Fuß läuft, soll das Glück bringen.

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