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Schirmgeschäft James Smith and Sons: Under my Umbrella

Foto: Horst A. Friedrichs

British Chic Warum man für einen Regenschirm 3500 Euro zahlen sollte

Sehr britisch, sehr edel: Seit 200 Jahren verkauft die Firma James Smith and Sons Regenschirme und Gehstöcke. Manager Phil Naisbitt verrät, wie man mit seinen Produkten Schnaps schmuggeln kann.
Von Eva Lindner

SPIEGEL ONLINE: Hat Rihannas Song "Umbrella" dem Geschäft mit den Regenschirmen zum Aufschwung verholfen?

Phil Naisbitt: Als das Lied rauskam, rissen zumindest viele Leute die Tür unseres Ladens in der New Oxford Street auf, rannten rein und sangen lauthals "You can stand under my umbrella, ella, ella". Allerdings gingen die meisten danach wieder, ohne einen Schirm zu kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Das kann auch daran liegen, dass ein Regenschirm bei James Smith schon mal 3500 Euro kostet.

Naisbitt: Das ist dann ein Regenschirm oder ein Gehstock aus einem sogenannten Schlangenholz, ein besonders massives, stabiles Holz im Muster einer Schlange. Davon verkaufen wir vielleicht zwei oder drei im Jahr. Einen kleineren Sonnenschirm bekommen unsere Kundinnen aber auch unter 100 Euro. So ein Schirm oder Stock muss ja oft nicht maßgeschneidert werden, er ist eine Komponente zu einem maßgeschneiderten Anzug, die der Kunde auch ohne Bestellung kaufen kann.

SPIEGEL ONLINE: Einen Regenschirm kann man an jeder Ecke für ein paar Euro kaufen. Warum sollte man sich einen für Hunderte Euro anfertigen lassen?

Naisbitt: Man bekommt überall günstige Schirme, aber die halten nicht. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft: Ist der Schirm kaputt, kaufen wir einen neuen. Unsere Kunden haben ihre Schirme ein Leben lang, sie schätzen die Handarbeit. Und wenn er doch mal kaputt geht, reparieren wir ihn.

SPIEGEL ONLINE: Regenschirme sind ja prädestiniert dafür, dass man sie vergisst. Haben Sie einen Tipp, was dagegen hilft?

Naisbitt: Das stimmt, ich habe meinen letzten auch im Zug liegen gelassen. Das Beste ist, man befestigt den Schirm an der Tasche oder lässt ihn am Handgelenk. Die meisten haben dafür eigens ein Band am Griff. Es gibt auch Apps, mit denen man den Schirm über sein Handy orten kann, das machen wir aber nicht. Das Einfachste ist, ihn nicht aus den Augen zu lassen und auf keinen Fall an jemanden zu verleihen, dessen Telefonnummer man nicht hat.

SPIEGEL ONLINE: James Smith ist das älteste Schirmgeschäft Europas und nach 200 Jahren immer noch in Familienhand. Viele Manufakturen kommen heute gegen die Massenproduktion nicht mehr an, wie überlebt Smith harte Zeiten?

Naisbitt: Wir haben natürlich kein Recht zu bleiben, nur weil es uns schon so lange gibt. Es gab früher in London sehr viele Schirm-Manufakturen, aber vor allem in den Achtzigerjahren sind mit Verbreitung der großen Einkaufshäuser viele pleite gegangen. Wir haben uns über die Jahre angepasst. Wir arbeiten mit Zulieferern in Italien, Frankreich und Deutschland zusammen, dadurch können wir eine große Auswahl bieten. Und wir bemühen uns um ausgezeichneten Kundenservice.

SPIEGEL ONLINE: Frauen mit Schirmen kennt man aus der viktorianischen Zeit oder von Mary Poppins, den Gehstock vor allem von Charlie Chaplin. Wer trägt denn heute noch ein solches Accessoire?

Naisbitt: Wir stellen traditionelle Stöcke von hoher Qualität her, die kommen gerade wieder in Mode. Früher ging ein Mann nicht ohne Schirm, Hut und Handschuhe aus dem Haus. Die Zeiten sind vorbei, aber es gibt wieder sehr viele Männer, die Wert auf Stil legen. Und die Leute brauchen die Stöcke: für Spaziergänge auf dem Land, zum Wandern, für Hochzeiten oder als Gehhilfe bei Knie- und Beinproblemen.

SPIEGEL ONLINE: Spielt das englische Regenwetter und die Funktionalität der Spazierstöcke eine größere Rolle als der Stil?

Naisbitt: Das hängt sehr vom jeweiligen Kunden ab. Viele ältere Menschen brauchen Gehhilfen, wollen aber etwas Schickes haben und nicht krank aussehen. Unsere Stöcke gibt es auch mit Sitzhilfen. Die Damen schützen sich vor der Sonne oder dem Regen. Sammler dagegen sind eher vom besonderen Stil aus Eiche, Ahorn oder Kirsche mit einem Griff aus Büffelhorn, Gravuren, Schnitzereien oder Silberaufsätzen angezogen. Wir stellen auf Wunsch auch Knäufe mit Tierköpfen wie Papageien, Hunden, Katzen oder Enten mit Kristallschnäbeln her. Aber auch jüngere Leute wollen nicht auf einer grauen Krücke gehen, wenn sie sich verletzt haben. Sie wollen ihre Stöcke nicht verstecken, sondern zeigen. Für sie fertigen wir leuchtende Gehhilfen mit bunten Mustern an.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Repertoire gibt es auch ein paar technische Spielereien mit abnehmbaren Griffen. Darin finden sich dann Würfel, eine Pfeife, ein Korkenzieher oder sogar Gläser.

Naisbitt: Ja, unsere Trinkstöcke sind besonders beliebt. Im ausgehöhlten Stock befindet sich ein schmales Gefäß mit der gewünschten Flüssigkeit und zwei kleinen Gläsern. So einen hatte schon der französische Künstler Henri de Toulouse-Lautrec. Wenn Freunde sich treffen, können sie gemeinsam trinken. Und das Ganze ohne aufzufallen - zum Beispiel während der Messe in der Kirche, in einer der hinteren Bänke.

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