Rente in Hollywood Ist George Clooney schon zu alt und faltig?

Hollywood kann ja wirklich sehr stressig sein. Deshalb treffen sich zwei deutsche Reporterinnen in Los Angeles regelmäßig zur Gesprächs- und Getränketherapie in einer Bar. Und wir belauschen sie dabei. Von Christine Kruttschnitt und Brigitte Steinmetz

AP/dpa

Seit vielen Jahren schon leben Christine Kruttschnitt und Brigitte Steinmetz in Los Angeles und berichten für große deutschsprachige Magazine über Hollywood und das Leben in Kalifornien. Die beiden haben noch nie einen Preis gewonnen, aber gehen regelmäßig zu den "Oscars". In unserer kleinen Serie "Happy Hour" lassen sie sich über ihren Alltag zwischen Kardashians und Kojoten aus. Und am Tag danach kann keine mehr so genau sagen, wer wen unter den Tisch geredet hat...

Christine Kruttschnitt und Brigitte Steinmetz: zwischen Kardashians und Kojoten
Chuck Mason

Christine Kruttschnitt und Brigitte Steinmetz: zwischen Kardashians und Kojoten

Dieses Mal treffen sich die beiden in einer Bar unweit des Washington Boulevard in Venice Beach: The Lincoln soll im Design an eine Autowerkstatt aus den Vierzigern erinnern, ist clean, männlich, schick, und die Jungs hinter der Theke tragen Dutt.

Sorry, bin ein bisschen zu spät, unsere Straße war gesperrt.

Immer noch Trump-Proteste?

Nein, unsere Wasserrohre waren geplatzt, passiert doch alle zwei Monate. Ich sah es gestern schon in den Schlaglöchern sprudeln. Aber anstatt sie zu verschrotten, flicken sie die alten Pipelines wieder zusammen und weiter geht's. Und selbst?

Ich trauere alten Zeiten nach. Da drüben war früher die Jukebox.

Du meinst früher wie: 1850, zu Lincolns Lebzeiten?

Vor ein paar Jahren hieß der Laden noch Red Garter Belt, der Gin Tonic kostete zwei fuffzig, und die Thekenschlampe hatte immer eine Fluppe zwischen den Zähnen, wenn sie unsere Drinks zusammenkippte.

Du bist sehr nostalgisch drauf. Hey, hello, Kellner?

Kellner (kurvt herbei): Ich bin Holden. Was kann ich für Sie tun?

Dieser Drink hier auf der Karte, "Boulevardier", spricht mich irgendwie an. Was ist da drin?

Kellner: Wir verwenden hierfür unseren Henry-Mckenna-Bourbon, können Ihnen auf Wunsch den Cocktail aber auch mit einer unserer insgesamt sechs Destillationen mixen, zum Beispiel mit dem Rittenhouse-Rye oder…...

Danke, Holden, bringen Sie uns einfach zwei Rosé.

Zwölf Dollar! Für den Preis konnte man sich früher betrinken und die ganze Nacht ABBA-Platten spielen.

Ich fürchte, du weinst der Gentrifizierung von Venice Beach zehn Jahre zu spät hinterher.

Ja, reicht es denn nicht, dass der Abbot Kinney Boulevard und die Rose Avenue zum Touristen-Trampelpfad verkommen sind? Jetzt wird auch noch der Lincoln Boulevard zur Hipness gezungen, er war immer so zuverlässig hässlich…. So viele Abschiede verkrafte ich nicht.

Äh, du meinst, weil deine Kaschemme plötzlich schick… ist...?

Nein! Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Obama ist raus, David Bowie tot, Prince tot. Und jetzt geht auch noch Robert Redford in Ruhestand.

Venice Beach, typischer Touristen-Trampelpfad
REUTERS

Venice Beach, typischer Touristen-Trampelpfad

Na komm, Letzteres ist doch vielversprechend.

Wie kannst du nur so zynisch sein?

Überleg doch mal, wer schon alles lautstark verkündet hat, in Pension zu gehen. Die Angie, der Brad, Barbra Streisand, Cher, die Eagles… und wo sind die alle? Unverdrossen am Mikroständer, als wäre nix gewesen.

Wo du's sagst… - Stephen King hat fast mehr Bücher veröffentlicht nach seiner Drohung, nie wieder eines zu schreiben, als zuvor.

Ich hab mal Steven Soderbergh gefragt, wieso er sich selbst pensionieren wollte. Erinnerst du dich, der hörte vorübergehend auf mit der Filmerei, weil die Studiobosse, wie er damals sagte, sich benähmen wie Furzkissen. Er sah aus wie zwölf. Er schien sich auf das, was wir Lebensabend nennen, richtig zu freuen. Wahrscheinlich, weil er dann endlich mal länger aufbleiben durfte.

Ja, die Lausbuben mit der Kamera…; Quentin Tarantino will auch nur noch zwei Filme machen, dann ist Schluss.

Ach was, dem fallen einfach keine Innereien mehr ein, die er noch auf die Leinwand spotzen könnte.

Kellner (platziert mit scharfer Geste zwei überdimensionale Kelche mit sehr wenig Rosé auf den Tisch. Indigniert): Tarantino schafft ikonische Kinobilder mit der Kraft alter Meister!

Oh. Tschuldigung.

Wegen Leuten wie dir wollte sogar Justin Bieber vergangenes Jahr in Rente gehen.

Ich erinnere mich: weil die Medien nur Lügen verbreiten, buhuhu. Aber dann rematerialisierte er sich zwei Tage nach seinem Abschiedstweet. Seine Kunst war in der Offline-Periode gereift.

Justin Bieber hatte seinen Abschied genommen, kehrte aber nach zwei Tagen zurück. Ärgerlich.
REUTERS

Justin Bieber hatte seinen Abschied genommen, kehrte aber nach zwei Tagen zurück. Ärgerlich.

George Clooney macht ja auch schon auf Greta Garbo. Seit Jahren erzählt er, dass es bald vorbei sei mit ihm als Leading Man, er findet seine Falten in HD-Schärfentiefe unzumutbar.

Ach, Koketterie. Hast du Charlize Therons neueste Gedanken dazu in der "Vanity Fair" gelesen? Sie sagt, mit 42 Jahren beginne ihr Leben erst, beziehungsweise die Ansprüche an sie als Schauspielerin seien endlich ihrem Talent angemessen.

Mir legte sie einmal eine halbe Stunde lang auseinander, dass eine ihrer größten schauspielerischen Herausforderungen darin bestehe, in Nacktszenen nicht zu sexy zu sein.

Dammit, und wenn ihr das nicht mehr gelingt?

Dann muss sie in Ruhestand. Hat Warren Beatty auch gemacht.

Warren Beatty! Du weißt, wir gehen zum selben Italiener.

Jaja. Dort, wo er Annette vor hundert Jahren den Heiratsantrag gemacht hat. Du gehst immer noch hin und bist ledig.

Wir mögen eben beide die Pizza. Hab ihn länger nicht gesehen - und jetzt lacht er mich plötzlich auf dem Cover von "AARP" an. Wieselgleich hat er einen neuen Film zusammengehüstert! In nur fünfzehn Jahren.

Ach, du beziehst das Senioren-Magazin? Doch sicher nur ehrenhalber. Ich hätte jedenfalls nie gedacht, dass er noch mal die Küchenschürze ablegt und wieder vor die Kamera tritt. Die Tochter meiner Freundin ging mit seiner Tochter zur Schule.

Ja und?

Das war die Tochter, die später sein Sohn wurde. Die Tochter meiner Freundin dokumentierte die Transformation in einem Fotoprojekt für die Schule. Aber bevor sie mit der Kamera bei den Bening-Beattys Zutritt bekam, wurde sie zum Abendessen geladen. Warren kochte, Annette delegierte. Die Rollen waren klar verteilt.

Seufz, wer sich's leisten kann. Unsereins wird nie in Ruhestand dürfen.

Es sei denn, wir werden gegen unseren Willen befördert. Letzte Woche war ich auf meiner ersten Pressekonferenz, auf der die Journalisten keine Fragen stellen durften. Stattdessen melkte ein Moderator dem Panel süße Nichtigkeiten aus dem Mund.

Bitte?!

Wir dachten, wir kommen gleich dran. Aber da war's schon vorbei.

Die Bar
  • Chuck Mason
    Aufgetischt: Cocktails mit urigen Namen und Weine aus kalifornischen Strandbaugebieten. Zur Unterlage Hot Dogs aus dem Automaten und Erdnüsschen für drei Dollar.
    Aufgelaufen: Beach-Babes mit Laptops, gemischt mit vergilbten Venice-Ureinwohnern.
    Aufgedreht: Achtzigerjahre-Mucke, keiner hört zu
    Aufgeschnappt: "Meine App funktioniert wie Twitter, nur mit zehn Buchstaben."


    Website von The Lincoln

Eine Trump-Trockenübung für den Umgang mit Mainstream-Media? Oder was war das?

Reine Hollywoodhysterie. Rate mal: Die Personen unseres Interesses sind ein männliches Sexsymbol, das in Scheidung lebt, und eine schwangere Französin. Das Scheidungsopfer erschien erst gar nicht zur Fragestunde, und der werdenden Mutter zum Schutze wurden wir kurzfristig unseres Grundrechts beraubt.

Wenn das mal nicht das "new normal " wird.

(Blicken im Raum herum: Mittzwanziger in Holzfällerhemden und ihre Begleiterinnen mit Doc Martens an den Füssen und Oma-Taschen unterm Arm schreien sich über Cocktails aus Einmachgläsern an)

Man kann nicht sagen, dass diese Silicon Beach Babes sexy sind.

Die sind schon für den Ruhestand gerüstet. Mein ehemaliger Nachbar hat sich mit 37 in Frührente verabschiedet. Er hat irgendwas mit Virtual Reality entwickelt, ließ sich von Google kaufen, dann von Snapchat abwerben, und jetzt spielt er Wohltätigkeitszar mit Porsche. Davon träumen die doch alle.

Und wenn man nicht aufhören will?

Dann nennt man das Altersstarrsinn. Da fällt mir Jerry Lewis ein.

Nicht schon wieder.

Hab' ich das schon mal erzählt?

Ja, deine Sternstunde, wie er dich zu Hause anrief...

Während ich Essen kochte!

Und er versprach, dir das beste Interview deines Lebens zu geben...

...aber nur, wenn er dafür 10.000 Dollar bekommt. Weil er es schon lange nicht mehr nötig hatte, Interviews zu geben.

Er hat halt Sinn für Humor.

Deswegen kehrte er ja auch zurück auf die Bühne. Keiner von uns konnte ihn für seine Anekdoten bezahlen, also tingelt er mit 90 wieder live durchs Land. Die Kids hier fänden ihn cool. Ungefähr so wie Sauropoden. Zu seinem Achtzigsten musste ich ihn per Fax anfragen, weil er E-Mails und Internet verweigert.

Mister Holden, können wir noch einen Rosé bitte?

Kellner: Kommt sofort. Aus gegebenem Anlass…...

(blickt strafend auf den Nebentisch, wo drei junge Männer mit Wollmützen und mürrischen Gesichtern nach Dollarscheinen kramen)

Kellner: …...muss ich Sie darauf hinweisen, dass wir Apple-Pay nicht akzeptieren.

Ach nein? Das haben die doch erfunden!

Kellner, vornehm: Die digitale Ruhezone ist Bestandteil unseres Konzepts.

Ah. Retro. Verstehe. Lincoln war übrigens der Lieblingspräsident von unserem Lieblingspräsidenten. Aber bevor uns die Melancholie vollends umnebelt, worauf trinken wir jetzt?

Auf einen Neustart!



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