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Architektur von Ricardo Bofill: Meister der Klötzchen

Foto: Salva Lopez/ Gestalten

Stararchitekt Ricardo Bofill Schloss endlich

Eine neue Monografie würdigt das Werk des Architekten Ricardo Bofill. Der Spanier träumte von Schlössern für alle. Sein Meisterwerk - ein Fabrikpalast - aber wird wohl unvollendet bleiben.

Modularbauten: Bei dem Wort denken viele an graue Platte. Wohnhäuser wie die in der Splanemann-Siedlung in Berlin-Friedrichsfelde, in den Sechzigern lieblos aus Betonplatten und Stahl zusammengefügte Wohncontainer. Das Bauen mit vorgefertigten Teilen sollte damals Wohnraum schaffen, möglichst schnell und günstig. In Chemnitz und Halle - aber auch in westdeutschen Städten wie Köln schossen deshalb ganze Siedlungen mit Plattenbauten aus dem Boden.

Was weniger bekannt ist: Auch namhafte Architekten bedienten sich damals dieses Baukastensystems. Einer von ihnen ist Ricardo Bofill, dem Gestalten gerade eine neue Monografie gewidmet hat. Der spanische Architekt ist heute bekannt für Luxushäuser wie das "W Hotel" in Barcelona oder den Platinum Tower an der Küste Beiruts. Davor war er aber noch im Niedrigkostenbereich unterwegs - und entwickelte darin einen ganz eigenen Stil.

Ricardo Bofill entschied sich mit seiner "Taller de Arquitectura" (deutsch: Architekturwerkstatt) bei vielen seiner Häuser für kostensparende Betonteile, vor allem in Spanien und Frankreich. Allerdings setzte er die Stücke nicht zu immergleichen Quadern zusammen. Abstrakte, geometrische Formen wollte er so zu Häusern verbinden, dass sie sich für die Bewohner vertraut und heimelig anfühlen. "Architektur ist der Sieg des Menschen über das Irrationale", schreibt Bofill in "Visions of Architecture". Am Ende entstanden so vollkommen unterschiedliche Wohnkomplexe.

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Architektur von Ricardo Bofill: Meister der Klötzchen

Foto: Salva Lopez/ Gestalten

Eines seiner ersten Werke, "Kafkas Schloss", ein Wohngebäude in der Provinz von Barcelona, wirkt zunächst wie zusammengewürfelt, wie aus einem Legobaukasten. Tatsächlich aber sind die Kuben mathematisches Kalkül. Alle liegen exakt 70 Zentimeter versetzt zu ihrem Nachbarn. Jede Box entspricht genau einem Zimmer. Von der Straße betrachtet, lässt sich das Konzept kaum durchschauen, doch die Fassade ist ein architektonisches Meisterwerk. Außerdem boten die flexiblen Module Bofill die Möglichkeit für eine "Ciudad en el Espacio", eine Stadt im Raum.

Für sein Projekt "Walden 7" ging er ähnlich vor. 18 Türme und Wohneinheiten von jeweils 30 Quadratmetern verschachtelte Bofill, sodass Brücken, Balkons und Aussichtsplattformen entstanden. Die Gebäude sind damit oft wie abgekapselte, eigene Welten. Als "fremd wirkende Festung" beschreibt Fotograf Nacho Alegre in dem Buch den Baukörper.

Bofill hatte eher die Utopie einer sogenannten städtischen "Megastruktur" im Kopf: einer Stadt, in der sich einzelne Komponenten flexibel und immer wieder neu an die Bedürfnisse der Bewohner anpassen und verschieben lassen. Häuser wie das "Walden 7" kommen dieser Idee recht nahe. Ganz verwirklicht wurde Bofills Vision aber nie.

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Ricardo Bofill: Visions of Architecture

Verlag: Die Gestalten Verlag
Seitenzahl: 300
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Bei bloßen Modulbauten blieb es bei Bofill deshalb auch nicht sehr lange, wenngleich er noch in seinen späteren Bauwerken immer wieder mit industriell gefertigten Formen und Materialien experimentierte. Die kombinierte er ab den Siebzigerjahren aber immer mehr mit neoklassizistischen Elementen zu pompösen Prachtbauten.

Bofill selbst zum Beispiel lebt und arbeitet bis heute in seinem Domizil "La Fábrica" in Sant Just Desvern, einer mit 17.000 Einwohnern eigentlich überschaubaren Gemeinde, zehn Kilometer westlich von Barcelona. 1973 kaufte er dort eine leer stehende Zementfabrik: 5000 Quadratmeter Fläche, Hochsilos, Maschinenräume und ein Betonschlot, der sämtliche Dächer der Umgebung überragte.

Bofill baute die Anlage um zu seinem privaten Fabrikschloss, mit Büros und Atelierräumen. In die Silotürme ließ er Fenster ein, schmal und hoch. Mit streng geometrischem Maßwerk, beinahe wie in einer gotischen Kirche. Von den Türmen ranken Pflanzen. Die Betonfassaden dahinter wirken wie aus einer anderen Zeit, wie eine versteinerte Utopie. Fertig ist "La Fábrica" bis heute nicht, wird es vielleicht auch nie. Bofill wird dieses Jahr 80. Es wird wohl sein unvollendetes Meisterwerk bleiben. Für Gebäude dieser Dimensionen gibt es nämlich keine vorgefertigten Teile.

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