Body Positivity "Ich male dicke Mädchen in allen Hautfarben"

Die Zeichnerin Cécile Dormeau gilt als Vorreiterin einer Bewegung, deren Ziel es ist, den eigenen Körper zu respektieren. Sie zeigt Frauen, wie sie sind: unrasiert, blutend, nicht perfekt. Hier erklärt sie, was sie antreibt.

"Meine Illustrationen sind ehrlich, empathisch und voller Humor", sagt Cécile Dormeau
Cécile Dormeau

"Meine Illustrationen sind ehrlich, empathisch und voller Humor", sagt Cécile Dormeau


Schönheitsideale ändern sich. Vor 20 Jahren bedeutete schön sein auszusehen wie Kate Moss. Heute wie Kim Kardashian. Schönheit ist ein soziales Phänomen. Wir als Gesellschaft definieren sie, sie liegt im Auge vieler Betrachter. Und die schauen immer genauer hin. Auf allen Kanälen.

Junge Frauen, aber auch Männer, fühlen sich durch diese medial propagierten Standards unter Druck gesetzt. Instagram, der Ort, an dem so viele krampfhaft die beste Version ihrer selbst zeigen wollen, wird zum Spiegel eines verzerrten Körperbewusstseins: glatt und gefiltert, immer glücklich und hübsch. Ein Quell der Inspiration für die einen, reines Gift für die anderen. Genau diese Plattform habe ich gewählt, um gegenzuhalten.

    Cécile Dormeau, 30, arbeitete in internationalen Designagenturen in Hamburg, Berlin und Frankfurt, bevor sie ihre Karriere als Illustratorin startete. Zu ihren Kunden zählen heute Google, Wetransfer, SPIEGEL Wissen, "HuffPost" und andere. Außerdem hält sie Vorträge zum Thema Body Positivity. Auf Instagram folgen der Französin fast eine Viertelmillion Menschen.

Ich zeichne Illustrationen und Cartoons von Frauen und jungen Mädchen - so wie sie sind, in echt. Ich male dicke Mädchen in allen Hautfarben. In den Medien sind selten dicke Frauen zu sehen. Wenn doch, dann sind sie in der Regel alleinstehend, hässlich und werden verspottet. Ich kann mich an keinen Film erinnern, in dem sie Objekt der Begierde sind. Sie sind einfach nur dicke Frauen, die allein über ihren Körper definiert werden.

Mit meinen Zeichnungen möchte ich zeigen, dass sich menschliche Schönheit in verschiedenen Formen und Facetten zeigt. Und ich mache auch darauf aufmerksam, dass das Wort "fett" keine Beleidigung sein sollte. Meine Illustrationen sind ehrlich, empathisch und voller Humor.

Der amerikanische Autor Bret Easton Ellis beklagte kürzlich in einem Essay für die italienische "Vogue" den Niedergang der Modewelt, wie sie einst existierte - exklusiv und märchenhaft, so wie er sie in seinem Roman "Glamorama" 1999 beschrieb. Diese Welt sei der Millennial-Mentalität zum Opfer gefallen. Die "Besessenheit" der heutigen Gesellschaft mit "Konzepten wie Inklusivität und Body Positivity" habe die Anziehungskraft der Modewelt zerstört. Er wüsste gern, ob es eine Generationenfrage ist, Schönheitsideale in Zweifel zu ziehen.

Mit Bildern wie diesem kämpft Cécile Dormeau gegen gesellschaftliche Zwänge und Schönheitsideale
Cécile Dormeau

Mit Bildern wie diesem kämpft Cécile Dormeau gegen gesellschaftliche Zwänge und Schönheitsideale

Die Philosophin und Autorin Rebekka Reinhard setzt genau darauf. "Die Generation Z propagiert in geradezu rebellischer Weise ein neues Anti-Schönheitsideal", meint sie. Für die Jungen zählen weniger perfekte Proportionen als vielmehr Ecken und Kanten als Ausdruck von Identität und Erfahrung. Für mich geht die Entwicklung noch weiter. Body Positivity reicht nicht, Body Diversity muss der nächste Schritt sein. Akzeptanz schaffen für die Vielfalt der Körperformen: Es sollte egal sein, welcher Herkunft, religiösen Ausrichtung und sexuellen Orientierung ein Mensch ist. Zudem spielt ein neuer Feminismus eine entscheidende Rolle.

Aus dem S-Magazin

Es sind nicht nur die jungen Menschen, die der Modeszene der Neunzigerjahre den Zauber genommen haben - sondern auch einstige Branchengrößen, die in den vergangenen Jahren mit wenig schönen Details aus dieser "exklusiven Welt" auspackten. Etwa der Modelagent James Scully, Entdecker von Kate Moss, der Rassismus und Missbrauch in dieser Blase öffentlich kritisierte. Oder die Models selbst, die zum Beispiel den Fotografen Terry Richardson der sexuellen Übergriffigkeit überführten. Was damals passierte, ist heute kaum mehr möglich. Diese Entzauberung, ebenso wie die #MeToo-Debatte und die Arbeit von Frauen wie mir - all das treibt die Body Positivity- und Body Diversity-Bewegung voran.

Meine Arbeiten sollen alles ans Licht bringen: innere Komplexe, das Ringen um Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Mich interessiert alles, was wir nicht zeigen, was mit Scham und Tabus behaftet ist. Ich zeige die Diversität weiblicher Körper und gehe offen um mit negativen Gefühlen, sexueller Belästigung und Selbsthass. Ich möchte Klischees abschütteln, das Nicht- Perfekte feiern in einer Welt, die sich obsessiv damit beschäftigt, wie man aussehen sollte. Ich versuche, dieses komplexe Thema mit Humor zu entschärfen. Die Bilder, die ich auf Instagram poste, sollen wie eine virtuelle Umarmung wirken für Menschen, die sich gerade nicht wohlfühlen in ihrem Körper.

Schönheit zu definieren ist altmodisch

Wir leben in einer Zeit, in der nicht mehr nur ein Schönheitsideal dominiert. Und vielleicht erleben wir den Beginn einer Ära, in der Schönheit nicht mehr zwingend "ideal" sein muss. Schönheit zu definieren ist altmodisch. An der Vergangenheit festzuhalten, wie Bret Easton Ellis es tut, ist überholt. Schönheit bildet und wandelt sich. Das als Gesellschaft zu erkennen ist ein großer Schritt in Richtung Akzeptanz der Andersartigkeit. In einer globalisierten Welt ist genau diese Anerkennung von Verschiedenheit ein Schlüssel zu Frieden und Freiheit. Der menschliche Körper verändert sich sein Leben lang. Er nimmt zu und ab, wird alt. Dabei gehört er immer zu uns. Doch der Mensch ist viel mehr als seine äußere Gestalt.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
lupenreinerdemokrat 04.11.2019
1. Wäre auch mal Zeit,
dass man bei Männern nicht nur auf das Aussehen und das Einkommen als Frau schaut. Auch Männer verdienen es, so respektiert zu werden, wie sie sind: unrasiert, haarig, nicht perfekt, manchmal schwitzend......
willem_vonwegen 04.11.2019
2.
Ich bin selbst übergewichtig und ich mag es nicht. Ich hab häufig Rückenschmerzen, einfache Tätigkeiten können schnell anstrengend werden weil mein Bauch im weg ist und ich noch zusätzliches Gewicht mit mir rumtrage. Aber ich weiss genau dass es in meiner Verantwortung liegt was dagegen zu machen. Fakt ist: ich esse viel, gerne und häufig eher wohlschmeckend als Gesund und ich bewege mich zu wenig. Und dafür bin ich verantwortlich, ist nunmal so. Und ich bin es der damit leben muss, solange ich nicht selber etwas daran ändere. Meine Verantwortung, meine Entscheidung. Aber mir würde im Leben nicht einfallen vom Rest der Menschheit zu erwarten dass alle mich in meiner Selbstverschuldetwn Fettleibigkeit noch bestärken. Gehts noch? Fett sein ist unangenehm, es ist ungesund, meinetwegen auch uncool und unattraktiv. Aber das ist nicht die Schuld aller anderen, schon garnicht weil es selbstverschuldet ist.
Augapfel 04.11.2019
3. @willem, vielen Dank !
Ja, weil Dein Statement das Ehrlichste und leider auch seltenste Statement eines Betroffenen zum Thema ist. Ich kann all die selbstmitleidigen Lipödemdiagnostizierten, sich selbst als "kräftig" verharmlosend bezeichnende Übergewichtige nicht mehr "hören", will sagen lesen; und Dein Geschriebenes lässt mich Dir Ehre und Respekt erweisen , einfach weil Du abseits aller "political correctness" sagst, was wirklich Sache ist. Nun ziehe ich mit meinem mangelnden Selbstbewusstsein und meiner anderen psychischen Macken, deren Beschreibung hier den Rahmen sprengen würde, von dannen; ich tue sie hier ansatzweise kund, um eigene Schwächen darzulegen. Dir von Herzen alles Gute !
philosophus 04.11.2019
4. Soziales Phänomen ?...
Das Schöne erfülle keinen äusseren Zweck, nicht mal den Zweck schön zu sein. Es bildet ganz naturgemäss ein in sich stimmiges, harmonisches Ganzes, dem man nichts hinzufügen oder wegnehmen kann.DAS ist Schönheit und ist an sich zeitlos: war, ist und wird immer so sein. Schönheit als "soziales Phänomen" zu bezeichnen, ist eine Herabwürdigung und hat NUR mit der Vermarktung der "Schönheit" und nicht mit der eigentlichen Schönheit zu tun !...
Kanalysiert 04.11.2019
5.
Man muss es nicht schön finden, wenn sich Jemand um seinen Körper nicht kümmert. Man muss aber auch keine abfälligen Bemerkungen dazu machen. Beides sollte kein Problem sein, wenn man nicht deppert im Schädel ist.
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