Nostalgie in Deutschland Heimat - ein Ort im Gestern

Deutschland droht von einem Land mit Fernweh zu einem Land mit Heimweh zu werden. Früher gab es zu viel Heimat, heute gefühlt zu wenig. Ein Phantomschmerz.
Bayerische Urlauber auf Mallorca

Bayerische Urlauber auf Mallorca

Foto: picture-alliance

Heimat tut oft weh. Sie schmerzt, wenn sie unerreichbar ist, verloren, zerstört. Und sie schmerzt, wenn sie allgegenwärtig ist, überpräsent, dominant. Denn Heimat ist ambivalent: Sie kann Sicherheit vermitteln und Geborgenheit, sie kann aber auch ein Gefängnis sein. Die längste Zeit der Bundesrepublik war sie ein Gefängnis.

Heimat schmeckte nach Blutwurst und Boden, sie muffelte nach Kohl, schon das Wort schepperte in den Ohren wie Blasmusik. Heimat, das war Socken in Sandalen und draußen nur Kännchen, das war ein biederer, provinzieller, deutschtümelnder Ort, eng umgrenzt von Jägerzäunen, die im Rückblick nur zu einem gut waren: zum Drüberhüpfen. Urlaub machen hieß flüchten: nach Italien, Spanien, Griechenland, in die Türkei.

Heute ist aus einem Land mit Fernweh ein Land mit Heimweh geworden. Der Gin kommt aus Deutschland, das Craft-Beer aus der kleinen Brauereimanufaktur im eigenen Stadtteil, und die Übernachtungszahlen an der Ostsee steigen seit Jahren. Was nicht an den Preisen liegen kann, schon eher daran, dass Warnemünde sich sicherer anfühlt als Antalya.

Die Welt ist enger zusammengerückt, durch Globalisierung und Migration, durch Tourismus und Internet. Die Menschen führen ein digitalisiertes, dauermobiles Leben. Sie wechseln häufig den Wohnort (und noch häufiger den Arbeitgeber), sie verlassen die Kirche (und ihren Partner sowieso), sie sind radikale Individualisten, die ausgebrochen sind aus dem Gefängnis, das die Soziologie Normalbiografie nennt. Nun fühlen sie sich unbehaust.

Solange Grenzen existieren, will man sie überwinden; aber wenn die Freiheit grenzenlos ist, ist die Unsicherheit es bald auch. Ein bisschen wie bei Kleinkindern, die sich in Parks oder Cafés forsch auf große Expedition begeben, solange nur der Vater noch in Blickweite ist und schaut. Familie und soziale Klasse, Kirche und Partei, das Unternehmen, dem man ein Leben lang angehörte: Sie alle vermittelten früher Traditionen und Überzeugungen, sie setzten Grenzen, aber sie stifteten auch Identität, sie schenkten Heimat.

Heimat war das, was immer schon da war. Heute ist Heimat kein Schicksal mehr, das einen bei der Geburt ereilt, heute wird Heimat nicht mehr erlitten, aber das heißt auch, dass sich heute jeder seine Heimat allein erarbeiten muss, immer wieder neu: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie will ich wahrgenommen werden? Manchmal hilft dabei schon ein Craft-Beer. "Heute über Heimat zu sprechen heißt vor allem, über ihren Verlust zu reden", schreibt der Schriftsteller Christian Schüle in seinem Buch "Heimat. Ein Phantomschmerz".

Aus dem S-Magazin

Ausgabe 1/2017

Heimat
Designer, Künstler, Modeschöpfer auf der Suche nach einer neuen Geborgenheit

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Heimat ist Erinnerung, Nostalgie, ein Ort im Gestern: in einem Reich, in dem wir noch nicht via Internet mit der ganzen Welt vernetzt waren. Wir führten Ortsgespräche. Die Suche nach Heimat ist die Suche nach dem Besonderen, dem Nicht-Seriellen, dem Authentischen, das die globalisierte Wirtschaft noch nicht in jedem Winkel der Welt anbietet. Unsere Heimatsehnsucht führt dazu, dass Manufakturen plötzlich wieder wettbewerbsfähig sind, dass wir zerstörte Gebäude aufbauen (das Stadtschloss in Berlin) oder historische Gerichte rekonstruieren (Omas Apfelkuchen), natürlich mit Zutaten aus der Region. Heimat auf dem Teller.

Die neue Heimat ist nicht national, sie ist regional. Außer bei der AfD natürlich, deren Slogan scheppert wie ein Blasmusik-Echo aus fernen Zeiten: "Unser Land, unsere Heimat". Die AfD-Plakate für die Bundestagswahl hat der Schriftsteller Thor Kunkel entworfen, auf einem prosten drei Weinköniginnen in die Kamera, darüber die Zeile: "'Burka?' Ich steh mehr auf Burgunder", auf einem anderen sind drei Frauen in Tracht zu sehen, jede in einem anderen Modell: "'Bunte Vielfalt?' Haben wir schon."

Heimat, schreibt der Buchautor Schüle, werde wieder "aufgerüstet zum politischen Kampfbegriff, der das Eigene gegen das Schicksal des Fremden verteidigt". Früher hätte einem das die Heimat verleidet. Heute sind genug Italiener und Spanier, Griechen und Türken da, sodass man sich trotz solcher Deutschen in Deutschland zu Hause fühlen kann.

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