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Psilocybin ist unter anderem in Pilzen der Gattung Kahlkopf enthalten. Der Stoff bewirkt einen psychedelischen Rausch
Psilocybin ist unter anderem in Pilzen der Gattung Kahlkopf enthalten. Der Stoff bewirkt einen psychedelischen Rausch
Foto: Getty Images

Microdosing von Psychedelika Statt Kaffee lieber eine kleine Dosis LSD

Auf der Suche nach dem besseren Ich greifen Menschen wieder zu psychedelischen Drogen. Und auch Depressive hoffen auf Heilung durch bewusstseinserweiternde Substanzen.
Ein Selbsterfahrungs-Bericht von Anne Philippi aus S-Magazin 2/2020

Transparenzhinweis: Die Redaktion weist darauf hin, dass die Autorin dieses Artikels Gründerin von "The New Health Club" ist, einer "Plattform für neue Psychedelika", auf der künftig möglicherweise auch Psychedelika kommerziell vertrieben werden. Der Hinweis an dieser Stelle erfolgt aufgrund einer Rüge des Presserats.

Es passierte am helllichten Tag, unter jamaikanischen Palmen, und wurde als Unterhaltungsprogramm in die Wohnzimmer der Netflix-Welt übertragen: Ein Mann und drei Frauen ließen sich dabei filmen, wie sie an einer Zeremonie mit psychedelischem Psilocybin-Tee teilnahmen. Solch ein Magic-Mushroom-Trip ist in Jamaika gestattet. Die vier arbeiten für Gwyneth Paltrows Unternehmen "Goop", das neben Lifestyle- und Wellnessprodukten auch "The Goop Lab Show" im Programm hat. Man konnte in der Sendung zuschauen, wie die Goop-Angestellten langsam in ihre psychedelische Erfahrung glitten - von fachkundigem Personal, sogenannten Trip-Helfern, begleitet. Die Aktion sei "transformativ" gewesen und "effektiver als Jahre mühsamer Therapie", erzählten sie danach vor laufender Kamera.

Trips sind fernsehtauglich geworden. Netflix plant für dieses Jahr schon die nächste Sendung zum Thema. In "Have a Good Trip: Adventures in Psychedelics" erzählen Hollywood-Stars von ihren bewusstseinserweiternden Erlebnissen, die von Comic-Figuren nachgespielt werden.

Warum kommen Psychedelika jetzt wieder in Mode? Sind die Zeiten der Nüchternheit und bewusster Lebensführung vorbei? Ganz und gar nicht. Denn es geht bei den derzeit angesagten Substanzen weniger um den Rausch als vielmehr um Selbstoptimierung. Die Pioniere wollen sich nicht wegschießen, sondern mit minimalen Dosen geistig fitter machen. Es handelt sich um eine Art moderner Meditation. Firmengründer aus dem Silicon Valley machen es seit einigen Jahren vor: Sie haben zum Beispiel Ayahuasca wiederentdeckt. Der Pflanzensud aus einer Liane und den N,N-Dimethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchs wird von den Treibern der Zukunft gern als Tee serviert.

Mein Trip dauerte vier Stunden. Ich habe gesehen, wie sich Zellen in meinem Körper teilten.

Der Investor Tim Ferriss erzählte der "Financial Times" kürzlich, fast alle Tech-Milliardäre aus seinem Bekanntenkreis nähmen regelmäßig Halluzinogene - in kleinen Mengen. Im Valley heißt es, manche Unternehmer starteten lieber mit einem Döschen LSD in den Tag als mit einem Kaffee. Das mache den Blick klar und erhöhe die Konzentrationsfähigkeit. Molly Maloof, Ärztin und Stanford-Dozentin, beschreibt es so: "Die Hippie-Generation 2.0 nutzt LSD, um den Sinn des Lebens zu finden und ihr Potenzial zu erhöhen, nicht um Party zu machen."

Ob das Mittel wirklich diesen Zweck erfüllt, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Doch das spielt keine Rolle, wenn sogar Leute wie Steve Jobs darauf abfuhren. Der 2011 verstorbene Apple-Gründer pries schon in den Siebzigerjahren die Kraft von LSD: Jobs hat nach eigenem Bekunden sein Unternehmen auf Einsichten aufgebaut, die er während seiner Trips gewonnen habe. "Das war eine grundlegende Erfahrung. Eine der wichtigsten in meinem Leben", sagte er.

Unternehmer und Kreative streben seit jeher nach Spitzenleistungen, suchen aber auch nach Mitteln zur Krisenbewältigung - und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Solche Ängste will die psychedelisch verstärkte Selbsterfahrung ebenfalls in den Griff bekommen. Eine Teilnehmerin aus Paltrows Mushroom-Episode entschied sich für den Trip, um ein Trauma loszuwerden, das sie seit dem Tod ihres Vaters mit sich herumschleppte und das bei ihr zu einer diffusen Lebensangst führte.

Erfahrungen auf einem Vier-Stunden-Trip

Diese Angst greift jetzt erst recht um sich. Vor einem Jahr habe ich erstmals selbst einen LSD-Trip gemacht, begleitet von einem Psychiater. Ich hatte mich mit dem Thema schon länger beschäftigt, hatte Michael Pollans Buch "Verändere dein Bewusstsein" verschlungen, denn das war es, was ich wollte: mich neu aufstellen, alte Lasten loswerden. Pollan beschreibt, wie man diesem Ziel durch psychedelische Erfahrungen näherkommen kann. Der renommierte US-Autor hat selbst Psychedelika unter Aufsicht getestet.

Mein Trip dauerte vier Stunden. Ich habe gesehen, wie sich Zellen in meinem Körper teilten und ich mit Zwillingen von einem jüdischen Ehemann schwanger war. Ich fühlte mich glücklich. Als ich wieder bei mir war, löschte ich die Dating-App auf meinem Handy. Ich spürte den Beginn einer Veränderung. Ich war ganz klar, und so wurde mir bewusst, dass ich die letzten Jahre womöglich ein unzufriedener Single mit Weltschmerz und Ängsten war, aber nicht depressiv.

Pollan führt das neu erwachte Interesse an Psychedelika zuallererst auf die weltweite Zunahme von Depressionserkrankungen zurück. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von mehr als 300 Millionen Menschen, die unter Depressionen und Angststörungen leiden. Die Umsätze mit klassischen Psychopharmaka sind zuletzt stetig gestiegen, obwohl ihre Wirksamkeit von zahlreichen Ärzten angezweifelt wird. Pollan empfiehlt, besser auf Psychedelika wie Psilocybin, LSD oder Ayahuasca zurückzugreifen, statt diese zu kriminalisieren oder als Auswuchs einer von den Hippies inspirierten Gegenkultur zu brandmarken.

Derzeit formiert sich eine neue Generation von Wissenschaftlern, die über Psychedelika forschen. Am Imperial College London und der Johns Hopkins University in den USA wurden Studien aufgelegt, um die Wirksamkeit von Psychedelika zu untersuchen. Ziel ist es herauszufinden, ob diese möglicherweise Psychopharmaka ersetzen und bei der Heilung von Belastungsstörungen, Traumata und Depressionen helfen können.

Auch in Deutschland wächst das Interesse an den bewusstseinserweiternden Substanzen. Professor Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim bereitet gerade eine Psilocybin-Studie vor - und stößt auf Widerstände: "In Deutschland läuft die Zulassung einer solchen Untersuchung sehr bürokratisch ab. Dabei ist der Druck hoch", sagt Gründer. Patienten, die sich für eine Teilnahme interessieren, hätten meist erfolglos Psychopharmaka über lange Zeit ausprobiert und suchten nach Alternativen.

Cary Grant war ein Fan der LSD-Psychotherapie

Für neue Forschungen und Anstöße braucht es Menschen mit Überzeugung - und Geld. Christian Angermayer gehört zu den aktivsten Psychedelika-Anhängern: "Ich hatte vor ein paar Jahren eine tief gehende persönliche Erfahrung mit Magic Mushrooms", erzählt der Unternehmer und Investor. Danach sei ihm sofort klar gewesen, warum diese Substanzen eine positive Wirkung auf Menschen haben könnten. Der 41-jährige Bayer mit Wohnsitz in London hat mehrere Biotech-Firmen gegründet und investiert unter anderem in neue Medikamente für geistiges Wohlbefinden. Seine Firma Atai Life Sciences arbeitet an der medizinischen Nutzung von Psychedelika zur Behandlung von Depressionen, Angstzuständen und Süchten. Angermayer erachtet die Einnahme als "sehr risikoarm, falls sie unter ärztlicher Kontrolle erfolgt". Die Zulassung jeder dieser Substanzen als Arzneimittel koste rund 100 Millionen Euro, sagt der Unternehmer, doch er glaubt daran, diese Kosten wieder hereinzuholen. Angermayer ist weder Fanatiker noch Aktivist, er spricht sich gegen die vollständige Legalisierung der Wirkstoffe aus und fordert die Einhaltung strenger wissenschaftlicher Kriterien: "Alle unsere Studien erfolgen unter Aufsicht der Arzneimittelbehörden."

Psychedelische Substanzen sind seit Jahrtausenden Teil des menschlichen Erfahrungsspektrums. Alte Kulturen wie die Azteken, Maya oder Inka nutzten sie, um spirituelle Erlebnisse zu schaffen und ihre Gemeinschaften zu stärken. Der Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann entwarf in den Vierzigerjahren die psychedelische Substanz für die Moderne: Lysergsäurediethylamid, kurz LSD. Von 1947 an wurde das Präparat von Sandoz unter dem Namen Delysid vermarktet und als "Zusatz" in Psychotherapien eingesetzt. Hollywood-Star Cary Grant bekannte sich als früher Fan der LSD-Psychotherapie.

Der Psychiater Timothy Leary startete damals das Harvard Psychedelic Project, das sich jedoch 1962 in eine problematische Richtung entwickelte: Leary und seine Kollegen wurden beschuldigt, LSD ohne medizinische Supervision, dafür aber mit reichlich Fanatismus getestet zu haben. Danach stufte US-Präsident Richard Nixon die Droge als illegal ein, Psychedelika landeten im Giftschrank. Die kalifornische Tech-Community - stets auf der Suche nach neuen Ideen und Lösungen - besann sich vor einigen Jahren wieder auf die kreative Kraft von LSD und Psilocybin.

Zeitgleich wurde auch die psychoaktive synthetische Droge MDMA wiederentdeckt. Zumindest in Therapien. Ihr werden sowohl Erfolge in der Heilung von Kriegstraumata als auch in der Paartherapie zugesprochen, die Behandlung damit ist allerdings noch nicht legalisiert.

Die Blätter des Kaffeestrauchgewächses Psychotria Viridis sind Bestandteil des Pflanzensuds Ayahuasca

Die Blätter des Kaffeestrauchgewächses Psychotria Viridis sind Bestandteil des Pflanzensuds Ayahuasca

Foto: picture alliance/dpa

Wie aber beeinflussen die psychedelischen Substanzen unser Leben? Wer es probiert hat, weiß, sie können selbst grundlegende Emotionen verändern, Liebe etwa oder Trauer. Die "Goop"-Mitarbeiter erschienen nach der Mushroom-Zeremonie auf Netflix besser gelaunt, wirkten selbstbewusster und empathischer. Forschungen belegen, dass die Neuroplastizität im Gehirn nach solchen Trips steigt. Man fühlt sich kreativer und spiritueller, ja fast ein bisschen erleuchtet. Für einen Moment kann man sich von außen betrachten, unvoreingenommen wie ein Fremder. Das schafft bei vielen Klarheit.

Der Grat zwischen Therapie, medizinischer Anwendung, Wellness und Freizeit ist schmal

Auch bei mir. Sechs Monate nach meiner ersten LSD-Erfahrung buchte ich ein Wochenende bei "Synthesis", einem Retreat 30 Minuten außerhalb von Amsterdam, einem der wenigen Orte in Europa, an denen es legal ist, auf psychedelische Reisen zu gehen. Retreat bedeutet so viel wie Zufluchtsort oder Auszeit, auch Wellness-Hotels nennen sich gerne so. "Synthesis" befindet sich in einer ehemaligen Kirche, wo freitags mein Programm mit einem veganen Lunch startete. Zuvor hatten schon Gespräche zu meinem Gesundheitszustand stattgefunden. Menschen mit starken Depressionen, die Psychopharmaka nehmen, dürfen nicht an dem Trip teilnehmen. Meine Gruppe bestand aus zwölf Personen: Briten, Amerikaner, ein Pole - und ich, die Deutsche. Gemeinsam wurden wir auf das vorbereitet, was wir tags darauf zu uns nehmen sollten: die Magic Mushrooms, die hier "Trüffel" heißen, weil sie unter der Erde wachsen. Die Einnahme von halluzinogenen Pilzen, die aus der Erde wachsen, ist in den Niederlanden verboten.

Etwa eine Stunde später begann der Trip, ziemlich heftig. Ich sah mich als Fee, die einen Rabbiner fragt, warum sie keine Kinder habe.

Am Samstag bereiteten wir unseren Tee unter Anleitung zu, jeder mit der Frage im Kopf, deretwegen er gekommen war. Bei mir ging es um die Frage nach meiner Kinderlosigkeit. Wir tranken den Tee und legten uns mit Schlafmaske auf ein Bett. Etwa eine Stunde später begann der Trip, ziemlich heftig. Ich sah mich als Fee, die einen Rabbiner fragt, warum sie keine Kinder habe. Er antwortet und erklärt, warum mich die Gemeinde genau so braucht, wie ich bin. Warum er mir helfen wird, eine Firma zu gründen. Wir gehen spazieren, stundenlang. Durch ein KZ. Ich stelle ihm viele Fragen, fühle mich aufgehoben auf eine Art, die ich als Katholikin nie erfahren habe.

Kein Erlebnis gleicht dem anderen. Doch jeder aus der Gruppe berichtete später, er habe Dinge erkannt, die in Therapien oder Coachings verschlüsselt geblieben waren. Ich stellte zum ersten Mal fest, dass ich keine Trauer darüber empfinde, kinderlos zu sein. Mit meiner Trip-Therapeutin erfolgte die sogenannte Integration, bei der das Erlebte mit der Realität verbunden wird. Was ist die Botschaft? Ich bin gut so, wie ich bin. Ich fühle mich zu einer anderen Religion hingezogen. Ich sehe die Schuld, die Deutsche tragen. Aus Schuld kann Verantwortung werden. Der Auftakt für eine neue Selbstbetrachtung. Nach dem Trip habe ich "The New Health Club" gegründet, eine Plattform, die mit Events und Podcasts Psychedelika im therapeutischen Kontext salonfähig machen soll. Ich glaube, daraus kann ein Lebensstil entstehen, der uns guttut und uns gerade in traumatischen Zeiten mehr nutzt als Yoga oder Psychotherapie.

Die Liane Bainsteriopsis Caapi wird zusammen mit den Kaffeestrauch-Blättern in einer Ayahuasca-Zeremonie verwendet

Die Liane Bainsteriopsis Caapi wird zusammen mit den Kaffeestrauch-Blättern in einer Ayahuasca-Zeremonie verwendet

Foto: Getty Images

Der Grat zwischen Therapie, medizinischer Anwendung, Wellness und Freizeit ist allerdings schmal. Meldungen über eine baldige Legalisierung von Psychedelika in Kanada oder dem US-Bundesstaat Colorado erwecken den Eindruck, die Einnahme von Pilzen sei so harmlos wie ein Glas Wein am Abend. Zurzeit noch illegale Ausflüge nach Südamerika oder ins Brandenburgische zu Ayahuasca- oder Magic-Mushroom-Trips sind nicht ungewöhnlich - aber problematisch.

Tomislav Majic, Chef der Forschungsgruppe für psychotropische Substanzen an der Berliner Charité, hat eine Ambulanz eröffnet für Menschen, die nach der Einnahme derartiger Stoffe Probleme bekamen. "Manche kommen damit nicht zurecht. Nicht jeder kann Erfahrungen allein verarbeiten. Nach einem unbedachten Ayahuasca-Trip können Panik und Unruhe auftreten", sagt Majic.

Ereignisse wie die Coronakrise werden die Nachfrage nach den bewusstseinserweiternden Substanzen möglicherweise beflügeln. So sieht Amanda Eilian ihr Geld gut angelegt. Die Amerikanerin hat sowohl in Paltrows "Goop" als auch in "Synthesis" investiert. "Die physische und psychische Gesundheit schwindet", befindet Eilian. Behält sie recht, wird psychedelische Wellness schon bald mehr sein als nur eine Netflix-Show oder ein niederländischer Rückzugsort.

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