Virtuelles Model Shudu
Virtuelles Model Shudu
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Ellesse

Virtuelle Topmodels »Ich empfinde Verantwortung für diese Frau«

Modelle aus dem Computer sind gefragt wie nie und könnten bald reale Influencer ablösen. Cameron-James Wilson, Schöpfer der virtuellen Schönheit Shudu, erklärt, warum.
Ein Interview von Barbara Markert

SPIEGEL: Bei den diesjährigen digitalen Modeschauen in Paris und Mailand präsentierten eine Reihe von CGI-Models (Computer Generated Imagery) und Avatare die Looks. Warum war Shudu nicht dabei? 

Wilson: Shudu ist ein hyperrealistisches CGI-Model. Aber noch ist es schwierig, sie so zu animieren, dass sie sich wie eine echte Person bewegt. Wir arbeiten daran. Derzeit eignet sie sich noch mehr für Fotos.

SPIEGEL: Wie hat sich das Geschäft mit Shudu durch Corona verändert? 

Wilson: Wir werden mit Anfragen überhäuft, vor allem von Modefirmen, die sich bislang kaum mit dem Digitalen beschäftigt haben. Viele wollten plötzlich ein Lookbook oder Video mit unseren Models. Doch solche Projekte brauchen Zeit. Firmen wie Tommy Hilfiger haben sich seit Jahren auf eine virtuelle Zukunft vorbereitet. Die anderen begreifen gerade erst, dass digitale 3D-Mode keine Spielerei mehr ist.

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Schönheiten aus dem Computer

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Timmo Schreiber / The Digitals / S-Magazin

SPIEGEL: Wieso ist die Nutzung von CGI-Models heute noch so zeitaufwendig? 

Wilson: Nehmen Sie das Shooting für das S-Magazin. Wir haben mit echten Mannequins gearbeitet, die vergleichbare Hauttöne hatten wie Shudu und Koffi. Die Bilder wurden danach digitalisiert. Dafür müssen wir das Licht setzen und die Szene aufbauen. Für das erste Bild brauchten wir zu zweit einen kompletten Tag. Um die Kleider perfekt auf ein virtuelles Model anzupassen, braucht es große Rechenkapazitäten und viel Erfahrung. Bei einem herkömmlichen Shooting kümmert sich jemand um das Make-up, die Haare, das Styling. Diese Aufgaben übernimmt bei uns eine Person am Rechner. In Zukunft werden ganz neue Berufe entstehen.

Zwei Menschen brauchen einen Tag für ein Bild

SPIEGEL: Wird der Aufwand irgendwann sinken? 

Wilson: Ja, in den kommenden drei bis fünf Jahren werden immer mehr Marken ihre Kollektionen digital entwerfen, vor allem für die Nutzung in virtuellen Showrooms. Dann wird es auch einfacher, mit CGI-Models zu arbeiten. Statt die Kleider erst zu fotografieren und dann zu transformieren, werden sie mit nur einem Klick auf die virtuellen Charaktere gezogen. Als wir 2019 für Balmain eine Kampagne mit Shudu machten, war das bereits der Fall. Das Pariser Modehaus ist da vielen anderen voraus.

SPIEGEL: In dieser Saison hat Balmain sogar seinen Designer als Avatar im digitalen Showroom präsentiert. 

Wilson: Ja, und das ist sinnvoll! Die sozialen Medien werden immer wichtiger, deshalb brauchen Marken ein Gesicht. Das ist im Grunde nichts anderes als der Clown von McDonald's früher. Avatare erlauben Firmen, Geschichten zu erzählen. Reale Personen als Werbeträger können in der nächsten Saison wegfallen. Eigene Avatare gehören den Marken; sie können über Jahre genutzt werden und haben meist eine große Anhängerschaft.

SPIEGEL: Wie kommt das? 

Wilson: Wir haben uns daran gewöhnt, getäuscht zu werden. Dank moderner Bildbearbeitung gibt es zwischen den digitalen Geschöpfen und einem Influencer heute kaum noch Unterschiede. Teilweise sehen die 3D-Models sogar realistischer aus als diese Menschen und strahlen auch eine positivere Botschaft aus. Statt realen Frauen Unebenmäßigkeiten wie Falten mit Photoshop wegzuretuschieren, füge ich meinen virtuellen Models diese extra hinzu, um sie realistischer zu machen. Auch Shudu hat Makel.

SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen Shudu? 

Wilson: Ich habe eine enge Verbindung zu ihr und das Gefühl, auf sie aufpassen zu müssen. Deshalb nehme ich auch nicht jeden Job für sie an. Sie half mir in einer Zeit, in der ich unglücklich war. Meine Karriere als Modefotograf war vorbei, ich wusste nicht weiter. Dann kam Shudu. Ich habe sie selbst kreiert, doch sie hat mein Leben verändert, mir neue Möglichkeiten eröffnet. Als weißer Mann, der ein schwarzes Model repräsentiert, bin ich mit wahnsinnig vielen Befindlichkeiten und Erwartungen konfrontiert. Damit muss man sensibel umgehen. Es mag verrückt klingen, aber ich empfinde Verantwortung für diese Frau und die Gemeinschaft, die sie repräsentiert.

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