Mailänder Möbelmesse Meine Mitbewohnerin, die Qualle

Die Zeit des kühlen Designs ist vorbei, das zeigt jetzt die wichtigste Möbelmesse, der Salone Internazionale del Mobile in Mailand. Im Trend liegt die Verbindung aus Tradition und Moderne.

Foscarini

Alles, was in der Welt des Wohnens eine Rolle spielt, und erscheint sie noch so nebensächlich, gibt es auf der jährlich weltweit größten und wichtigsten Möbelmesse der Welt in Mailand zu sehen, dem Salone Internazionale del Mobile. In diesem Jahr werden zum 54. Salone mit seinen rund 2500 Ausstellern wieder mehr als 300.000 Besucher kommen. Und natürlich sind alle gespannt auf die neuesten Kreationen der Designer-Stars und auf möglichst spektakuläre Einfälle der Newcomer.

Manchmal kommt das dann auch alles zusammen, wie in diesem Jahr bei dem Niederländer Marcel Wanders. Er ist schon lange ein Superstar der Design-Szene. Seine Kreationen sind majestätisch, lustig, oft wie eine überraschende Bühnenausstattung. So hat der Niederländer zum Beispiel über einen gläsernen kitschigen Kronleuchter, der von der Decke hängt, eine Art schlichte Milchglas-Glocke gestülpt, so dass die opulenten Glasklunker nur ein wenig wie ein Unterrock hervorschauen, aber von unten gesehen voll zur Geltung kommen.

Wanders inszeniert seine neuen Möbel zusammen mit 39 riesengroßen Fotografien von Rahi Rezvani und verspricht damit einen "emotional trip into the mysteries of the human soul, image by image".

Klassisches Erbe, zeitgenössisch interpretiert

Vor allem liegt Wanders aber mit seiner umfangreichen Frühstückskollektion "Dressed / Dressed in Wood" für Alessi voll im Trend: die Rückbesinnung auf handwerklichen Fertigkeiten, bzw. die Verbindung von Handwerk und industrieller Bearbeitung. So haben die Handwerker des Strona-Tals Zeichnungen von Wanders auf Schneidebretter und Teller aus Buchenholz graviert.

Auch die Initiative Internoitaliano von Giulio Lacchetti basiert auf dem Gedanken, Handwerk und Design zusammenzubringen. Was anfangs eine Reaktion auf die Krise im Möbeldesign war, ist jetzt zu einer eigenen Kollektion geworden.

Für traditionelle Unternehmen wie die Firma Thonet oder den dänischen Klassiker-Hersteller Carl Hansen & Son ist eine zeitgenössische Verbindung von Tradition und Moderne ebenfalls ein Thema. So interpretiert der Designer Christian Werner für sein Sofa "2002" die Bugholztradition des Unternehmens neu, und das erfolgreiche österreichische Designtrio EOOS modernisiert die Tradition der dänischen Klassikermanufaktur, wie ihr Entwurf des brandneuen "Embrace Chair" zeigt.

Büromöbel können auch Spaß machen

Auch aus dem Wissen verschiedener Kulturen um das Handwerk ergeben sich spannende Dialoge: So ist aus der Zusammenarbeit des japanischen Designers Nendo mit dem Italiener Luca Nicchetto für den italienischen Leuchtenhersteller Foscarini die fragile Lampe "Kurage" aus japanischem Washi-Papier entstanden.

Ein gesellschaftspolitisch relevantes Phänomen spiegelt sich schon seit Längerem im Möbeldesign wieder: Die Grenzen zwischen Wohnen und Arbeiten verschwimmen. Aus dem sachlich-kühlen Büro wird das wohnliche Büro. Das zeigt zum Beispiel der Designer Michele De Lucchi in einer der zwei neuen Hallen zum Thema "Office": Er thematisiert in seiner großen Installation "The Walk" mit fünf großen Bereichen die Zukunft von Arbeitswelten.

Für das Büro, das auch Spaß machen darf und nicht nur funktional überzeugen muss, hat Konstantin Grcic für Flötotto den neuen PRO Armchair entworfen, und Arper produziert wunderschöne, grafische Schallelemente in kräftigen Farben und geometrischen Formen, in die auch Licht und Sound integriert sind, vom Studio Lievore Altherr Molina.

Und ein Trend, der allem Design gemein ist und der auch in diesem Jahr wichtig bleibt, ist "Storytelling". Eines der bekanntesten Designprodukte, das dieses in Reinform verkörpert, ist die Zitronenpresse "Juicy Salif" von Philippe Starck von 1990 - ein suggestives Design, das nie eine Zitrone ausgepresst, aber das Bild von Design seit 25 Jahre geprägt hat. Sogar der Philosoph Umberto Eco hat sich dazu geäußert und die raketen- und spinnenartige Saftpresse ein "conversation piece" genannt.

Zum 25. Geburtstag jedenfalls legt Alessi "Juicy Salif" in zwei limitierten Sondereditionen aus weißer Keramik und in schwerem Bronzeguss auf - zum Saftpressen nicht geeignet! Aber Design kann auch ein Sammlerobjekt sein.


Salone Internazionale del Mobile. Messegelände Fiera Milano, Rho und anderswo; 14.- 19.4. für Fachbesucher, 18./19.4. für Publikum geöffnet. Außerdem parallel: Milan Design Week.



insgesamt 2 Beiträge
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bartholomew_simpson 14.04.2015
1.
Nach ein paar Jahren landen viele damals hochgepriesenen "Design"-Objekte wegen ihrer Nutzlosigkeit auf dem Sperrmüll.
licorne 14.04.2015
2. Nase voll von Design
Eine Saftpresse, die zum Saftpressen untauglich ist, aber als conversation piece dient - wie ärmlich muss das Gesprächsverhalten mancher Gruppen sein. Die Verbindung von Wohnlichkeit, Modernität UND Funktion kriegt Ikea seit einem halben Jahrhundert sehr gut hin. Was soll eine Designbadewanne mittem im Raum von Philippe Starck, auf deren Rand man nicht mal eine Shampooflasche abstellen kann? Wenn's beim Tatort in Häuser betuchter Zeitgeossen geht, sieht man überall das aseptische und langweilige Interieur, alles auf Ausstellung getrimmt. Schön ist das nicht und wohnlich schon gar nicht.
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