Modefotografie von Sarah Moon Die Schattenkönigin

Models in schummrigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, zerbrechliche Frauen im Halbdunkel: Sarah Moon schafft mit ihren Fotografien fantastisch düstere Welten.


Im Studio ist die französische Fotografin Sarah Moon ganz Perfektionistin. Für eine einzige Modeaufnahme wartet sie manchmal bis zu drei Stunden auf das richtige Licht und auf den Moment, in dem sie so etwas wie Schönheit erkennt. Dabei aber, so hat sie es einmal erzählt, fühlt sie sich oft gar nicht wohl. Schließlich weiß sie aus eigener Erfahrung, welche Anstrengung und Frustration sie den Models oft zumutet.

Moon war in den Sechzigerjahren selbst ein gefragtes Mannequin. Sie lief für Haute-Couture-Schauen und wurde von Irving Penn, Helmut Newton oder Guy Bourdin abgelichtet. Bei den Modeproduktionen aber, die sie für Chanel oder Dior, für die "Vogue", "Elle" oder "Marie-Claire" fotografiert, spielen die Models keine große Rolle. Sie lässt sich stark von der Anmutung der zu fotografierenden Mode leiten. Bei den Shootings aber ordnet sie dann beide, Mode wie Model, ihrem stark zum Malerischen tendierenden Gestaltungswillen unter.

Zur Person
  • Delphine Warin
    Sarah Moon wurde 1941 geboren und wuchs in England und Frankreich auf. Zunächst arbeitete sie als Model, seit den Siebzigerjahren gehört sie selbst zu den Größen der Modefotografie.
Wie sehr Moon damit über die Augenhascherei gewöhnlicher Fashionfotografie hinausgeht, zeigt jetzt in den Deichtorhallen die erste umfassende Retrospektive ihres Werkes. Zwar sind ihre Modeaufnahmen dort in ihr freies, meist schwarz-weißes Werk aus Landschaften, Tierbildern, Stillleben und Filmprojekten eingebettet, doch leuchten sie aus ihnen ganz besonders hervor.

Noch während ihrer Modeljahre hatte Moon zu fotografieren begonnen. Schnell wurden ihre Aufnahmen für den Werbeauftritt eines Londoner Shops entdeckt, in dem sich die Teens und Twens einkleideten. Von 1972 an fotografierte Moon dann für etliche Jahre die legendären, romantisch versponnenen, Kampagnen der französischen Modemarke Cacharel.

Zu ihrem noch heute gültigen Stil fand Moon ab den Achtzigerjahren, als sie von den Entwürfen der japanischen Modemacher Yohji Yamamoto, Issey Miyake und Rei Kawakubo zu neuen gestalterischen Ansätzen inspiriert wurde. Die Formen und Farben der oft körperfern-architektonisch geschneiderten Entwürfe der Designer arrangierte sie zu manchmal fast abstrakt-minimalistischen, immer aber malerischen Tableaus.

Melancholische Models

Noch heute lässt sie die Farben von Kleidern, Blusen oder Röcken ins Samtig-Dunkle changieren und die Models einsam, melancholisch und selbstversunken aussehen. Oft sind sie nur von hinten zu sehen, sich entziehend, aus dem Bild gehend. Nichts aus unserer beschleunigten Gegenwart, kein Splitter des Zeitgeschehens ragt in diese entrückten Bildwelten hinein. Die anmutigen Wesen in ihnen wirken der Zeit enthoben - in zähem Halbdunkel konserviert wie die zarten Insekten, die in Bernstein überdauern.

Tendiert das Spiel von Ver- und Entbergen des weiblichen Körpers in Modemagazinen heute oft zur Entblößung, als würden die Verlage auf Softpornokäufer schielen, so dominiert in den Moon-Welten die Verhüllung. Oft ragt aus den elegant-abstrakten Volumen der Kleider nur ein bloßer Arm, eine feingliedrige Hand oder ein graziler Hals heraus wie eine Arabeske.

Kaum vorstellbar, dass Moon einmal - und das als erste Frau - für den Pirelli-Kalender fotografiert hat. Damals, 1972, ließ sie schon einmal eine Schöne im Spitzenunterkleid die Hand anspielungsreich in den Schoß drücken. Seither aber setzt sie immer weniger auf Erotik. In einer ihrer neuesten Arbeiten - einer Produktion für die deutsche "Vogue"- blitzt allenfalls mal ein netzbestrumpftes Bein auf.

Blumen in blinden Spiegeln

Nichts zielt bei Moon auf Glamour. Weder das Styling, noch die Posen und am wenigstens die Materialität ihrer Bilder. Meist basieren die Aufnahmen auf dem hoch sensiblen, für Kratzer und Schlieren anfälligen Polaroid-Verfahren, so dass ihr Gestus dem Wabi-Sabi-Konzept (meint in etwa: "einsam-still" und "Patina zeigend") der japanischen Ästhetik nahekommt.

Ihr Lieblingspolaroidfilm aber wird nicht mehr hergestellt und ihre privaten Vorräte sind endlich. Deshalb greift sie heute auch zur Digitalkamera. Weil deren Bildästhetik ihr aber eigentlich zu "glossy" ist, fotografiert sie ihre Motive - etwa Vögel oder Blumen - als Reflektionen in Spiegeln, die sie im idyllischen Garten ihres Pariser Hauses hat blind werden lassen.

Ob bei diesen Stillleben, bei den Modeaufnahmen, bei ihren mysteriösen genre- und zeitübergreifenden Fotoinstallationen oder ihren Filmarbeiten, die von unheimlichen Kindheits- und Märchenwelten erzählen - stets sind die Moon-Landschaften von dunklen Schatten unterlegt. Vielleicht ist es nicht verkehrt, dabei an die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu denken. Sie drängte sich früh in Moons Leben: Kaum war sie 1941 im französischen Vichy geboren, musste ihre jüdische Familie vor den deutschen Besatzern fliehen.

Vielleicht könnte die rätselhaft undurchdringliche Atmosphäre der Moonschen Arbeiten mit der Geheimlehre und Mystik der Kabbala zu tun haben, vermutet der Deichtorhallen-Direktor Dirk Luckow. "Wenn das so ist, wenn sich die jüdische Tradition so sehr in meinen Arbeiten niederschlägt", sagt Sarah Moon, "würde mich das freuen."


Sarah Moon - Now and Then, bis 21. Februar 2016 in den Deichtorhallen/Haus der Photographie, Hamburg. Eine Publikation zur Ausstellung erscheint Anfang 2016 im Kehrer Verlag




TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.