Mein Freund, das Handy
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Foto: Yaroslav Danylchenko / Yaroslav Danylchenko / Stocksy United

Menschliches Design für Smart Gadgets Wollen wir Freunde sein?

Viele Menschen misstrauen vernetzten Geräten. Produktdesigner versuchen deshalb, Smart Gadgets zu domestizieren. Schön sollen sie aussehen, manchmal sogar menschlich – um so Vertrauen aufzubauen.
Von Isabel Barragán

Heizungen regeln automatisch die Temperatur, das Licht im Wohnzimmer passt sich dem Sonnenstand an, im Garten startet bei Trockenheit die Bewässerungsanlage. Smart Gadgets sollen automatisch die Bedürfnisse der Nutzer erkennen, dazu am besten noch sparsam und umweltfreundlich sein. Das klingt praktisch – bei Verbraucherinnen und Verbrauchern kommt das aber nicht immer gut an.

Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom  wünschen sich viele Smart-Gadget-Nutzer mehr Transparenz. 84 Prozent der Befragten gaben an, ihnen seien Datenschutzstandards wichtig oder sehr wichtig. Smart Gadgets treffen im Hintergrund Entscheidungen über den menschlichen Alltag – unabhängig von Nutzerin und Nutzer, oft nicht sichtbar. Das klingt für manche gruselig. Produktdesigner suchen deshalb nach Lösungen, wie sich Smart Gadgets optisch und haptisch möglichst angenehm verpacken lassen.

»Vor allem in Deutschland ist die Mehrheit der Bevölkerung immer noch skeptisch«, sagt Jan Hillmann-Regett, Produktdesigner und Professor an der Berlin University of Applied Sciences. Er beobachtet, dass Smart Gadgets für Verbraucher oft mehr als nur ein technisches Utensil sind. »Wenn ich mir so ein Gerät anschaffe, dann wohnt da jemand gewissermaßen bei mir im Haus«, sagt Hillmann-Regett. »Das ist natürlich für viele etwas Heikles, ich lasse schließlich nicht jeden einfach in meine Wohnung.«

Die Geräte müssten deshalb erst einmal »domestiziert« werden: »Erst wenn man Gadgets gut gestaltet, dann gewinnt man die Schlacht.« Das fängt direkt nach dem Kaufprozess an. »Schon die Art, wie ich ein Gerät starte oder aus der Verpackung hole, gehört zur Gestaltung«, sagt der Produktdesigner: der erste Blick auf das Gadget beim Auspacken. Das Gefühl in der Hand. Töne beim Einschalten. Eine Begrüßung. »Smart Gadgets müssen nicht nur Aufgaben erfüllen, sondern auch gut mit dem Nutzer kommunizieren«, sagt Hillmann-Regett. »Mit Design versucht man dieses Problem zu lösen.«

Designt nur für den Menschen

Er beobachtet dazu im Produktdesign drei unterschiedliche Strategien: »Eine Taktik ist die Camouflage.« Bedeutet: Manche Produkte geben nach außen vor, traditionelle Geräte für den Haushalt zu sein, die jeder kennt. Tatsächlich aber laufen hinter künstlichem Design verdeckte digitale Prozesse ab.

Ein verbreitetes Beispiel sind smarte Heizthermostate. Traditionell sind Thermostatköpfe meist zylindrisch geformt, weiß gefärbt, aus Stahl. Um das Ventil auf- und zuzumachen, muss man an einem geriffelten Kunststoffrad drehen. Smarte Heizthermostate benutzen oft eine ähnliche Form aus Stahl. Der Farbton: weiß. Manche lassen sich sogar ebenfalls drehen, um zumindest ein paar Einstellungen zu verändern. Technisch wäre das unnötig und auch mit Knöpfen, per Screen oder App lösbar – aber: »Das Gerät sagt mit einer bekannten Haptik dem Nutzer: Vertrau mir«, erklärt Hillmann-Regett.

Bei traditionellen Geräten entstanden Sinneseindrücke oft zwangsläufig, durch technische Prozesse und Bauteile: das Rattern von Rädern, das Brummen eines Kühlers. »Heute fällt das in vielen Fällen weg«, sagt Hillmann-Regett. Stattdessen kümmerten sich Produktdesignerinnen und -designer darum, dass smarte Geräte bewusst künstliche Geräusche machen. Bauteile und Materialien werden zum Designelement.

Ein anderer Trend: Smarte Gadgets werden in ihrem Erscheinungsbild menschlicher. Zu den bekanntesten zählt Amazons Alexa. Der Sprachassistent reagiert auf einen Frauennamen, spricht in seiner Standardeinstellung mit einer weiblichen Stimme. In den USA und Australien haben Sprachdesigner inzwischen sogar Versionen mit unterschiedlichen emotionalen Färbungen von Alexas Stimme entwickelt: von fröhlich bis niedergeschlagen. Wird Alexa aktiviert, kann sie auf Wunsch einen Ton abspielen.

»Auch das ist technisch nicht nötig«, sagt Hillmann-Regett. Produktdesigner aber versuchten den Prozess so transparenter zu machen: »Das wirkt fast so, als würde das Gerät aufwachen.« Andere wie etwa das Designbüro Fuseproject, gegründet vom Designer Yves Béhar, bilden teilweise bewusst menschliche Körper nach: Die Roboterpuppe Moxie  von der Firma Embodied soll bei Kindern laut Werbung einen »einladenden« Eindruck erwecken. Die Designer, so heißt es hier weiter, arbeiteten dazu mit »glatteren Übergängen entlang der Gliedmaßen und ausgewogenen Körperproportionen«.

»Das Fenster soll emotionale Bindung schaffen. Wie zwischen einer Mutter und ihrem Baby.«

Jingwei Xiao, Produktdesigner

Besonders smarte Geräte, die direkt mit dem menschlichen Körper in Berührung kommen, sollen angenehm wirken, werden teilweise sogar zum Mode-Accessoire. Neben Smartwatches gibt es inzwischen auch Gadgets wie den »Motiv Ring«, der sich wie ein herkömmliches Schmuckstück am Finger tragen lässt und den Schlafrhythmus überprüft – »schlank und dezent«, so wirbt das Unternehmen.

Teilweise imitieren die Geräte bewusst ihre Besitzerinnen und Besitzer. Der Roboterarm Rotrics etwa lässt sich zu Hause an den Tisch montieren, um »schöne hand(!)geschriebene Briefe« schreiben zu lassen und mit dem Nutzer Schach zu spielen – vollautomatisch. Der Stift lässt sich an einer stilisierten und stark vereinfachten Handfläche fixieren.

Ein anderes Beispiel ist Bob, ein Geschirrspüler. Der Name kommt von der Zeichentrickfigur Sponge Bob und soll Gefühle wecken. Von außen sieht er nicht besonders kompliziert aus. Der Produktdesigner Jingwei Xiao ließ sämtliche Kanten am Gerät abrunden, es gibt drei Knöpfe und darüber einen handbreiten Screen. Dahinter aber laufen digitale Prozesse ab, die ihn von anderen Geräten unterscheiden: personalisierte und automatisch getimte Spülprogramme. Durch ein Guckloch kann man in die Spültrommel sehen. Technisch ist das Loch unnötig: »Das Fenster soll emotionale Bindung schaffen«, sagt Xiao. »Wie zwischen einer Mutter und ihrem Baby.«

Verschmelzung von Mensch und Maschine

Designwissenschaftlerinnen wie Judith Dörrenbächer überlegen inzwischen, inwiefern Mensch und Maschine durch zunehmende Ähnlichkeit miteinander verschmelzen. In ihrem Buchtitel »Beseelte Dinge« schreibt sie von jenem »magischen Denken«, das Innen- und Außenwelt – ähnlich wie bei einem Kind – nicht mehr zu unterscheiden vermag. Die Geräte wirken in ihrem Erscheinungsbild dabei trotz allem nicht komplett menschlich. Organische Formen wie Hände sind oft stark vereinfacht, Oberflächen spürbar glatt und metallisch gehalten.

»Designs für Smart Gadgets sollen Vorgänge zeigen, die eigentlich unsichtbar sind«, sagt Hillmann-Regett. »Das heißt auch, sie müssen irgendwie anders aussehen.« Ein dritter Trend zeige deshalb, dass viele Designerinnen und Designer bewusst mit edlen Materialien oder sogar futuristisch wirkenden Formen arbeiten. Digitale Prozesse smarter Gadgets sollen so in Design übersetzt und für den Nutzer fühlbar werden. »Was neu, anders und technisch aussieht, wird oft wertiger wahrgenommen.« Besonders datentechnisch heikle Geräte arbeiten oft mit abstrakten Formen. Für den Kameraroboter Koova wirbt der Hersteller beispielsweise mit einem »klugen Gehirn«, das auch Gesichter erkennen kann. Designtechnisch ist er allerdings als schlichter Zylinder aus Metall gehalten. »Besonders für typische Techno-Future-Kunden sind solche Designs attraktiv«, sagt Hillmann-Regett.

Spiel mit dem Kontrollverlust

Teilweise wird das Gefühl von Fremdheit und die Angst vor Kontrollverlust von Designern sogar bewusst künstlerisch aufgegriffen. Das Londoner Designstudio Dunne & Raby, Vorreiter der Critical Design Bewegung, entwirft seit einigen Jahren Ideen zu Smart Gadgets, die zum Nachdenken anregen und technische Produkte infrage stellen. Ein Beispiel ist das Projekt  »Technological Dreams Series: No.1, Robots«. Roboter 1 ist ein roter Ring. Was er genau tut, ist dem Menschen unbekannt. Er ist »sehr unabhängig«, so heißt es in der Beschreibung.

Komplett ohne Kontrolle ist der Mensch bislang aber noch nicht. Die Aufgaben und Rechte von Smart Gadgets sind noch eher eingeschränkt. Oft gehe es eher um einfache Abläufe: Fenster auf oder zu. Heizung an oder aus. »Dafür müssen sich Maschinen nicht selbst abfeiern«, sagt Hillmann-Regett. »Eine Wohnung kann smart sein, ohne ein Raumschiff zu sein.«

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