Eva Cremers/ SPIEGEL WISSEN

Social Design Award 2020  Bitte alle abstimmen! 

Wie schafft man mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft? Rund 150 Ideen dazu wurden beim Social Design Award eingereicht, zehn haben es auf die Shortlist geschafft. Wählen Sie jetzt Ihren Favoriten. 

Die Abstimmung ist beendet.

"Gemeinsam sind wir stark" ist das Motto des Social Design Award 2020, den SPIEGEL WISSEN mit Unterstützung des Fachmarkts Bauhaus nun zum siebten Mal ausgeschrieben hat. Studentische Projekte, gemeinnützige Vereine, aber auch ganz individuelle Initiativen waren unter den rund 150 Einsendungen. Aus diesen hat eine Jury aus Expertinnen und Experten nun die interessantesten ausgewählt und in einer Shortlist zusammengefasst. 

Aus der Shortlist können nun Sie Ihren Favoriten für den Publikumspreis wählen, der mit 2500 Euro dotiert ist. Mit einer Ausnahme: Die Kunstaktion "B6112" des Kollektivs "Staub zu Glitzer" war eine Besetzung der Berliner Volksbühne, bei der sich schließlich der Intendant Chris Dercon dazu entschieden hat, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen. Eben weil die Aktion deshalb durch einen Polizeieinsatz beendet werden musste, steht sie nicht zur Abstimmung, obwohl die Jury sie auf die Shortlist gesetzt hatte.
Verantwortliche von "Staub zu Glitzer" haben sich nach Bekanntgabe dieser Shortlist beim SPIEGEL gemeldet. Sie haben um einige inhaltliche Präzisierungen gebeten, die wir gerne umgesetzt haben. Vor allem legen sie aber Wert auf die Feststellung, dass dem Kollektiv die Personen, die die Volksbühne am Ende nicht freiwillig verließen, zum großen Teil nicht bekannt waren.

Das Voting finden Sie unten, am Ende der Shortlist, die Abstimmung läuft bis zum 19. Oktober. Die Gewinner von Publikums- und Jurypreis werden am 10. November in der neuen Ausgabe von SPIEGEL WISSEN und auf SPIEGEL.de bekannt gegeben.

Aussicht 

Gehören Kinderbücher nicht zu jeder Kindheit? Und gibt es etwas Schöneres, als sich zu dritt oder viert aufs Sofa zu kuscheln und auf Fantasiereise zu begeben? Und warum gibt es dann nur so wenige Bücher für blinde Mädchen und Jungen? Die Autorin Christina Oskui und der Produktentwickler Pascal Heußner haben sich ein Lernmittel ausgedacht, das sehende und sehbehinderte Kinder gemeinsam nutzen können: die Bücherbox, optisch attraktiv, ausgestattet mit Brailleschrift und Reliefdruck. Sie soll zum einen die Lese- und Schreibkompetenz fördern und schon den Kleinen Zugang zum geschriebenen Wort bieten. Vor allem aber soll sie Spaß machen, sehenden und nicht sehenden Kindern gleichermaßen. Gemeinsam lesen, gemeinsam die Welt begreifen - das ist Inklusion mithilfe einer cleveren Idee. Und praktisch noch dazu. Denn geplant sind auch Schreibschablonen, mit denen die richtige Stifthaltung trainiert werden kann. Das Projekt ist noch in der Entwurfsphase.  

Das Hut-Projekt: Wir behüten Kunst

Wenn Sie von zu Hause in die City fahren oder gehen – an wie vielen Statuen kommen Sie vorbei? Und wen zeigen die? Vielleicht kommen Sie hier so ins Grübeln wie Lars Mackenbach, der sich vor rund 20 Jahren entschloss, Statuen einen roten Hut aufzusetzen und sie zu fotografieren. Dafür ist er inzwischen durch die halbe Welt gereist, von Bocholt bis Dresden, und auch in London hat er Statuen behütet. Ziel sei, "ein neues Bewusstsein für die Kunst im öffentlichen Raum zu schaffen". Beim Fotografieren komme er oft mit Passanten ins Gespräch, sagt Mackenbach, diese seien oft erst skeptisch, dann amüsiert. Und würden dann erkennen, dass Kunst und das Gespräch über sie die Menschen verbinde. Kriegsdenkmäler allerdings sind von Mackenbachs Kunst-Behütung ausgenommen. 

Dulsberg Late Night 

Was war das für eine triste Zeit während des Shutdowns, als die Schulen geschlossen waren, der Bildschirm das Klassenzimmer ersetzte und Schülerinnen und Schüler ihre Freunde nicht mehr treffen durften. Das fand auch Björn Lengwenus, Leiter der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg im Hamburger Stadtteil Dulsberg, einem sozialen Brennpunkt. Deshalb startete er nach einer Woche Shutdown die tägliche "Dulsberg Late Night"-Sendung, die er als Show- und Headmaster moderierte und auf YouTube stellte. Gedreht wurde in der Schule, in einem Studio mit großem Schreibtisch und Hamburg-Schattenriss, genauso wie es eben aussehen muss in einer Late-Night-Show. Gäste kamen mal in die Show oder wurden, wie das Duo Zoe&Nils ("Control"), per Skype interviewt. Die SchülerInnen trugen eigene Videos zur Sendung bei, erzählten darin von ihrem Leben im Homeschooling oder gratulierten dem Schulleiter zum Geburtstag. Produziert wurde "Dulsberg Late Night" von den Kulturagenten, die sich darauf spezialisiert haben, Kunst in die Schulen zu bringen und mit der Hamburger Schulbehörde kooperieren.  

Durchkreuzer - ein mobiles Jugendzentrum 

Ab November wird es unterwegs sein, das mobile Jugendzentrum "Durchkreuzer". Von Osnabrück bis zu den Ostfriesischen Inseln kurvt der große umgebaute Kastenwagen durchs Land und macht hier und da Station. Dann können die Jugendlichen in dem Bus einen Ort finden, in dem sie chillen oder reden können oder Spiele spielen oder, oder. Immer wird ein Erwachsener für sie da sein. Der "Durchkreuzer" soll ein "flexibles Wirgefühl" schaffen und "eine junge Gemeinschaft zusammenbringen". Entworfen haben den "Durchkreuzer" 20 Studierende an der Hochschule Düsseldorf gemeinsam mit Ehrenamtlichen des Bistums Osnabrück, die Entwicklung nahm zwei Jahre in Anspruch. Das Bistum hat auch einen Teil der Kosten übernommen, der andere Teil wird aus Spenden finanziert.    

Kohero 

"Zusammenhalt" ist die Übersetzung des Esperanto-Worts "Kohero". Und darum geht es in dem Onlinemagazin "Kohero" auch, denn hier schreiben Geflüchtete und Deutsche über das, was sie bewegt. Aktuelle Kommentare zur Politik, Erörterungen etwa zur Mehrsprachigkeit, aber auch Kochrezepte finden sich auf der Plattform. Gegenseitiges Verständnis und der Abbau von Vorurteilen ist das Ziel der Macherinnen und Macher. Hinter "Kohero" steht der Hamburger Verein "Miteinander ankern", gegründet wurde er 2017 von einem aus Syrien geflüchteten Journalisten und deutschen Ehrenamtlichen. Ursprünglich hieß es "Flüchtling-Magazin"; umbenannt wurde es, weil sich viele Migrantinnen und Migranten nach drei Jahren in Deutschland nicht mehr als Geflüchtete verstehen, sondern als Ankommende oder sogar Angekommene. 

Kulturistenhoch2 

Großstädte bieten ein reichhaltiges Angebot an Kulturveranstaltungen, ob Opernaufführung, Museumsausstellung, Kino, Theater, Konzert - hier findet jede und jeder etwas Spannendes. Was aber, wenn das Geld nicht reicht? Und was, wenn man außerdem niemanden hat, der einen begleiten könnte? Weil man sich dann abends sicherer fühlt und weil es doch viel mehr Spaß macht, wenn man nach dem Theaterstück über die Inszenierung redet, anstatt einfach stumm nach Hause zu gehen. Die Kulturistenhoch2, ein Projekt der Stiftung Generationen-Zusammenhalt, bringt Menschen über 63 mit schmalem Budget und Schülerinnen und Schüler ab 16 zu gemeinsamen Kulturerlebnissen zusammen. Die jungen Menschen holen die älteren ab und bringen sie nach Hause, und dazwischen teilen sie nicht nur ein Kulturerlebnis, sondern lernen die Perspektive einer anderen Generation kennen. Das in Hamburg entwickelte Projekt versteht sich als Blaupause oder "Social Franchising", das auch in anderen Städten umgesetzt werden kann.  

Mahl x Zeit 

Jede Gemeinschaft braucht etwas, das sie nährt. Und nichts verbindet mehr, als zusammen zu kochen und zu essen. Studierende der Bauhaus-Universität Weimar haben deshalb mit viel Liebe und ein bisschen Sperrholz eine Kochwerkstatt entworfen, die jeden Außenbereich in eine Design-Open-Air-Küche verwandelt. Gebraucht werden nur das kreative Modul-Set, ein paar helfende Hände und der Wille, sich für die Gruppe zu engagieren. Das Projektteam "mahl x zeit" um Julius Baumanns will aber nicht nur sozialen Zusammenhalt stiften, sondern auch ein Bewusstsein schaffen für den Wert unserer Nahrung: "Wir glauben, dass dadurch mehr Menschen darüber nachdenken, woher ihre Lebensmittel kommen und wie sie gut verarbeitet werden können." Auch die Zusammenarbeit mit lokalen Biobauern gehört deshalb zur Idee. Schnell zusammengesteckt, den Tisch gedeckt, das ist das Konzept. Guten Appetit!  

Mein Papa kommt - meine Mama kommt 

Ein kleine heile Welt schaffen, wenn gerade eine Welt zusammengebrochen ist - geht das? Der Initiative "Mein Papa kommt" von Gründerin Annette Habert gelingt es. Sie vermittelt Elternteilen von Trennungskindern, die am Wochenende quer durch Deutschland zu ihren Kindern reisen, private Gastgeberinnen und Gastgeber. So können Mama oder Papa kostenlos im Gästezimmer oder auf der Schlafcouch übernachten. Denn auch diejenigen, die sich nicht ständig ein Hotel leisten können, sollen ein warmes Bett und ein gutes Gefühl haben, wenn sie ihre Söhne und Töchter besuchen. Sogar Kinderzimmer auf Zeit versucht das Team der "Familienhandwerker" zu organisieren und schafft damit Raum für Nähe. Die Vision der Initiative: "eine Gesellschaft, in der alle Kinder eine für ihr Leben bedeutsame und innige Beziehung zu ihren beiden Eltern aufbauen können, unabhängig vom Familienstand der Eltern, von der geografischen Distanz und vom Kontostand der Eltern". Schon seit 2008 hilft "Mein Papa kommt" Scheidungskindern und ihren Familien. Eine Idee, die Herzen wärmt.  

Saftmobil - Das Geld hängt an den Bäumen 

Auch wenn es spät im Jahr noch Nachtfröste gab und der Regen knapp war, wird es dieses Jahr wohl eine überdurchschnittlich gute Apfelernte geben. Doch nicht alle Besitzer von Streuobstwiesen oder Apfelbäumen im Garten ernten die Früchte auch wirklich ab. Daraus haben die Gründer der gemeinnützigen GmbH "Das Geld hängt an den Bäumen" ein soziales und ökologisches Projekt gemacht: Sie haben "25 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Migrationshintergrund, chronischen Krankheiten, ohne Berufsausbildung und Arbeits- und Obdachlose" geschaffen, und das Team erntet seit inzwischen zehn Jahren die Äpfel, an denen sonst keiner Interesse hat. Daraus wird dann in einer Familienmosterei Apfelsaft gepresst und unter anderem mit dem Saftmobil an verschiedenen Orten von Berlin bis Hamburg verkauft.   

Wer ist Ihr Favorit?

Nicht im Wettbewerb: Staub zu Glitzer 

Dass eine Volksbühne auch dem Volk gehören sollte, das wollte das Kollektiv "Staub zu Glitzer" an der Berliner Volksbühne mit ihrer transmedialen Inszenierung "B6112" demonstrieren. Die Künstlerinnen und Künstler besetzten im September 2017 das Theater, erklärten den Intendanten Chris Dercon für abgesetzt und ernannten sich selbst zur Intendanz. Sechs Tage lang bespielten stadtpolitische Initiativen und Kunstschaffende das Theater, es wurden Standpunktschriften verlesen und diskutiert, aber die Aktivistinnen und Aktivisten feierten auch einfach in glitzernden Kostümen. Die Veranstalter der umstrittenen und viel diskutierten Kunstaktion schätzten, dass rund 20.000 Menschen während der Aktion vorbeikamen und die Inszenierung eines "feministischen, antirassistischen und kapitalismuskritischen Theaterkonzepts" sahen. Am Ende räumte die Polizei die besetzte Volksbühne. 

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