Social Design Award So wollen wir wohnen

Ein Projekt für Sozialwohnungen im Buckingham Palace, eine Hebammenstation in Ghana und die Nachbarschaftsinitiative Hinterhof-Dinner sind die Gewinner des Social Design Awards. Hier stellen die Sieger ihre Ideen vor.

Affordable Palace

Interviews von


Aus der Shortlist der zehn besten Beiträge für den Social Design Award 2019 wurden am Montag im Hamburger SPIEGEL-Haus die Sieger gekürt. Die Fragestellung des von SPIEGEL ONLINE, SPIEGEL WISSEN und Bauhaus ausgeschriebenen Preises lautete in diesem Jahr: "Wie wollen wir wohnen?"

Jurypreis: "Affordable Palace"

Der Preis der Expertenjury geht an das Team von "Affordable Palace", das angetreten ist mit der Idee, den Buckingham Palace umzubauen zu Sozialwohnungen. Dass die englische Königin allein 775 Zimmer und 79 Bäder in bester Londoner Lage zur Verfügung hat, geht gar nicht in Zeiten von Wohnungsnot und Mietenwahnsinn, finden die beiden Architekten des Münchner Büros Opposite Office. Benedikt Hartl und Thomas Hasender wollen daher den Palast um sechs Stockwerke aufstocken. So soll Platz geschaffen werden für 50.000 Menschen. Die Architekten wissen, dass ihre Idee höchstwahrscheinlich Fantasie bleiben wird. Ernst meinen sie es trotzdem.

Benedikt Hartl und Thomas Hasender von Opposite Office
Katrin Würtemberger

Benedikt Hartl und Thomas Hasender von Opposite Office

In ihrer Begründung lobte die Jury den gesellschaftspolitischen, provokanten und humorvollen Beitrag zur Diskussion über das Recht auf Wohnraum und soziale Gerechtigkeit, der auch in der englischen Presse aufgegriffen wurde.

SPIEGEL: Sie haben der Queen einen offenen Brief geschrieben. Gab es darauf jemals eine Antwort?

Hartl: Es gab viele Antworten, aber nicht von der Queen. Wir warten noch drauf.

SPIEGEL: Warum ausgerechnet der Buckingham Palace und nicht Schloss Bellevue oder ein Gebäude in München, wo sie leben?

Hartl: Als junger Architekt ist es relativ schwierig an Aufträge zu kommen. Eigentlich gibt es da nur zwei Wege, entweder man hat Beziehungen - die haben wir leider nicht - oder die Teilnahme an Wettbewerben. So einen gab es in London, bei dem man das Grundstück frei wählen konnte und es um bezahlbares Wohnen ging. Ein Thema, das uns sehr interessiert, und zu dem wir etwas beitragen können.

SPIEGEL: Wie viel Satire steckt in dem Vorschlag?

Hartl: Gar keine. Die Gesamtkosten eines Gebäudes in Großstädten liegen zur Hälfte im Bodenpreis. Das heißt ich zahle schon mal Millionen für das Grundstück, oder ich nehme eins, das frei ist. Durch die Aufstockung spare ich also schon die Hälfte der Kosten. Zu Ihrer Frage aber eine Gegenfrage: Wie viel Satire steckt im neoliberalen Wohnungsmarkt und im Kapitalismus?

SPIEGEL: Was werden Sie mit dem Preisgeld anstellen?

Hartl: Thomas hat ein riesiges Modell unseres Projektes im Maßstab 1:100 gebaut, zwei mal zwei Meter, sehr detailliert und mit witzigen Szenen, die sich ergeben, wenn man im Flur plötzlich auf "Her Majesty" trifft. Das müssen wir erstmal bezahlen. Vielleicht meldet sich ja ein Museum, welches das Modell ausstellen möchte zum Thema günstiger Wohnraum.

Publikumspreis: Hebammenhaus in Ghana

Die Hebammen, die im ghanaischen Dorf Havé helfen, die Kinder zur Welt zu bringen, hatten lange kaum genug Wohnraum für sich und ihre Familien. Das änderte sich 2017 mit dem Bau eines Wohnheims und einer Hebammenschule - eine Gemeinschaftsarbeit rund 50 deutscher und US-amerikanischer Studenten, deutscher Handwerksauszubildender und ghanaischer Berufsschüler. Die Idee dazu stammte von dem Kölner Verein Meeting Bismarck und hat in der Onlineabstimmung für den Publikumspreis die meisten Stimmen erhalten. Franz Klein-Wiele und Thomas Schaplik von der Architekturfakultät der Hochschule Düsseldorf nahmen die Auszeichnung stellvertretend entgegen.

SPIEGEL: Wie kommt eine Düsseldorfer Architekturhochschule dazu, ein Hebammenhaus im ghanaischen Dschungel zu bauen?

Schaplik: Das Projekt entstand durch den Kontakt unserer Kollegin Judith Reitz von der Hochschule Düsseldorf. Ihr neugeborenes Kind wurde durch die Leiterin des Vereins Meeting Bismarck in Köln betreut, die als Hebamme tätig ist und den Ort mit vielen Projekten unterstützt.

SPIEGEL: Wie viele Hebammen wohnen aktuell in der Anlage?

Schaplik: In drei Wohnungen leben Hebammen mit ihren Familien, die zuvor oft nicht an einem Ort zusammenleben konnten. Eine weitere Wohnung ist für den internationalen Austausch. Dort können sich Ärzte, Krankenschwestern und Handwerker aus Europa und Ghana treffen und gemeinsam mit den Hebammen, Mütter und Kindern vor Ort arbeiten und voneinander lernen.

Publikumspreisgewinner: Franz Klein-Wiele (l.) und Thomas Schaplik von der Peter Behrens School of Arts
Katrin Würtemberger

Publikumspreisgewinner: Franz Klein-Wiele (l.) und Thomas Schaplik von der Peter Behrens School of Arts

SPIEGEL: Was waren die Besonderheiten beim Bau?

Klein-Wiele: Bei all unseren Projekten arbeiten wir möglichst viel mit lokalen Handwerkern und Materialien. In Havé haben wir etwa Bambus genutzt, der dort viel wächst. Da mussten wir gemeinsam mit den afrikanischen Partnern viel lernen, denn wir kennen das aus Europa nicht. Deshalb suchen wir uns stets vor Ort Partner, mit denen wir das zusammen machen. Außerdem haben die Häuser ein passives Klimakonzept für die schwierigen Bedingungen im Dschungel.

SPIEGEL: Was werden Sie mit dem Preisgeld anstellen?

Klein-Wiele: So richtig haben wir da noch nicht nachgedacht, weil wir nicht mit dem Preis gerechnet haben. Wir werden das Geld einem unserer Design Build Projekte zu Gute kommen lassen.

Schaplik: Wir haben zurzeit einige Projekte in den ärmsten ländlichen Regionen der Welt laufen. Da kann jedes Projekt die Unterstützung gut gebrauchen.

Sonderpreis: Hinterhof-Dinner

Viele Nachbarn, aber wenig Bekannte, das ist der Alltag in etlichen deutschen Wohnblocks. Deshalb dachte sich das Leipziger "Kollektiv Plus X" das "Hinterhof Dinner" aus. Das Ziel: aus einer anonymen Nachbarschaft wird nach einem gemeinsamen Abendessen "ein Netzwerk mit gemeinsamen Interessen". Damit das Festmahl im Freien auch logistisch umsetzbar ist, haben die Leipziger eine mobile Küche gebaut. In Hamburg vertreten war das "Kollektiv Plus X" durch Anka Broschk und Marvin Schwark.

Sonderpreisgewinner: Marvin Schwark und Anka Broschk von Hinterhof-Dinner mit Robert Köhler (r.) von Bauhaus
Katrin Würtemberger

Sonderpreisgewinner: Marvin Schwark und Anka Broschk von Hinterhof-Dinner mit Robert Köhler (r.) von Bauhaus

SPIEGEL: Wie viele Hinterhof Dinner haben bisher schon stattgefunden?

Schwark: Drei Stück.

SPIEGEL: Was hat sich dadurch verändert in den Hausgemeinschaften?

Broschk: Das reicht vom Rezeptetauschen bis hin zu einem Fall, in dem sich die Bewohner danach gegenseitig geholfen haben, ihre Wohnungen umzubauen, oder sogar einer Demo gegen den geplanten Verkauf des Hauses. Wir haben noch Kontakt zu verschiedenen Leuten aus den Häusern, um zu kucken, was daraus wird und das Feedback ist eigentlich immer positiv.

SPIEGEL: Wie kam es zu der Idee für das Gemeinschaftskochen?

Schwark: Das Ganze ist Teil eines größeren Projekts, des Nomadischen Kulturzentrums im Donaukiez in Berlin. Dort gibt es sehr wenig öffentliche Flächen, wo die Bewohner irgendwie sein können, und da dachten wir, dann geht man halt in die Hinterhöfe. Denn die Fläche ist eigentlich immer da, wird aber oft nicht mehr gut genutzt. Meist stehen da nur Mülltonnen und Fahrräder, sonst passiert da nicht viel.

Broschk: Es hat dadurch auch Folgeevents gegeben, weil die Leute festgestellt haben, dass sie sich dort auch treffen und eine gemütliche Sitzecke haben können.

SPIEGEL: Wenn ich nicht in Leipzig wohne, kann ich mir diese Küche auch nachbauen? Stellen Sie die Pläne zur Verfügung?

Schwark: Die Küche soll jetzt an eine Schule in Berlin angedockt werden, dort wird man sie sich dann auch leihen können. Nachbauen geht im Prinzip auch. Wir hatten selbst schon drüber nachgedacht, die Pläne online zu stellen, es aber bisher einfach noch nicht gemacht.

Der Social Design Award wurde in diesem Jahr zum sechsten Mal vergeben. Rund 150 Einsendungen gingen ein, aus Deutschland, der Schweiz, aber auch aus den USA oder Ghana. Im vergangenen Jahr ging es um "die besten Ideen für eine gute Nachbarschaft".



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