Stadtplanung "Ältere Menschen suchen sich lieber ihre eigenen Orte"

Öffentlicher Raum grenzt Senioren zu oft aus, kritisieren zwei junge Architekten aus Dänemark. Dass es besser geht, beweisen die Ideen aus ihrem Buch - vom Mini-Park bis zu japanischen Wasserwegen.
Von Katharina Cichosch

SPIEGEL: Frau Hauderowicz, Herr Ly Serena, Sie widmen sich mit ihren Projekten vor allem älteren Menschen - einer Zielgruppe, die sonst eher eine untergeordnete Rolle in der Gestaltung des öffentlichen Raums spielt. Wie kam es dazu?

Kristian Ly Serena: Als Architekten sind wir immer wieder darauf gestoßen, wie durch die Gestaltung moderner Städte ältere Menschen oftmals von gewissen Aspekten des öffentlichen Lebens ausgegrenzt werden. Wenn man heute von altersgerechter Stadtplanung spricht, geht es noch immer vor allem um Stereotype, was ältere Menschen vermeintlich wollen oder benötigen. Sie werden in eine Schublade gesteckt.

Dominique Hauderowicz: Nur, weil du 80 Jahre alt bist, hast du nicht automatisch andere Interessen als dein junger Nachbar oder begeisterst dich nur noch für sogenannte "Seniorenthemen". Wir fragen zunächst einmal: "Wer sind eigentlich die Älteren?" Viele stellen diese Frage gar nicht erst, sondern fangen gleich an mit dem Planen und Entwerfen. Hinzu kommt, dass Altern nur als Nachteil gesehen wird. Wir sollten stattdessen mehr die positiven Effekte des Älterwerdens betrachten.

SPIEGEL: Welche sind das? 

Hauderowicz: Wir haben, besonders hier im Westen, ein sehr stereotypisches Verständnis von Alter, und in der Architektur wird Alter oft mit Behinderung assoziiert. Wir versuchen, uns im Buch mit der Komplexität des Altwerdens auseinanderzusetzen: Zum Beispiel entwickelt sich mit dem Alter das Expertendenken, und viele Menschen werden mit dem Alter anpassungsfähiger.

Ly Serena: Es ist kein linearer Prozess: Man kann natürlich krank oder verletzt werden; aber man kann auch genesen und wieder am öffentlichen Leben teilnehmen wollen. Deswegen ist es wichtig, dass Städte und ihre Räume unter verschiedenen Bedingungen nutzbar sind.

SPIEGEL: In ihrem Buch "Age-Inclusive Public Space" erzählen Sie das Beispiel niederländischer Senioren, die keine Lust haben auf die ihnen angebotenen Seniorenaktivitäten von Sport bis Spiele. Stattdessen treffen sie sich am liebsten in den schicken Bistros der Kaufhauskette Hema, wie viele junge Menschen auch. Was kann man daraus für die Gestaltung des öffentlichen Raums lernen?

Ly Serena: Dass ältere Menschen sich lieber ihre eigenen Orte suchen! Und eben nicht so sehr nutzen, was speziell für sie konstruiert wurde. Das ist eine großartige Erkenntnis, um öffentlichen Raum besser zu gestalten. Denn es ist bis heute ja ziemlich beliebt, das Ganze zu orchestrieren. Nach dem Motto: "Hier könnt ihr euch treffen, habt eine tolle Zeit zusammen!"

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Besser als Senioren-Spielplätze

Hauderowicz: Unserer Meinung nach ist es jetzt wichtig, darüber nachzudenken, wie man mit einer alternden, urbanen Gesellschaft in der Architektur und Stadtplanung umgeht. Fällt uns nichts Besseres ein als Senioren-Spielplätze?

SPIEGEL: Warum ist der Zeitpunkt gerade jetzt so wichtig?

Hauderowicz: Weil man eben erst anfängt, sich mit dem enormen demografischen Wandel und dessen Bedeutung für die moderne Stadt und Planung auseinanderzusetzen. Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation oder Eurocities haben dieses Thema noch nicht so lange auf der Agenda. Viele Städte fangen erst jetzt an, darüber nachzudenken, wie Sie altersinklusiv planen können. Deshalb ist es nun entscheidend, wie wir über den Prozess des Alterns denken - und wie sich dieses Wissen architektonisch manifestiert. Der Kerngedanke ist, dass ein sensibleres Planen und Bauen am Ende eine bessere Stadt für alle bedeuten wird.

"Für viele Menschen könnte ein Balkon wichtiger sein als eine barrierefreie Wohnung"

Kristian Ly Serrena

Ly Serena: Deshalb haben wir uns in einem Abschnitt auch dem Blick aus dem Fenster gewidmet.

SPIEGEL: Sie spielen an auf das Klischee vom neugierig bis grimmig aus dem Fenster blickenden älteren Nachbarn?

Ly Serena: Dabei geht es oft um etwas Anderes: Für viele Menschen könnte ein Balkon wichtiger sein als eine barrierefreie Wohnung. So können sie "auf die Straße" gehen, selbst wenn es körperlich oder psychisch schwerfällt; mit einem Balkon können sie die eigene Wohnung verlassen, ohne wirklich hinaus zu müssen. Das bezeichnen wir als Elastizität – das Leben in mehrere Richtungen dehnen. Moderne Städte sollten so etwas bieten: Abstufungen zwischen dem eigenen und dem gemeinsamen Raum. Die Schwelle zwischen privatem und öffentlichem Raum so herunterzusetzen, dass auch ältere Menschen sie leicht überqueren können, darüber sollten Architekten und Stadtplaner nachdenken.

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Kristian Ly Serena

Age-Inclusive Public Space (Architektur)

Verlag: Hatje Cantz Verlag
Seitenzahl: 240
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SPIEGEL: Und wie könnte so ein "elastischer" öffentlicher Raum noch aussehen, jenseits von Balkonen?

Hauderowicz: Das kann sich auf verschiedene Weise manifestieren - von der Stadtplanung bis zum Design. In Japan haben wir interessante Ansätze gefunden, "Walking on Water" in Tokio beispielsweise: Die Stadt ist sehr dicht bebaut, Straßen durchkreuzen alles, es fahren viele Autos und Busse – und es gibt dieses Netz aus historischen Wasserwegen. Die hat das Stadtbauamt umgewandelt in öffentlichen Raum. Das ist spannend, weil es kein einzelner Raum ist, sondern ein Netzwerk, das die Stadt miteinander verbindet: Man kann überall hinlaufen, auch langsam, es gibt keine Autos, man ist niemandem im Weg. Dort sind Spielplätze, Ruheplätze, Begegnungsstätten – wie eine zweite Ebene in der Stadt, die den Bewohnern neue Wege und auch Abkürzungen von A nach B ermöglicht.

SPIEGEL: Ein weiterer Punkt, den Sie ansprechen, ist das Schaffen von Atmosphäre. Was meinen Sie damit?

Ly Serena: Wir verwenden den Begriff Atmosphäre als Kontrapunkt zu "Funktionen" und "Aktivitäten", wie es im urbanen Design üblich ist. Diese trennen oft nach Alter. Atmosphäre und Landschaft hingegen sind an sich inklusiv. Zum Beispiel in Form eines künstlichen Wasserfalls, wie ihn der Landschaftsarchitekt Lawrence Halprin in Portland geschaffen hat: Seine Portland Fountain  bietet ein besonderes, atmosphärisches Erlebnis. Dieser Ort lädt die Menschen ein, ihn auf ganz unterschiedliche Weise zu nutzen - zur Erfrischung, zum Anschauen, als Wasserspielplatz. Sie können ihn sehen, hören und anfassen.

SPIEGEL: Überhaupt muss "Landschaft" nicht unbedingt wilde Natur bedeuten, wie Sie im Buch erklären.

Ly Serena: Wenn wir über Landschaften sprechen, dann immer über solche, die zum Entdecken einladen. Japanische Gärten sind ein tolles Beispiel hierfür. Dort fühlt sich selbst auf kleinem Raum ein Rundgang an, als ginge man durch eine weite Landschaft.

Hauderowicz: Genau wie Dinge sind auch Landschaften oft mit starken Emotionen verknüpft. Im besten Fall können sie sogar dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, Erinnerungen zurückbringen. Gerade Menschen, die nicht mehr gut laufen können, profitieren von winzigen und gut zugänglichen "Mini-Parks". Natur - und sei sie noch so klein - hat die Macht, das Gefühl von Alter zu verwandeln. Architektur auch. Plötzlich fühlen wir uns wieder so jung wie zum Zeitpunkt, an den sie uns erinnert.

SPIEGEL: Der öffentliche Raum sollte also nicht nur nach praktischen, sondern auch nach sinnlichen und erfahrbaren Aspekten gestaltet werden?

Hauderowicz: Wenn es um den inklusiven öffentlichen Raum geht, wird immer wieder von Sitzbänken gesprochen. Natürlich ist das eine wichtige Frage. Viele ältere Menschen können nicht mehr so weit laufen wie jüngere. Aber die Gestaltung von Raum ist eben mehr als nur das Hinstellen von Dingen. Wo liegt der Mehrwert einer Bank, wenn es rundherum nichts gibt, dass man sich während des Sitzens anschauen könnte?