Star-Snack bei Hugo Egon Balder Wo Rock 'n' Roll nach Maggi schmeckt

Ein Trashfernseh-Fossil tischt auf: Hugo Egon Balder serviert in seiner Hamburger Kiez-Kneipe einen Kochschinken namens Jimi Hendrix - und jede Menge kulinarische Fragwürdigkeiten.

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Der Gastronom

Hugo Egon Balder begann seine Showkarriere einst als Musiker, spielte in einer Rockband, war Schlagersänger und moderierte von 1990 bis 1993 die Strip-Show "Tutti Frutti". Er hatte seine großen Tage in einer Zeit, in der Frauen im Fernsehen noch Hella, Gina oder Dolly hießen und Männer für Altherrenwitze beklatscht wurden. Balder ist mit 65 Jahren genauso alt wie seine Lieblingskneipe, das "Zwick" in Hamburg Pöseldorf. Vor fünf Jahren eröffnete er zusammen mit deren Eigentümer Uli Salm eine Zweigstelle des Rock 'n' Roll-Lokals auf der Hamburger Reeperbahn.

Hoffnungen und Befürchtungen

Fabienne Hurst
Das "Zwick St. Pauli" liegt zwischen Millerntorstadion, Hamburger Dom und dem Rotlichtviertel. Wir tippen entsprechend auf eine Musik-Schänke für Trinkspruch-T-Shirts tragende Männer mit gelben Haaren und Frauen, die XXL-Plüschteddybären von der Kirmes herumschleppen. Vielleicht hocken ja auch ein paar Hamburger Promis am Tresen, der Ex-Bodyguard von Udo Lindenberg zum Beispiel, oder Bruno Labbadia. In unserer Vorstellung preisen Speisekarten mit Fotos großzügige Fleischgerichte an, dazu reichen vollbusige Kellnerinnen in engen Tanktops viele Sorten Bier und nach Gästen benannte Schnäpse. Also irgendwas zwischen Wachsfigurenkabinett, Hardrock Café und Schweinske.

Persönliche Note

Fabienne Hurst
Grünpflanzen schirmen die Terrasse vom Autolärm ab, dort sitzen die Gäste unter von Biermarken gesponserten Sonnenschirmen an rustikalen Gartenmöbeln, etwa umfunktionierten Holzfässern. Der Innenraum mit gut bestückter Bar ist mit Postern und Flyern tapeziert, in der Mitte steht ein Schlagzeug. Aus den Lautsprechern schallt "Eye of the Tiger" von Survivor. Neun Großbildfernseher zeigen Bundesliga- und Champions-League-Spiele - oder was eben sonst gerade so auf Sky läuft. Die Karte ist eine Speisezeitung im Tabloid-Format, sie erinnert nicht nur optisch an ein Hamburger Boulevardblatt, sondern auch inhaltlich: Versalien, Werbeanzeigen und eine gezeichnete Pin-up-Krankenschwester mit großen Brüsten, die in Sprechblasen Weisheiten verkündet wie: "Don't drink Water, drink Beer." Balder hat sich angeblich mit dem Zwick St. Pauli einen "Jugendtraum erfüllt", außerdem wurden hier die Folgen für seine Sendung "Der Klügere kippt nach" gedreht, in der sich mehr oder weniger bekannte Menschen besaufen und Balder den Schnaps verteilt.

Service

Die Bedienung trägt tatsächlich ein enges, ärmelloses Shirt mit "Zwick"-Logo plus Namensschild. Bei der Aufnahme der Bestellung stützt sie sich mit beiden Ellenbogen ganz lässig auf dem Holzfass-Tisch ab.

Essen&Trinken

Fabienne Hurst
Damit auch beim Lesen der Speisekarte niemand vergisst, dass die Besitzer wirklich große Rock 'n' Roll-Fans sind, ist jedes Gericht mit einem mehr oder weniger rocklastigen Namen versehen. Hinter "Milli Vanilli" verbirgt sich rote Grütze mit Vanillesauce, hinter "Falco" ein Wiener Schnitzel. Warum Jimi Hendrix ausgerechnet für saftigen Kochschinken steht, erschließt sich wahrscheinlich nur Insidern. Offen bleibt auch die Frage, wer sich freiwillig eine "AC/DC Atomsuppe" bestellt (falls Sie noch nicht genügend abgeschreckt wurden: Es handelt sich um eine extra scharfe Fleisch-Bohnen-Suppe). Besonders überschwänglich angekündigt wird "Susi's Tomatensalat" (6,90 Euro). Bei ihm soll es vor allem um die Tomate gehen, denn "geschmacksfreie Treibhauskreationen mögen wir nicht. Und wenn es keine guten Tomaten gibt, machen wir das verdammte Gericht einfach nicht." So steht es in der Speisekarte.

Wie schmeckt's?

An diesem Abend haben die Zwick-Köche bei "Susi's Tomatensalat" wohl eine Ausnahme gemacht und das verdammte Gericht einfach trotzdem gemacht. Er besteht aus einigen Scheiben Treibhauskreation und einer halben, grob geschnitzten Gemüsezwiebel. Der Caesar's Salad schmeckt verdächtig nach Maggiwürzsoße und Knoblauchpulver. Wir gucken neidisch auf die Chuck Berry Burger am Nebentisch.

Stolz des Hauses

Fabienne Hurst
Balders Kumpel und Geschäftspartner Uli Salm nutzt den Laden als Ausstellungsraum für seine Gitarrensammlung (80 Stück) und veranstaltet gerne "spontane Sessions" mit seiner Band "Rudolf Rock & die Schocker" und seiner singenden Frau Susi. Auch Balder haut hier, so das Versprechen, an einigen Wochenenden im Jahr "in die Tasten".

Wer ist da?

Ein bunter Querschnitt all jener Menschen, die sich Fernseh-Promis gern nah fühlen wollen und wahrscheinlich einen Kiezreiseführer besitzen. Multifunktionshosen mischen sich mit tätowierten Oberarmen und eng anliegenden St.Pauli-Shirts, blondierten Steckfrisuren und solariumgerösteter Gesichtshaut.

Chancen für Autogrammjäger

...sind am höchsten an den Wochenenden, wenn Balder, Salm und Co. ihre Musik-Sessions veranstalten.

Die Rechnung bitte

Rock 'n' Roll kann man eben nicht essen. Aber vielleicht trinken?

Punkte

4 von 10 Punkten


"Zwick", Millerntorplatz 1, 20159 Hamburg. Montag-Donnerstag 16 Uhr bis open end, Freitag 14 Uhr bis open end, Samstag und Sonntag 12 Uhr bis open end.

Zur Autorin
  • Fabienne Hurst, Jahrgang 1987, ist freie Journalistin in Hamburg.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
pharcyde 20.08.2015
1. Einseitiger Artikel
Es wäre vielleicht sinnvoll gewesen, diesen Artikel von jemanden zu verfassen, der H. von Sinnen's und H. Balder's beste Jahre miterlebt hat. Balder lebt seinen Traum aus, ich kann mir nicht vorstellen, dass er das für's Geld macht (vielleicht ist aber Susi's Tomatensalat ein super Margengeschäft, mag sein ^_^). Man kann seinen Humor mögen oder nicht, misogyn ist dieser aber ganz sicher nicht (so wie das der Artikel, oder besser die Autorin, vermitteln will). Wie die Kneipe nun wirklich ist, kann ich nicht beurteilen, aber noch weniger nach Lesen dieses Artikels.
daldner 20.08.2015
2. Mal ganz ehrlich...
dem Vergnügungspöbel, der da jedes Wochenende die Reeperbahn heimsucht, sind kulinarische Fragen sowas von egal. Und natürlich macht Balder das nicht für Geld sondern für Gotteslohn... wofür denn auch sonst? Ansonsten: Rock´n Roll goes Erlebnisgastronomie. Wie sagte neulich einer zu mir: Das ist doch Kacke und sonst nix.
gonzo24 20.08.2015
3. Aha
die Besucher des Kiez sind also Erlebnispöbel,ein Balder macht alles nur wegen Geld und Statler und Waldorf wissen natürlich ganz genau wie der Hase läuft. Ich weis schon warum in den letzten Jahren gerade irgendwelche Szenelokale meide, denn die Anzahl der inzwischen runzligen "Durchblicker" ist inzwischen schon inflationär.....
angst+money 20.08.2015
4.
Bei großen Kindern ist es halt wie bei kleinen: man muss sie gerne haben aber man sollte sie nicht kochen lassen. Also Hugo: viel Glück, aber ich esse woanders...
beatbox 20.08.2015
5. Rubberdoll
Das Konzept läuft darauf hinaus, Provinzlern das Gefühl zu geben, ganz authentische Nähe zum R´n´R und zur Promiszene erleben zu können. Für Musiker und und Menschen, die im aktuellen Zeitgeschehen stehen, gibt es kaum etwas peinlicheres als diese Klischeeklitsche . Das sowas wie dieser unsägliche Tomatensalat tatsächlich seinen Weg auf den Tisch findet, spricht Bände über die tatsächliche Verachtung des eigenen Publikums. Ich finde, die Autorin hat es recht gut auf den Punkt gebracht: Mdme Taussaut lebt! Leider auch : diese Art von R´nR ist schxxx. Und das ist traurig: Es gibt mir das Gefühl , was meine Jugendhelden angeht, einen peinlichen Musikgeschmack zu haben. Allein dafür hätte ich dem Tomatensalat höchstens einen Punkt verliehen.
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