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Architektur: Die senkkrechten Wälder des Stefano Boeri

Stefano Boeri über Bauen mit Bäumen Grün, grün, grün sind alle meine Häuser

Stefano Boeri lässt seine Häuser überwuchern. Mit seinen bewaldeten Zwillingstürmen in Mailand wurde er berühmt. Nun hat der Architekt einen Stadtteil in China entworfen, in dem auf jedem Haus Hunderte Bäume wachsen.
Von Anne Backhaus

Da stehen sie. Die Hochhäuser sehen unwirklich aus. In einer nördlichen Ecke von Mailands Zentrum, wo früher die Arbeiter der Stadt wohnten, sind sie umringt von verglasten Wolkenkratzern, Leuchtreklamen, Straßenlärm. Zwei Wohnblöcke, 80 und 110 Meter hoch, über und über mit Bäumen bewachsen, unglaublich grün, wie aus einem Science-Fiction-Film in die Stadt gefallen.

Ihr Erbauer sitzt auf der Dachterrasse eines Hotels, nur wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt. Stefano Boeri, 61, trinkt seinen dritten Espresso an diesem Morgen, schiebt die Sonnenbrille auf seine Stirn und blickt auf die Zwillingstürme. Der italienische Architekt hat den "Bosco Verticale", seinen senkrechten Wald, 2014 fertiggestellt. Dafür erhielt er einige Auszeichnungen und dann unzählige Aufträge für ähnliche Häuser in vielen Teilen der Erde. Heute hat ihn der Gartengeräte-Hersteller Gardena gebucht, er wird gleich einen Vortrag halten. Auch das macht er jetzt häufig. Natürlich über Pflanzen auf Häusern - und über seinen Waldstadtteil in China, der in zwei Jahren von 30.000 Menschen bezogen werden soll. Danach ist sein Tag bis in die späten Abendstunden mit Terminen gefüllt. Boeri lässt die Brille zurück auf seine Nase fallen, bereit zum Gespräch.

Zur Person

Stefano Boeri kam 1956 als Sohn einer Möbeldesignerin und eines Neurologen in Mailand zur Welt. Sein Architekturstudium beendete er mit einer Promotion. Boeri baut vor allem in Städten. Der Bosco Verticale (vertikaler Wald) machte ihn international bekannt. Seine bepflanzten Hochhäuser begrünen den urbanen Raum und sorgen für bessere Luft. Boeri lebt und arbeitet in Mailand, er lehrt als Professor an verschiedenen Universitäten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Boeri, sehen Sie noch hoch, wenn sie mit dem Auto an Ihren Häusern vorbeifahren?

Stefano Boeri: Jedes Mal. Meine Gebäude verändern sich ja andauernd. Ohne mich, das mag ich am meisten. Sie sehen immer anders aus. Jeden Tag, je nach Stand der Sonne und Intensität des Lichts. Jedes Jahr, jede Jahreszeit. Normalerweise ist ein Gebäude einfach nur da, meine Häuser leben aber. Gefallen sie Ihnen?

SPIEGEL ONLINE: Ich mochte es, wie ruhig ich plötzlich wurde, als ich auf die Häuser zulief. Und wie gut die Luft dort ist.

Boeri: Ha, genau! Das mag ich übrigens auch: Für jeden bedeuten diese Häuser etwas anderes. Natürlich habe ich meine Zahlen, ich kann sagen, dieses oder jenes Haus absorbiert soundso viele Tonnen CO2 und Schmutzpartikel, mindert Lärm, Staub und Hitze. Es ist aber unmöglich, quantitativ zu bestimmen, wie sehr jeder einzelne Mensch von der Anwesenheit der Bäume profitiert. Verwundert hat mich, dass sich dort anscheinend sogar Menschen auf den Balkonen wohlfühlen, die eigentlich ein Problem mit Höhe haben. Sie sagen, die Bäume würden ihnen ein tieferes Gefühl von Sicherheit vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie so ein Gebäude planen, denken Sie dann als Architekt auch über die verschiedenen Baumarten nach?

Boeri: Ich fange sogar mit der Auswahl der Bäume an! Die Bäume geben mir die Form des Gebäudes vor, und die Fassade wird in Abstimmung mit jedem einzelnen Baum geplant. Das ist natürlich an jedem Ort anders, weil überall andere Wachstumsbedingungen herrschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wählen Sie die Pflanzen aus?

Boeri: Ich arbeite eng mit Botanikern vor Ort zusammen, letztlich für eine Gesamtkomposition, die in Paris eben nicht so funktioniert wie in São Paulo. Jeder Baum ist ja ein Individuum. Wie eine Person hat auch er seine Wünsche und Vorstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie mal ein Baum überrascht?

Boeri: Alle sogar. Es fasziniert mich, wie intelligent Pflanzen sind. Jeder der gut 900 Bäume auf dem Haupthaus, auf das wir schauen, gedeiht überaus gut. Doch auch wenn sie sehr nah an die Terrassen über sich heranwachsen, berühren ihre Kronen sie nie. Auch mit den Pflanzen neben sich überlappen sie nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Mailand geboren und aufgewachsen. Diese Stadt ist in oberen Stockwerken erstaunlich grün, überall wuchert es von den Balkonen.

Boeri: Das war aber nicht immer so.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie kopiert?

Boeri: Ich weiß es nicht, und wenn, wäre es überhaupt genau richtig. Je mehr Pflanzen, desto besser.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Balkon?

Boeri: Habe ich, aber ich habe vor allem einen großen Fehler gemacht. Ich hätte ein Apartment im Bosco Verticale kaufen sollen, das war damals nur sehr teuer für mich. Wirklich dumm. Ich hätte es trotzdem machen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Vor vier Jahren kostete der Quadratmeter zwischen 6000 und 10.000 Euro. Wie viel zahlt man heute?

Boeri: Gut doppelt so viel.

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Architektur: Die senkkrechten Wälder des Stefano Boeri

SPIEGEL ONLINE: In den Niederlanden haben Sie ein neues Projekt, bei dem Sie Wohnraum für junge, finanziell benachteiligte Paare schaffen. Sollten Architekten sozialer denken?

Boeri: Niemand ist alleine stark. Wissen Sie, der Klimawandel wird in naher Zukunft unser Leben verändern. Das sollten wir im Kopf behalten. Es geht nicht darum, wer was verdient und wer die schönsten Häuser baut. Die Städte müssen grüner werden und daran sollten wir alle gemeinsam arbeiten - sie müssen im besten Sinne wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Sonst?

Boeri: Wir haben doch keine Ahnung, wie viel Zeit wir noch haben. Wann unser Planet für immer verloren ist.

SPIEGEL ONLINE: In einigen apokalyptischen Filmen zeigt sich das Ende der Menschheit darin, dass die Pflanzen sich ihren Lebensraum zurückerobern und die Metropolen überwuchern. Sie greifen dem nun vor und bauen in Liuzhou im Süden Chinas einen Stadtteil, der komplett bewachsen ist.

Boeri: So habe ich das noch gar nicht gesehen. Ja, es sieht so aus, bedeutet aber genau das Gegenteil. Ich will dort Menschen auffangen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Boeri: Jährlich verlassen mehrere Millionen Chinesen ihre Dörfer und kommen in die Städte. In manchen sieht man vor lauter Smog nicht mehr die Hand vor Augen. Wenn alles so läuft, wie ich es mir erhoffe, dann schaffe ich, Achtung jetzt kommen doch die Zahlen...

SPIEGEL ONLINE: Nur zu.

Boeri: Also dann schaffe ich Wohnraum für 30.000 Menschen, 40.000 Bäume und eine Million Kleinpflanzen. Die "Forest City" soll pro Jahr 10.000 Tonnen an CO2 absorbieren und 900 Tonnen Sauerstoff produzieren. Das Mikroklima wird sich verbessern, der Lärm verringern.

SPIEGEL ONLINE: Träumen Sie von der perfekten Stadt?

Boeri: Perfekt ist nichts. Ich möchte aber zeigen, dass es überall auf der Welt möglich ist, Städte und Häuser so zu planen. Pflanzen sind mehr als gut für uns. Wir können unsere Zukunft verändern.

Video: Mehr Individualismus in Gemeinschaft - Die neue Art zu Wohnen

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