Stella Jean über Mode "Ich mag diesen mitleidigen Safari-Blick auf Afrika nicht"

Überall auf der Welt sieht Mode gleich aus. Das muss sich ändern, entschied die Designerin Stella Jean - und produziert seitdem in Afrika. Ein Interview über imperiale Ästhetik.

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Von Philip Kaleta


Zur Person
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    Stella Jean, 37, wollte Politikerin werden, entschied sich dann aber für Modedesign. 2011 gewann die Autodidaktin den "Who Is On Next?"-Wettbewerb der italienischen Vogue - nachdem sie zweimal abgelehnt wurde. Zu ihren Unterstützern zählen Giorgio Armani und die Modekritikerin Suzy Menkes. Jean hat zwei Kinder und lebt in Rom.

SPIEGEL ONLINE: Frau Jean, Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Wurzeln besonders wichtig sind für Ihr modisches Schaffen. Erklären Sie uns das bitte.

Jean: Mein Vater ist Italiener, meine Mutter Haitianerin. Ich komme aus einer multikulturellen Familie, die aus Weißen und Schwarzen besteht. In Italien hatte ich es schwer in meiner Kindheit. Die Hautfarbe war damals ein großes Thema. Wir Italiener sind eine Einwanderernation, begreifen uns aber nicht als solche. Wir wollen nicht, dass Leute zu uns kommen, und integrieren wollen wir sie erst recht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das selbst zu spüren bekommen?

Jean: Durchaus. Ich ging auf eine französische und auf eine italienische Schule in Rom. Auf beiden Schulen war ich das einzige schwarze Mädchen. Die Leute fragten mich immer, wo ich denn herkomme. Sie glaubten mir nicht, als ich sagte, ich sei Italienerin. Sie fingen an, mir meine eigene Identität zu erklären. Das ist bis heute so! Meinem Sohn wird auch nicht geglaubt, dass er Italiener ist. In dieser Hinsicht hat sich bis heute nichts getan.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie darauf reagiert?

Jean: Ich dachte mir, dass ich zwei Optionen habe. Entweder verlasse ich das Land und gehe an einen Ort, der Multikulturalität akzeptiert, oder ich versuche, die Dinge hier in Italien zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollten Sie das anstellen?

Jean: Mit Mode! Ich wollte den Leuten zeigen, dass man im gleichen Look zwei unterschiedliche Kulturen auf engstem Raum harmonisch zusammenführen kann. Anfangs versuchte ich, die traditionelle italienische Schneiderkunst mit afrikanischer und haitianischer Ästhetik zu verbinden. Das Italienische und Haitianische sind zwei zentrale Bestandteile meiner Identität. Ich wollte den Leuten zeigen, dass zwei Kulturen, die einander fremd sind, gut zusammen funktionieren können.

SPIEGEL ONLINE: Und wie gehen Sie jetzt vor?

Jean: Mittlerweile verbinde ich Elemente ganz unterschiedlicher Kulturen, verschmelze sie aber nicht, sondern belasse sie so, wie sie sind und lasse sie in einen Dialog treten.

SPIEGEL ONLINE: Einen Teil ihrer Kollektion produzieren Sie in Afrika. Sie kennen die dortigen Mikro-Unternehmen der ansässigen Weberinnen aus unmittelbarer Erfahrung.

Jean: In Mali oder Burkina Faso habe ich so viele elaborierte Näh- und Schneidetechniken kennengelernt, die unserer italienischen Schneiderkunst in nichts nachstehen. Sie sind anders, aber kein bisschen schlechter. Die Frauen in jenen Entwicklungsländern produzieren die Kleidung in dörflichen Gegenden und sehr bescheidenen Verhältnissen. Die Italienerinnen arbeiten in glamourösen Ateliers. Es gibt keinen Unterschied in der Qualität der Arbeit, sondern im Kontext, in dem sie stattfindet.

SPIEGEL ONLINE: Warum produzieren Sie dort?

Jean: Ich gehe nicht dorthin, um 70 bis 80 Prozent Produktionskosten zu sparen. Ich gehe dorthin, um zu lernen: nämlich Handwerkliches und Kulturelles. Das dortige Handwerk steht unserem in nichts nach - wir können einiges von den Frauen aus diesen Ländern lernen. Ich mag diesen mitleidigen "Safari-Blick" auf Afrika nicht. Ich begegne den Weberinnen dort auf Augenhöhe.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr pragmatisch.

Jean: Wenn wir diesen Kulturen nicht helfen, ihre Traditionen und ihre Schneidertechniken zu bewahren, werden sie verschwinden. Die neue Generation in diesen Ländern hält die eigene Kultur bereits für alt und hässlich und will lieber bekannte europäische oder amerikanische Markensachen tragen statt ihre traditionelle und wunderschöne Kleidung. Wenn wir als Westen so weitermachen, werden wir bald nur noch eine einheitliche, globale Ästhetik haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, mit Ihren Statements zu sehr anzuecken?

Jean: Nein. Mein Vorgehen ist keine ausgeklügelte Strategie. Niemand sagt mir, was ich tun soll. Es wäre viel einfacher für mich, wenn es so wäre. Wenn ein großer Sponsor, ein großer Name hinter mir stünde und großes Geld in meine Kollektionen investieren würde. Nein, ich versuche möglichst konsequent in dem zu sein, was ich tue.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen große Modehäuser, Ihre Mode als besonders unpolitisch zu verkaufen?

Jean: Na ja, sie sind zur Zeit zumindest sehr oberflächlich. Ihnen geht es vor allem um die Ästhetik. Sie wollen schöne Kleider produzieren, der Aspekt der Verantwortung wird dabei kaum beachtet. Sehen Sie sich an, was auf dem Rana Plaza in Bangladesch passiert. Unsere Leute können nicht erwarten, dass sie sich einen Anzug für fünf Euro kaufen können, ohne dass jemand die Differenz dafür bezahlt. In diesem Fall mit unmenschlicher Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Große Modemarken transportieren über Werbung oft klare Geschlechter- und Körperstereotypen. Bei Ihren Modeschauen fällt es schwer, irgendwelche Stereotypen auszumachen. Vermeiden Sie die bewusst?

Jean: Absolut. Wenn wir als Modebranche so weitermachen, konstruieren wir noch eine Art "perfekte" Menschenrasse. Und eine einheitliche, imperiale Ästhetik, der alle folgen sollen. Deswegen lassen sich Mädchen in Asien die Augen operieren oder Menschen in Afrika ihre Haut "klarer" machen, damit sie dieser "richtigen" Ästhetik entsprechen. Und wieso? Weil bis heute diese ungeheuerliche Vorstellung vorherrscht, dass man westlichen Schönheitsidealen entsprechen müsste.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Mode dagegen tun?

Jean: Es gibt so viele unterschiedliche, wunderschöne Kulturen und Traditionen, die dadurch marginalisiert werden. Mir geht es in meiner Arbeit gerade darum, die Ästhetik und Tradition unterschiedlichster Kulturen zu erhalten und die Unterschiede zwischen ihnen deutlich zu machen. Ich hoffe, mit meiner Mode einen Beitrag dazu leisten zu können.



insgesamt 3 Beiträge
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otium 26.07.2016
1.
Da diese Unternehmerin in Burkina Faso "70-80%" der Produktionskosten spart, ist auch sie selbst eine Ausbeuterin. Aber immerhin ehrlich dabei...
rpr 26.07.2016
2. @otium
Der Absatz gibt Ihre Interpretation nicht her. Sie sagt, dass sie nicht wegen der möglichen Produktionskosteneinsparung dorthin geht. Über die Löhne oder Stückpreise die sie zahlt wird in diesem Absatz nicht gesprochen. Natürlich sind ihre Produktionskosten höher, wo von die Arbeiterinnen aber erstmal nichts haben, die von ihr aufgewendete Zeit auf Techniken und Tradition fließt natürlich in die Produktionskosten ein. Bei ihren relativ kleinen Chargen wirkt sich das natürlich erheblich stärker aus, als wenn ein großes Label sich diese Mühe machen würde.
beatrace 08.08.2016
3.
Zitat von otiumDa diese Unternehmerin in Burkina Faso "70-80%" der Produktionskosten spart, ist auch sie selbst eine Ausbeuterin. Aber immerhin ehrlich dabei...
....kennen Sie Stella Jean? Ich finde, das ist zu weit ausgeholt sie Ausbeuterin zu nennen. Sie produziert in afrikanischen Ländern zu humanen Bedingungen. Dank ihrer Produktion werden Arbeitsplätze geschaffen und gesichert, sodass die Wirtschaft stabil bleibt. Made in Africa ist die Zukunft!
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