Landwirtschaftsmeister Jürgen Spitznagel aus Grießen
Landwirtschaftsmeister Jürgen Spitznagel aus Grießen
Foto: Milena Schilling

Fotografieprojekt Bei Hofe in Grießen

Der Strukturwandel stellt traditionelle Bauern vor eine Entscheidung: aufgeben oder durchhalten? Fotografin Milena Schilling hat die Entwicklung der Höfe in ihrem Heimatdorf Grießen dokumentiert.
Von Maren Keller

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Falls man von Grießen noch nie gehört hat – was nicht unwahrscheinlich ist, wenn man nicht gerade von dort stammt –, ist es gar nicht so leicht zu finden. Man muss dafür auf Google Maps zum Landkreis Waldshut zwischen Freiburg und Zürich scrollen. Dann zoomen – jetzt kommen Waldshut-Tiengen ins Bild, Bad Zurzach, Ühlingen Birkendorf, weiter zoomen – da ist es.

Grießen, Teil der Gemeinde Klettgau, ganz im Süden von Baden-Württemberg. 1900 Einwohner. Viele Felder. Und irgendwo dazwischen auch: das Elternhaus von Milena Schilling.

Schilling ist Fotografin. Wenn sie an ihre Kindheit in Grießen denkt, dann tauchen Kuhweiden in ihren Erinnerungen auf und Landluft. Denn Grießen war früher ein Dorf, das vor allem aus Bauernhöfen bestand. Milch, Eier und Fleisch kamen ganz selbstverständlich von den vor Ort ansässigen Landwirten.

Viele der Höfe gab es schon seit Generationen. Grießens landwirtschaftliche Geschichte reicht weit zurück, und es gibt Stellen in Grießen, an denen man das noch sehen kann, wenn man es weiß. Der Marktplatz beispielsweise ist so groß, weil Grießen zu jenen Orten gehörte, denen ein ständiges Marktrecht verliehen worden war. Marktflecken sagt man dazu. Seit dem 16. Jahrhundert war Grießen deshalb von großer Bedeutung für die überregionale Landwirtschaft in diesem Gebiet.

Das alles hat sich geändert. Heute gibt es in Grießen kaum noch Landwirtschaft. Die Bauernhöfe, die es noch gibt, werden im Nebenerwerb geführt oder als Hobby. Landwirtschaft lohnt sich nur noch dann, wenn man expandiert und sich spezialisiert. Stattdessen wachsen in Grießen jetzt – wie auch sonst überall – Neubaugebiete aus dem Boden. Keines der Kinder dort wird sich einmal an Eier, Milch und Fleisch direkt vom Hof erinnern.

Was in Grießen passiert ist, ist auch in vielen anderen Dörfern geschehen.

Milena Schilling ist vor ein paar Jahren für ihr Studium aus Grießen weggezogen. Erst nach Konstanz, dann nach Dortmund. Während der Coronazeit ist sie zurückgezogen und hat zum ersten Mal wieder eine längere Zeit in ihrem Heimatort verbracht. Während dieser Zeit, sagt sie, sei ihr der Wandel Grießens so deutlich bewusst geworden, dass sie beschloss, ihrem Unverständnis und ihren Fragen auf den Grund zu gehen.

Für eine Fotoserie hat sie mit vielen der Landwirte und Landwirtinnen im Ort gesprochen und diese Menschen fotografiert. »Wachsen oder weichen« heißt das Projekt, das daraus entstanden ist und das von weit mehr handelt als nur von Grießen. Das Projekt dokumentiert die Situation der regionalen Kleinbauern und den Wandel, den die Landwirtschaft durchlebt. Schilling hat die visuelle Dimension dieser baulichen und gesellschaftlichen Veränderungen eingefangen.

Und damit ein Stück Gesellschaftsgeschichte. Denn was in Grießen passiert ist, ist auch in vielen anderen Dörfern geschehen.

Strukturwandel ist der große, übergeordnete Begriff dafür, der immer dann verwendet wird, wenn man mit Distanz auf das Leben blickt. Man kann aber hineinzoomen in diesen Begriff, so wie das gewissermaßen Milena Schilling getan hat – dann werden erst einzelne Orte sichtbar, weiter zoomen – jetzt sieht man einzelne Menschen.

Dies ist die Geschichte Grießens – und die seiner Kleinbauern und Kleinbäuerinnen:

Fotostrecke

Grießen: Ein Bauerndorf im Wandel

Foto: Milena Schilling
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