Tattoo-Ausstellung Dschungel auf dem Körper

Tätowieren, das bleibt eine Grenzerfahrung aus Kunst, Schmerz und Sinnlichkeit. Aber warum lässt man sich überhaupt Bilder unter die Haut gravieren? Eine Ausstellung sucht Antworten. Und verrät, welches Motiv Kaiserin Sisi sich in einer Hafenkneipe stechen ließ.

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Eine Ausstellung über Tattoos muss nicht mit dem Intimschmuck von Britney Spears beginnen. Besser also mit einer knappen Beobachtung des Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Seine Notiz im Reisebericht "Traurige Tropen" aus dem Jahr 1935 ist am Eingang an die Wand gepinselt:

"Warum seid ihr so dumm?", fragten die Eingeborenen die Missionare.

"Warum sollen wir dumm sein?", fragten diese zurück.

"Weil ihr euch nicht bemalt wie die Eyiguayeguis."

Man musste bemalt sein, um ein Mensch zu sein: Derjenige, der im Naturzustand verharrte, unterschied sich in nichts vom Tier.

Dass die Welt nicht verharrte, zeigt die Ausstellung "Tattoo" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (vom 12.02. bis 06.09.2015). Ob nun als Kunstwerk oder als banaler Körperschmuck - inzwischen ist das Tattoo nahezu allgegenwärtig, auch als Blumenmotiv über dem Bikinihöschen von Britney Spears.

Wie die Körperkunst zum Massenphänomen wurde, das ist die eine Frage dieser Ausstellung. Die andere: Worin besteht die Motivation, sich tätowieren zu lassen?

Kuratorin Susanna Kumschick begegnet beiden Fragen bildgewaltig und detailversessen: Die Ausstellung zeigt über 250 Arbeiten, Fotografien, Skulpturen und Videoschnipsel zum Thema Tattoo. Dazu gibt es eine regionale Hommage an Herbert Hoffmann, der auf St. Pauli die älteste Tätowierstube Deutschlands führte.

Eingelegte Hautfetzen und Promi-Tattoos

Da wäre zunächst eine historische Übersicht bis zur Gegenwart: eingelegte Hautfetzen aus dem Rechtsmedizinischen Institut Basel, Fotografien von traditionellen Gesichtstätowierungen der Chin-Frauen in Birma und Playmobil-Figuren von Rappern mit Monster-Symbolen auf dem Oberarm.

Dem Phänomen Promi-Tattoo versucht das Museum mit einem Spiel gerecht zu werden. Die Erkenntnisse in Stichworten: Mitglieder nahezu aller europäischen Fürstenhäuser waren tätowiert. Kaiserin Sisi ließ sich in einer Hafenkneipe einen Anker stechen. König Eduard VII. von England einen Drachen. Modedesigner Marc Jacobs hat eine M&M's-Schokolinse auf dem Arm. Ex-Handballspieler Stefan Kretzschmar zeigt seine Ex-Freundin Franziska van Almsick auf der Wade. Auch der Ötzi trug ein Tattoo, dessen Bedeutung wir nicht kennen.

Am eindrücklichsten wird die Ausstellung allerdings, wenn sie sich mit den individuellen Bedeutungserklärungen der Tätowierung auseinandersetzt. In einer Video-Installation erklären Menschen, vom Hipster bis zum Rocker, wie es zum ersten Nadelstich kam.

Interessant dazu sind auch die Tätowierungen als Tagebuch. Wenn Menschen wie Seefahrer Orte, Erlebnisse oder einen Lebenswandel auf ihrem Körper festhalten: Da ist etwa der Wissenschaftler, der mit der berühmten Einstein-Formel hofft, bei anderen das Interesse an Physik zu wecken. Ein Mann, der mit einem Glukose-Molekül die passende Frau sucht. Oder eine Neuropsychologin, die sich Bestandteile von Koffein tätowiert hat, weil ein Bekannter ihr einst sagte, sie sei wie ein Kaffee: "Warm, belebend, stimulierend und wohltuend."

Rebellion für Hemdenträger

Dennoch kann ein Zitat des Hamburger Tattoo-Meister Hoffmann an der Wand angezweifelt werden: "Wer sich tätowieren lässt, weiß, dass er sich damit ein für alle Mal und für sein ganzes Leben festlegt. Er ist kein Unentschlossener, kein Zweifler." Ist er eben doch.

Gerade weil eine Tätowierung nicht auszuziehen ist wie ein T-Shirt, bleibt die körperliche Verzierung eine Mutprobe. Für Hemdenträger ist sie unsichtbare Rebellion, für die Unangepassten ein Beweis ihrer Authentizität. Tätowieren, das bleibt die Grenzerfahrung aus Kunst, Schmerz und Sinnlichkeit.

Hauptmotiv für Kuratorin Kumschick ist dabei die Tätowierung als Ausdruck der Selbstbestimmung. Ein wenig vernachlässigt wird in der Ausstellung die unfreiwillige Tätowierung als Zeichen der Unterdrückung oder Demütigung - etwa in der Sklaverei, als Brandmahl oder als Kennzeichnung von Häftlingen in Konzentrationslagern.

In einem verstörenden Kunstprojekt des Polen Artur Zmijewski findet dieses Thema dann jedoch statt: Ein Video zeigt Mijewski mit dem 92-jährigen Auschwitz-Überlebenden Josef Tarnawa. Der Künstler überredet ihn, sich seine verblassende Lagernummer nachstechen zu lassen. Darf man das?, fragt auch Kuratorin Kumschick. Eine ethische Frage. Man muss, sagt der Künstler. Weil Erinnerungsarbeit auch wehtut.

Kunst auf Menschen, die Vergänglichkeit der Haut, Tattoos, die sich mit dem Alter der Träger verändern: "Damit werden wir uns in den nächsten Jahren stärker beschäftigen", sagt Kumschick. "Es ist ein Mythos, dass man ein Tattoo mit Lasertechnik ganz einfach entfernen kann." Denn eine Tätowierung bleibt für immer.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
majestic12 12.02.2015
1. Garnicht mal schlecht...
... der Bericht. Die Gründe für Tattoos sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Und es können auch ganz banale Gründe sein - wenn mich jemand fragt, warum ich tätowiert bin, kann ich nur eine einzige, ehrliche Antwort geben: Weil es mir gefällt. So einfach ist das.
RainerCologne 12.02.2015
2. Soooo
Tattoohasser in 3, 2, 1 LOS! Ich enthalte mich, ich möchte nur folgendes anmerken: Einem Tätowieren ist es egal, ob jemand tätowiert ist oder nicht. Muss man verstehen.
denkmal! 12.02.2015
3. Tattoo-Tabu
Dass das Wort Tattoo aus dem Samoanischen kommt, also diese Kunst dort exemplarisch her kommt, hätte noch gut in den Artikel gepasst. Wem das Tattoo ein Tabu scheint..., hat sich endgültig in die Sprache der Samoaner begeben, wo auch dieses Wort her kommt. Vor 200 Jahren hatte also noch niemand in Europa ein Tattoo und wir lebten "tabulos"...
kopfschütteler 12.02.2015
4. Ein Bild sagt ... manchmal auch einfach nur nix.
Eine ganz schöne Herausforderung, in einem kleinen Artikel all die Motivationen ergründen zu wollen, aus denen Menschen sich mehr oder weniger großflächig bebildern lassen. Vielleicht wäre es ein Ansatz gewesen, "triftige" Gründe, wie den Einsatz von Körperbildchen zwecks Dokumentation der Stammeszugehörigkeit (wie bei den Yakuza oder Zweirad fahrenden Senioren mit speckigen Jeanswesten) außen vor zu lassen und sich auf den kleinbürgerlichen Tattoo-Mainstream zu konzentrieren, der einem hierzulande tagtäglich über den Weg läuft: War das vor 15 Jahren noch die Rechtsanwaltsgehilfin mit Arschgeweih, sehe ich in dieser Rolle heute eher die Baumarktkassiererin mit Anfang 30, die hofft, durch die ihr aus dem Kragen quellende Sternenflut die wilden Jugendjahre und all die tollen Wochenenderlebnisse in und hinter der Dorfdisco ins gesetztere Alter hinüberretten zu können. Naja, vielleicht hilft es ja tatsächlich, die Tristesse von Reihenmittelhaus, Kompaktvan und Staffordshireterrier auszublenden. Mit gänzlich körperkunstfreiem Gruß
spontanistin 12.02.2015
5. Vom Ritual zur Mode!
Wie das Rauchen (u. a. der Friedenspfeife) ist der ursprüngliche Sinn des rituellen Tätowieren offensichtlich verloren gegangen und alles zur reinen Modeerscheinung einer sinnentleerten Spassgesellschaft verkommen. Da hilft auch offensichtlich keine Kunstausstellung, um die Ursprungsidee wieder zu entdecken oder gar zwanghaft einen Sinn zu erfinden.
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