Japanische Tattoo-Kunst Ein Drache für den Bürohengst

Stil-Klassiker - In Japan gilt: Wer Tattoos hat, gehört zur Mafia. Doch natürlich lassen sich auch Büroangestellte tätowieren - zeigen es aber nicht. Reise durch den Körperschmuck-Underground von Tokio.

Marcel Klovert

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Der rote, sechsarmige Dämon auf Tsuyoshi Hashimotos Rücken umklammert einen Pfeil und eine Blume. Auf Hashimotos linkem Arm reißt ein Samurai sein Schwert in die Höhe, um es in eine Riesenspinne zu stoßen. Zwischen der Brust und dem Bauchnabel des Mannes glotzt eine Fratze mit gelben Augen zwischen Blüten und Blättern hervor.

Tsuyoshi Hashimoto, Anfang 30, ist fast am ganzen Körper tätowiert mit traditionellen farbigen japanische Tattoos. Die tragen in Japan üblicherweise die Yakuza - die Angehörigen der japanischen Mafia.

Hashimoto, blass, schlaksig, jungenhaft, trägt sie, weil er sie schön findet. Mehr nicht. Und nur seine Freundin darf die Kunst auf seiner Haut betrachten. Wir dürfen seinen richtigen Namen nicht schreiben, sollen sein Alter verschleiern und die Branche, in der er arbeitet, auch.

Er fürchtet, von seinen Kollegen geächtet zu werden, fürchtet gar um seinen Job, sollte ans Tageslicht kommen, dass er ein tätowierter Mann ist. Er will auch seine Eltern nicht enttäuschen. Sie wissen nichts von den Tattoos. Hashimoto hat Angst, dass die Gesellschaft ihn zum Yakuza, zum Komplizen des organisierten Verbrechens abstempelt.

Während der Woche arbeitet Hashimoto bis spät abends in einer Firma in der Finanzindustrie, konkreter mag er es nicht sagen. Er trägt Hemden mit langen Ärmeln, die sein Geheimnis bedecken. In Hashimotos Generation wollen sich immer mehr Menschen tätowieren lassen. Weil sie das schick finden, nicht weil sie politische Zugehörigkeit zeigen wollen. Mit den Tattoos verleihen sie ganz im Gegenteil ihrem eigenen, individuellen Geschmack Ausdruck.

Baden mit Tattoo verboten

Mit den mächtigen Yakuza-Banden, die in Japan immer noch im Banken- und Immobilienwesen an wichtigen Stellen ihre Hände im Spiel haben, wollen sie nichts zu tun haben. Trotzdem müssen die Tätowierten in ihrer Heimat mit Anfeindung und Diskriminierung leben. Die in Japan so beliebten Badehäuser verwehren tätowierten Besuchern oft den Zugang, ebenso viele Fitnessclubs und Schwimmbäder.

Wir sitzen in einer Kneipe im Souterrain, mitten in Tokio. An der hölzernen Schiebetür hängt ein Schild: Boryokudan - gewalttätige Gruppen, wie die Yakuza in Behördensprache heißen - sind hier nicht willkommen. Es ist früher Sonntagabend, am Nachbartisch trinken zwei alte Herren Bier.

"Ich bin kein Yakuza", sagt Hashimoto und schiebt seinen Kapuzenpulli nur widerwillig ein Stück hoch. Immer muss er sich rechtfertigen. Die Tattoos bedecken auch seine Unterarme. "Ich wünschte, ich müsste sie im Alltag nicht verstecken", sagt er. "Doch ich spüre, dass sich manche Menschen um mich herum unwohl fühlen, wenn ich in der U-Bahn meine Arme zeige."

"Ich wollte anders sein"

Hashimoto war Anfang 20, als er sich zum ersten Mal tätowieren ließ. Er studierte Wirtschaft, spielte in einer Studentenband. Ein paar der anderen Musiker waren tätowiert. Hashimoto fand das cool. "Ich wollte anders sein", sagt er. Und dann merkte er, wie schön und kraftvoll die traditionellen Tebori-Tattoos sein können. Viele hundert Jahre sind manche Motive alt, es sind Dämonen und Drachen, Blumen und Tiger, Gottheiten und Schlangen. Gestochen werden sie oft von speziell ausgebildeten Meistern, die jahrelang bei ihrem Herrn die Kunst erlernt haben.

Jeden Monat geht Hashimoto zu Ryugensan, dem Tattookünstler seiner Wahl, und lässt die Bilder auf seinem Körper vervollständigen. Ryugensan sticht Tattoos mit einem unterarmlangen Tebori-Stick, an dessen Ende ein Bündel aus Nadeln befestigt ist. Der 47-Jährige arbeitet in einem Wohnviertel in Tokio, er benutzt nur seinen Künstlernamen, das Klingelschild ist nichtssagend: "Japanese Traditional Arts Brand". Immerhin gibt er auf seiner Homepage die Adresse preis. Andere Tätowierer führen dort nur eine Handynummer auf.

Der Künstler Ryugensan hat seine Haare zu einem strengen Zopf gebunden. Er tätowiert im Schneidersitz auf dem Boden sitzend, der Raum ist mit Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt, an der Wand stehen Regale voller Flaschen, Döschen, Schachteln und Bücher. Seit mehr als 20 Jahren ist Ryugensan im Geschäft.

Im Lauf der vergangenen Jahre hat die Regierung eine Reihe von Gesetzen gegen die Yakuza-Clans erlassen. Die Mitglieder sollen im öffentlichen Leben nicht mehr sichtbar sein. Mittlerweile können es sich die Yakuza nur noch schwer leisten, ihre Gruppenzugehörigkeit zur Schau zu tragen. Ryugensan empfängt schon lange keine Gangster mehr, dafür Handwerker, Musiker, ausländische Touristen.

Verängstigte Blicke in der U-Bahn

Normalerweise verstecken seine Kunden die Hautbilder, wenn sie ihr Heim verlassen. Sogar Ryugensan selbst trägt lieber lange Hemden, die seine tätowierten Arme bedecken. Im Schwimmbad zieht er einen Ganzkörperanzug an. "Ich will nicht, dass die Leute über mich die Nase rümpfen", sagt der ruhige Mann mit dem struppigen Bärtchen. "Das verletzt mich."

"Wenn sich Japaner tätowieren lassen, suchen sie sich meistens Stellen aus, die sie leicht bedecken können", sagt Mitsuchika Fukuda. Der 39-jährige Journalist berichtet seit Jahren über Tokios Subkultur. Seit den Neunzigerjahren haben sich immer mehr Leute, auch berühmte Musiker und Schauspieler, aus modischen Gründen tätowieren lassen. Der Einfluss des Westens. Er kenne viele Büroarbeiter mit verheimlichten Tattoos, sagt Fukuda. Männliche Büroangestellte heißen auf Japanisch-Englisch "sarariiman" - "salary man". Sie sind der Inbegriff des angepassten Japaners, der abends nie vor seinem Chef aus dem Büro geht und der die Hälfte seiner Urlaubstage zugunsten der Firma verfallen lässt.

Tsuyoshi Hashimoto, der tätowierte Wirtschaftsabsolvent, führt auch ein angepasstes Leben. Gewöhnlicher Haarschnitt, gewöhnliche Kleidung, höfliches Benehmen: Hashimoto fällt in Tokios Menschenmengen nicht weiter auf. Die Rebellion spielt sich nur auf seiner Haut ab. Er wirkt, als würde ihn das quälen. Ob er nicht wenigstens seinen Eltern von den Tattoos erzählen wolle? "Ja, ich will", sagt er, "aber ich habe den Mut noch nicht zusammen."

Hashimoto fürchtet sich vor dem Gerede, vor den Blicken und den Vorurteilen, wenn er seine Tattoos offen zeigen würde. Und so hofft er, dass sich die Gesellschaft ändert, irgendwie, ohne seine Mithilfe oder seinen Mut, und dass in ein paar Jahren tätowierte Arme in der U-Bahn ganz normal sind. Dann geht er vielleicht auch mal im T-Shirt aus der Wohnung.

Hintergrund
    Die Yakuza, die japanische Mafia, zählt geschätzt rund 80.000 Mitglieder. Sie teilen sich in einige tausend Gangs und Gruppen auf. Die drei größten sind die Inagawa-kai und die Sumiyoshi-kai in Tokio und die Yamaguchi-gumi, die ihren Hauptsitz in Kobe hat.
    Die Yakuza sind bis in Japans höchste politische und wirtschaftliche Ebenen verstrickt. Sie generieren Einkommen aus Schutzgelderpressungen, Kreditgeschäften, Finanz- und Immobilienspekulationen und Drogenhandel. Auch in die Gastronomie, die Baubranche und in die Unterhaltungsindustrie sind sie involviert.
    Es gibt Bücher, Filme, Spiele und Magazine, die die japanische Mafia zelebrieren. Strengere Gesetze in den vergangenen Jahren haben jedoch dazu geführt, dass die Yakuza sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben und im Untergrund agieren.

    Quelle: Japan Subculture Research Center
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