Designklassiker von Michael Thonet Runde Sache

Mit Bugholzstühlen revolutionierte der Tischler Michael Thonet einst die Möbelindustrie. Nun feiert seine Firma 200-jähriges Jubiläum - Anlass für eine große Werkschau in der Neuen Sammlung in München.

Die Neue Sammlung/ The Design Museum

Die Geschichte des modernen Möbeldesigns beginnt mit einer guten Idee und einer großen Sperrholzkiste. Die Idee kommt dem Kunsttischler Michael Thonet: das Biegen von massivem Holz unter Druck und Wasserdampf. Ein Verfahren, das sich bestens für die Serienproduktion eignet. 1856 erhält Thonet das entsprechende Patent.

Die Kiste fasst einen Kubikmeter und hat Platz für 36 Stühle, zerlegt in insgesamt 216 Einzelteile. Jeweils sechs Module ergeben ein Exemplar: die geflochtene Sitzfläche, die Rückenlehne mit den Hinterbeinen, zwei Vorderbeine und noch zwei Verstärkungselemente. Miteinander verschraubt - auch das eine Neuheit - bilden sie den "Konsumsessel" Nr. 14. Das erste Massenmöbel und eines der ersten industriell gefertigten Produkte überhaupt. Der Stuhl bescherte Michael Thonet Weltruhm. 1862 bekam er dafür die Bronzemedaille der Londoner Weltausstellung.

Das Möbelstück ist mit seinem reduzierten Design eine Ikone. Ursprünglich entwickelt für die Wiener Kaffeehäuser, wurde der zerlegbare Stuhl bald in alle Welt verschickt. Mehr als 50 Millionen verkaufte Thonet alleine bis zum Ersten Weltkrieg. Bis heute ist der 14er nahezu unverändert erhältlich. Nur die Sitzfläche ist seit den Sechzigerjahren trapezförmig, weil das bequemer ist, und die Produktnummer im Katalog lautet nun 214.

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Zurechtgebogen: Bugholzstühle, Freischwinger und andere Thonet-Designs

Dass es der Unternehmer aus dem rheinhessischen Boppard mit seinen Stühlen soweit bringen konnte, hat auch mit dem österreichischen Staatsmann Clemens Fürst Metternich zu tun. Nachdem Michael Thonet seine Firma 1819 gegründet hatte, gewann er in seiner Heimatstadt rasch an Ansehen. Seine Interessen gingen jedoch darüber hinaus, die Villen des Bürgertums einzurichten. Ab den 1830er-Jahren experimentierte er mit Form- und Bugholz. Der sogenannte "Bopparder Stuhl" weckte das Interesse des Fürsten Metternich. 1842 holte er Thonet und dessen Firma nach Wien.

In Österreich verfeinerte Thonet seine Formgebungsverfahren und stieg in die Serienfertigung ein. Mit Erfolg. Der steigende Absatz bedingt neue Produktionsorte und Läden in Europa und Übersee. Ende des 19. Jahrhunderts ist aus der kleinen Tischlerei ein Weltunternehmen geworden. Der Firmengründer selbst erlebte das nicht mehr mit. Er starb 1871.

Mit Großserien zum Erfolg

Im Zweiten Weltkrieg wäre auch das Unternehmen beinahe untergegangen. Die Werke in Tschechien, Polen und Ungarn wurden zerstört bzw. enteignet, die Wälder verstaatlicht. Die Produktion lief dennoch weiter. Thonet stellte sich im hessischen Frankenberg neu auf, wurde 1953 zur GmbH.

Von dieser Geschichte berichtet die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne wenig. Die Kuratoren Xenia Riemann-Tyroller und Josef Straßer verzichteten auf eine allzu ausführliche Kontextualisierung. Die einzigen Informationen, die sie dem Zuschauer auf den hellgrauen Aluminiumwänden im Hintergrund mitgeben, sind Modellnummer, Entstehungsjahr und -ort, Designer, und das verwendete Material. Bei der Konzeption der Ausstellung konnten sie auf einen reichen Fundus zurückgreifen.

Das erste Thonet-Möbel erwarb die Neue Sammlung 1930, ein Exemplar des Stahlrohrhockers B9. Rund 400 Objekte besitzt sie heute, das ist eine der weltweit größten und bedeutendsten Kollektionen. Etwa 70 davon sind zu sehen, chronologisch aufgereiht auf Rängen, an denen der Museumsbesucher vorbeiläuft. Ein wenig erinnert die Szenerie an ein Amphitheater, vielleicht auch an eine Modeschau: Die Ästhetik ist der rote Faden, Zusammenhänge muss der Besucher sich selbst erschließen.

Immer auf der Höhe der Zeit

Manches wird beim Gang durch die Möbelgeschichte - das älteste Exponat stammt von 1836, das neueste von 2018 - aber auch ohne große Worte klar; etwa, dass sie bei Thonet noch ein zweites Mal das richtige Näschen hatten für revolutionäre Werkstoffe: Stahlrohre. Ab Ende der Zwanzigerjahre verdrängten sie nach und nach das Bugholz. 1928 schloss das Unternehmen daher einen Vertrag mit dem Bauhaus-Architekten Marcel Breuer. Ein Jahr später erwarb Thonet dessen "Standard Möbel" und wurde damit zu Europas führendem Hersteller für Stahlrohrmöbel. 1950 wurde das Bundeshaus in Bonn mit dem Stahlrohrstuhl B64 bestückt.

Den Modellen aus der Nachkriegszeit fehlt zwar bisweilen die Strahlkraft der Pionierleistungen aus der Zeit der Firmengründung. Doch noch lange nach dem Tod Thonets entstanden einige bemerkenswerte Stücke.

Verner Panton etwa schuf 1965 einen bunt lackierten Schichtholzsessel, der perfekt mit den seinerzeit angesagten Pop-Looks des Swinging London harmonierte. Besonders gut verkaufte er sich allerdings nicht. Die Flex-Serie mit ihren Plastikschalensitzen von Gerd Lange hingegen wurde zum Renner, und Norman Foster entwarf 1997 ein eigenes Modell für den neuen Berliner Bundestag. Das jüngste Modell stammt von Sebastian Herkner. Sein Stuhl 118 verbindet die Leichtigkeit der Legende 114 mit der Robustheit und Schnörkellosigkeit eines klassischen Frankfurter Stuhls.

Den Schlusspunkt der Ausstellung setzt ein Prototyp des Münchner Produktdesigners Steffen Kehrle. Er hat die Ausstellungsarchitektur übernommen und bei dieser Gelegenheit auch ein Sitzmöbel für die Neue Sammlung entwickelt. Anhand verschiedener Entwicklungsstufen wird die Entstehung seines DNS-Chairs gezeigt. Ein Stuhl speziell für Museen. Gut möglich, dass diese Idee auch Michael Thonet gefallen hätte.



insgesamt 14 Beiträge
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spezialdm 29.05.2019
1. Geographie
Liebes SPON Team, bitte geht noch mal in eine Geographie Nachschulung. Boppard liegt ebensowenig in Rheinhessen wie, in einem gestrigen Artikel, Bad Laasphe im Sauerland liegt. Das eine liegt am Mittelrhein (Rheinland-Pfalz) und das andere im Wittgensteiner Land. Ich weiß, ist von Hamburg weit weg ;-)
Papazaca 29.05.2019
2. Da werde ich hinfahren!
Sicher eine interessante Ausstellung. Wenn mich nicht irre, hatte Metternich eine Villa am Rhein (oder sogar ein Schloss?)da war Thonet in Boppard quasi sein Nachbar. Stimmt, die besten Entwürfe sind die Wiener-Cafehausstühle Nr.1 und 18 und die Bauhausentwürfe von Breuer. Den Panton-Stuhl finde ich nicht so gelungen, Besser ist dessen Panton-Chair in Plastik. Das gilt auch für einige spätere Thonet-Entwürfe, wie den von Grcic, den ich eigentlich sehr schätze. Die Ausstellung mit Ihren vielen Exponaten ist sicher spannend und würdigt eine wirklich große deutsche Möbelfirma. Ich werde mich also auf nach München machen, inklusive Weißbier, Weißwurst +Biergarten.
dasfred 29.05.2019
3. Thonet Stühle sind zeitlos schön
Ich hatte vor ein paar Jahren das große Glück, zwei Thonet Stühle Nr. 81 in Top Zustand in der Nachbarschaft im Sperrmüll zu finden. Dieses Modell ist ein Armlehnstuhl mit nur einem Bein hinten. Dadurch passt er gut in die Ecke und nimmt wenig Platz weg. Das Modell wurde seit 1905 bis in die Achtziger durchgehend gefertigt und heute wohl noch auf Bestellung. Einfach zeitlos schön. Fast wäre ich vorbeigegangen, weil die meisten Bugholzmöbel nur billige Kopien sind, die schnell auseinander fallen, aber diese zogen mein Interesse durch die Form auf sich und waren sogar mit Prägestempel und Beschriftung unter der Sitzfläche als echt ausgewiesen.
noalk 29.05.2019
4. Haben Sie die Nachbarn gefragt, ...
Zitat von dasfredIch hatte vor ein paar Jahren das große Glück, zwei Thonet Stühle Nr. 81 in Top Zustand in der Nachbarschaft im Sperrmüll zu finden. Dieses Modell ist ein Armlehnstuhl mit nur einem Bein hinten. Dadurch passt er gut in die Ecke und nimmt wenig Platz weg. Das Modell wurde seit 1905 bis in die Achtziger durchgehend gefertigt und heute wohl noch auf Bestellung. Einfach zeitlos schön. Fast wäre ich vorbeigegangen, weil die meisten Bugholzmöbel nur billige Kopien sind, die schnell auseinander fallen, aber diese zogen mein Interesse durch die Form auf sich und waren sogar mit Prägestempel und Beschriftung unter der Sitzfläche als echt ausgewiesen.
... ob Sie die Stühle mitnehmen dürfen? Wenn nicht, war es Diebstahl.
Little_Nemo 30.05.2019
5. Paragrafenreiter
Zitat von noalk... ob Sie die Stühle mitnehmen dürfen? Wenn nicht, war es Diebstahl.
Ich denke, man könnte es als "Rettung von Kulturgütern" rechtfertigen. Wäre erstmal der Wagen von der Sperrmüllabfuhr da gewesen, wären diese Design-Ikonen im Schredder gelandet. Wer kann das wollen?
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