Blumenwiese im Herbst
Blumenwiese im Herbst
Foto: thethomsn / Getty Images

Der Wurm drin - die Gartenkolumne Herbst ist der neue Frühling

Jetzt ist die Jahreszeit, um aufzuräumen, die kommende Saison vorzubereiten - und Versäumtes nachzuholen.
Von Katharina Stegelmann

Der Herbst gilt als melancholisch bis düster, Stichwort Abschied und Vergänglichkeit. Doch für Gärtnerinnen und Gärtner steht der Herbst durchaus für Neubeginn. Vor allem der Oktober: Er ist "der erste Frühlingsmonat, der Monat des unterirdischen Keimens und Sprießens, des heimlichen Schwellens der werdenden Knospen". So schwärmerisch beschreibt es, in seinem Band "Das Jahr des Gärtners", der tschechische Autor Karel Čapek. Čapek ist ansonsten vor allem für Düster-Dystopisches bekannt, er gilt als der Erfinder des Wortes "Roboter".

Also, weniger poetisch ausgedrückt: Oktober ist der Monat, in dem gepflanzt werden kann und soll. Büsche, Stauden, Bäume - und natürlich Blumenzwiebeln . Beim Graben stößt man unweigerlich auf die eine oder andere Zwiebel aus dem Vorjahr. Umso besser, im Garten gilt für mich "mehr ist mehr". Diese Einstellung hat vor Kurzem zu einem Kaufrausch geführt, mehr als 700 Blumenzwiebeln habe ich erstanden. Jetzt suche ich eine Gartenhilfe. 

Der beginnende Herbst ist auch die Zeit des Aufräumens und Putzens. Abgeblühte Stauden müssen geschnitten, abgeerntete Tomatenpflanzen entsorgt, Töpfe, in denen einjährige Blumen wuchsen, gereinigt werden. Die Gartenmöbel kommen in den Schuppen, die Werkzeuge könnten auch mal einen Lappen vertragen - die To-do-Liste ist lang, und es ist jedes Jahr dasselbe: Ich bin spät dran. 

Verblühte Sonnenhüte sehen interessant aus und bieten Unterschlupf für Insekten

Verblühte Sonnenhüte sehen interessant aus und bieten Unterschlupf für Insekten

Foto: UpdogDesigns / Getty Images / iStockphoto

Zum Glück soll man das Aufräumen der Beete ja nicht übertreiben und einige Stauden stehen lassen, damit Insekten im Winter einen Unterschlupf finden. Viele Samenstände sehen auch hübsch aus. Die Schoten an den Staudenwicken finde ich attraktiv, auch ein paar Hagebutten bei den Rosen lasse ich gern stehen. Die Ähren vom hohen Pampasgras bieten in der Wintersonne ein schönes Lichtspiel. Das Gras, zum Schutz vor Frost zusammengebunden, wird erst im Frühjahr geschnitten.

Wenn ich die Rudbeckia (Sonnenhüte) nicht gleich nach der Blüte herunterschneide, entsteht kein Schaden, es sieht interessant bis gammelig aus, je nach Standpunkt. Für andere Pflanzen gelten aber strengere Zeitpläne, was das Schneiden betrifft. Das weiß ich - und trotzdem missachte ich diese Profiregeln regelmäßig. Jedenfalls wenn es um Lavendel geht. 

Die Anweisungen für das mediterrane Gewächs, Arzneipflanze des Jahres 2020 , sind eindeutig: zwei Schnitte, der erste im August, der andere im April. Meistens gibt es die Warnung dazu: nicht ins Holz schneiden! Problem: Ich brachte es lange Zeit nicht über mich, überhaupt zu schneiden, schon gar nicht im August, wenn der Lavendel noch blüht. Das hatte unschöne Konsequenzen. 

Die Basis der Pflanzen verholzt, der Anteil ohne Blätter und Blüten wird immer höher. Irgendwann steht nur noch ein spaddeliges, kahles Gerippe trostlos im Beet herum. Regelmäßig ersetze ich die dann. Aber dieses Jahr sollte alles anders werden: Ein paar der Jungpflanzen habe ich bereits Anfang September und nach meinen Maßstäben nicht zu knapp geschnitten. Ich nahm mir ein Beispiel an meiner Erfahrung mit dem Rosenschnitt, den ich lange zu zaghaft ausgeführt habe. Mut wird belohnt, habe ich da gelernt. Auch beim Lavendel, der bei mir als Beeteinfassung dient, hoffe ich als Belohnung auf Üppigkeit im nächsten Jahr. 

Aber einen Problemfall habe ich noch: eine inzwischen wohl an die zehn Jahre alte Lavendelpflanze, mit der ich schon einmal umgezogen bin. Sie blüht und blüht, und die Hummeln baden geradezu in der lilablauen Pracht. Das ist auch ein Grund, warum ich vor dem Schnitt im Sommer immer zurückschrecke: Ich will den Insekten kein Futter wegnehmen. Ein Gärtner, mit dem ich darüber sprach, sagte trocken: "Dann müssen die eben woanders hinfliegen." 

Der Lavendel im Juli: Hummeln baden in der lilablauen Pracht

Der Lavendel im Juli: Hummeln baden in der lilablauen Pracht

Foto: Katharina Stegelmann / DER SPIEGEL

Wegen meiner Zimperlichkeit sieht der alte Lavendel teilweise ramponiert aus, an manchen Stellen kahl und staksig. Aber eben doch auch irgendwie prächtig, wenn er blüht - dann sind die holzigen Basistriebe schön verdeckt. Und nun die gute Nachricht: Es besteht die Chance, die Pflanze zu verjüngen, habe ich in einem englischen Gartenblog  gelesen.

Die Autorin schreibt, dass sie endlich begriffen habe, dass "wir Amateurgärtner" die Warnung, nicht ins Holz zu schneiden, missverstehen und dazu neigen, nicht tief genug zu schneiden. Man solle den Strauch auf bis zu neun Inches kürzen, das sind nicht ganz 23 Zentimeter. Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung: Man darf einzelne Triebe nur so weit abschneiden, dass am Holz noch nachwachsende Blätter zu sehen sind. Die können winzig sein, also die Brille nicht vergessen. Es müssen auf jeden Fall noch Ansätze von grünen oder auch silbergrünen Blättchen vorhanden sein, sonst stirbt der Trieb doch endgültig ab. Der Lavendel wächst nämlich "basiton", das heißt aus der Basis heraus. Wenn man die kappt, geht nichts mehr.

Nach der Lektüre des Blogs habe ich mir den alten Lavendel jetzt besonders gründlich vorgenommen. Aber auf 23 Zentimeter über die ganze Fläche von fast einem Quadratmeter - das Teil ist riesig! - konnte ich ihn dann doch nicht abrasieren. Stattdessen habe ich versucht, möglichst gleichmäßig immer wieder lange Triebe so tief wie (mir) möglich abzuschneiden, mit Blick auf die Blattansätze. Ich bin sehr gespannt, was nächstes Jahr passiert. Wenn alles gut läuft, schneide ich meinen Lavendel dann schon Anfang September, ganz bestimmt. 

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