Foto:

Jennifer Carlos

Trans Frauen in Indien Töchter Gottes

Trotz fortschrittlicher Gesetze erleben trans Menschen in Indien Herabwürdigung und Gewalt. Besonders Frauen kämpfen darum, sie selbst sein zu dürfen. Die Fotografin Jennifer Carlos hat sie begleitet.
Von Maren Keller

Irgendwann – sie kann nicht mehr sagen, wie lang es her ist – fielen sie ihr das erste Mal auf. Sie sah sie bei jedem Familienbesuch im Herkunftsland ihrer Eltern. Sah sie an jeder Straßenecke. Sah sie betteln und Passanten segnen. Sah zugesteckte Scheine und abgewandte Blicke. Und kam nicht umhin zu bemerken, dass sie zwar selbstverständlich zu Indiens Straßenbild gehörten, aber genauso selbstverständlich nicht wirklich zur Gesellschaft.

Dieser Gegensatz ließ Jennifer Carlos nicht mehr los.

Als sie anfing, als Fotografin zu arbeiten, wusste sie schon, dass sie eines Tages in die indische trans Szene eintauchen wollte, um das Leben dieser Frauen mit der Kamera zu begleiten.

Diesen Plan hat Carlos nun umgesetzt. Sechs Monate hat die Fotografin in Indien verbracht. Hier zeigen wir einige ihrer Bilder, die während dieser Zeit entstanden sind.

Savitha, Sangeena und Sathana bitten um Geld

Savitha, Sangeena und Sathana bitten um Geld

Foto:

Jennifer Carlos

Savitha

Savitha

Foto:

Jennifer Carlos

In den sechs Monaten hat Carlos beispielsweise Savitha kennengelernt. Sie sei 30 Jahre alt und habe die letzten zwölf davon jeden Tag in den Straßen Pondicherrys gebettelt, wie Carlos im Gespräch mit dem SPIEGEL erzählt.

Die Fotografin lernte auch Marthula kennen, die erst wenige Tage zuvor ihre Familie verlassen hatte und ihnen erzählte, sie sei nach Neu-Delhi gegangen, um dort als Köchin zu arbeiten.

Und Carlos sprach mit Geetha, die in ihrem alten Leben gegen ihren Willen in eine Familie mit Frau und Kindern hineingezwungen worden war.

Savitha träumt von einem Leben ohne Diskriminierung

Savitha träumt von einem Leben ohne Diskriminierung

Foto:

Jennifer Carlos

Marthula ist in Pondicherry untergetaucht, um ihr neues Leben zu leben

Marthula ist in Pondicherry untergetaucht, um ihr neues Leben zu leben

Foto:

Jennifer Carlos

Geetha hat lang gebraucht, um sich aus ihrer alten Rolle zu befreien

Geetha hat lang gebraucht, um sich aus ihrer alten Rolle zu befreien

Foto:

Jennifer Carlos

Seit 2009 werden Menschen wie Savitha, Geethe oder Marthula in Indien als Angehörige eines dritten Geschlechts gesehen. »Hijras« werden sie in Nordindien genannt. »Thirunangai« ist ein anderer Ausdruck, der hier im Süden verwendet wird, wo Carlos unterwegs war und wo auch Pondicherry liegt.

Viele lassen sich in einer Klinik behandeln, sie lassen etwa eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen. Die Fotos unten zeigen Savitha bei einer Feier zum zehnten Jahrestag ihrer Operation.

Savitha bei ihrer ganz persönlichen Jubiläumsfeier

Savitha bei ihrer ganz persönlichen Jubiläumsfeier

Foto:

Jennifer Carlos

Zu ihrer Feier hat sie Menschen aus der gesamten Nachbarschaft eingeladen

Zu ihrer Feier hat sie Menschen aus der gesamten Nachbarschaft eingeladen

Foto:

Jennifer Carlos

Zimmer einer Privatklinik in Pondicherry

Zimmer einer Privatklinik in Pondicherry

Foto:

Jennifer Carlos

Das Zertifikat, das Savithas Trans-Identität bestätigt

Das Zertifikat, das Savithas Trans-Identität bestätigt

Foto:

Jennifer Carlos

Trotz der fortschrittlichen Gesetze, sagt Carlos, hätten ihr die Menschen, mit denen sie sprach, von Diskriminierung berichtet.

Savitha habe eine Ausbildung zur medizinischen Labortechnikerin gemacht und sich auf viele Stellen beworben, sagt Carlos. Bekommen habe sie keine davon. Dafür sei sie während eines Vorstellungsgesprächs sexuell belästigt worden, wie sie Carlos berichtet hat.

Auf den Straßen Pondicherrys mache sie jetzt zwischen 300 und 500 Rupien am Tag, etwa 3 bis 5 Euro. Savitha segnet Menschen, ein Segen für etwa 20 Cent.

Savitha segnet gegen Geld einen Mann

Savitha segnet gegen Geld einen Mann

Foto:

Jennifer Carlos

Trans Menschen haben in Indien eine ambivalente Position in der Gesellschaft. Vielen geht es wie Savitha: Selbst wenn sie fachlich qualifiziert seien, bekämen sie keine Chance, angestellt zu werden, sagt Carlos.

Gleichzeitig haftet ihnen auch etwas Göttliches an. Sie gelten als Nachfahren der Bahuchara Mata, der indischen Gottheit für Fruchtbarkeit, von der es heißt, dass sie ihr Geschlecht wechseln kann. Sie seien aber auch, das sei das Paradoxe, Inbegriff der Sünde. Trans Menschen, vor allem Frauen, werden als Sexobjekte gesehen. Viele von ihnen landen deswegen in der Prostitution.

Rossi wartet an einer Straße auf Freier

Rossi wartet an einer Straße auf Freier

Foto:

Jennifer Carlos

Srija mit einem Freier

Srija mit einem Freier

Foto:

Jennifer Carlos

Savitha mit einem ihrer Kunden

Savitha mit einem ihrer Kunden

Foto:

Jennifer Carlos

Die Sexarbeit hat Folgen. Unter den Frauen sind überproportional viele HIV-Positive, die auf Medikamente angewiesen sind. Auch die infizierte Pappima, die auf dem Foto unten zu sehen ist.

Überproportional viele Mitglieder der Trans-Community sind mit HIV infiziert

Überproportional viele Mitglieder der Trans-Community sind mit HIV infiziert

Foto:

Jennifer Carlos

Seit zwölf Jahren weiß Pappima, dass sie HIV-infiziert ist

Seit zwölf Jahren weiß Pappima, dass sie HIV-infiziert ist

Foto:

Jennifer Carlos

Bilder in solch intimen Momenten wie im Beisein der Freier, sagt Carlos, könne sie nur machen, weil sie bei ihrer Arbeit darauf achte, möglichst behutsam in das Leben ihrer Protagonistinnen einzutauchen. Auch wenn es im Alltag natürlich nicht immer möglich sei, seien ihr deshalb die Langzeitprojekte die liebsten. Am liebsten ist es der Fotografin, wenn die Menschen, die sie ablichtet, mitgestalten. Und so das Machtgefälle abgemildert wird, das unweigerlich zwischen einer Fotografin und den Personen entstehe.

Am meisten, sagt Carlos, hätten sie die vielen Erzählungen von Gewalt erschüttert, die sie in diesen sechs Monaten erlebt habe. Die vielen Geschichten von seelischen und körperlichen Verletzungen.

Viele der indischen trans Frauen haben sich zu ihrem eigenen Schutz zu Gemeinschaften zusammengeschlossen. Dort müssen sie einen Teil ihrer Einnahmen an eine Vorsteherin abgeben. Im Gegenzug erhalten sie Beistand, Gemeinschaft und Schutz.

Bordell, in dem etwa 20 trans Frauen leben

Bordell, in dem etwa 20 trans Frauen leben

Foto:

Jennifer Carlos

Die Gemeinschaft bietet ihnen Schutz

Die Gemeinschaft bietet ihnen Schutz

Foto:

Jennifer Carlos

Gleichzeitig, berichtet Carlos, habe es noch etwas gegeben, das sie beeindruckt habe und das ihr am stärksten in Erinnerung geblieben sei: die vielen Zeichen der Resilienz, die sie beobachten durfte. Und ohne die weder Savitha noch eine der anderen Frauen in dieser Welt hätten überleben können.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.