Das »Titanic«-Paar, von Models nachgestellt für das Fotoprojekt »Icons«: »Filmstar kann man auf jeden Fall werden mit Downsyndrom«
Das »Titanic«-Paar, von Models nachgestellt für das Fotoprojekt »Icons«: »Filmstar kann man auf jeden Fall werden mit Downsyndrom«
Foto: Emma Svensson

Fotoausstellung über Trisomie 21 Besser als jeder Film

Für sein Fotoprojekt »Icons« ließ der schwedische Theatermacher Pär Johansson 21 Models aus seiner Heimat ikonische Szenen nachstellen. Alle Fotografierten haben gemeinsam, dass sie mit dem Downsyndrom leben.
Ein Interview von Sebastian Späth

Im Haus der Nordischen Botschaften in Berlin, dem »Felleshus«, werden noch bis 26. Juni 21 Porträtfotografien ausgestellt, die ikonische Filmszenen und Motive der Popkultur zeigen. Die schwedischen Models, die auf diesen Bildern zu sehen sind, leben mit dem Downsyndrom. Die Ausstellung  diskutiert die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe.

SPIEGEL: Herr Johansson, es gibt unterschiedliche Auffassungen von Trisomie 21. Manche sehen darin eine Krankheit, andere wollen darin per se keine Nachteile erkennen und schreiben Menschen mit Downsyndrom sogar besondere Talente zu. Wo stehen Sie?

Johansson: Ich halte Trisomie 21 nicht für eine Krankheit. Es ist ein Zustand, der sich über das gesamte Leben erstreckt, aber die Menschen mit Trisomie 21, die ich kennengelernt habe, sind nicht krank. Schon allein die Kategorie »Menschen mit Trisomie 21« finde ich problematisch, sie sind alle ganz einzigartige Charaktere. Wir sollten endlich aufhören, Menschen danach zu beurteilen, was sie zu sein scheinen und sie stattdessen ihrer unterschiedlichen Ausgangslagen und Grundvoraussetzungen gemäß behandeln.

SPIEGEL: Warum haben Sie dann ausgerechnet Downsyndrom-Betroffene für Ihr Fotoprojekt ausgewählt? Zu Ihrer Theatertruppe gehören ja Menschen mit ganz unterschiedlichen Handicaps.

Johansson: Weil es immer weniger werden. Sie sind eine aussterbende Art.

SPIEGEL: In Deutschland entscheiden sich laut Experteneinschätzung neun von zehn Schwangeren gegen ein Kind mit Trisomie-21-Diagnose, in Schweden sind die Zahlen ähnlich. Dabei ist die Lebenserwartung von Menschen mit Downsyndrom heute so hoch wie nie. Wie erklären Sie sich diese hohe Abtreibungsquote?

Johansson: Als werdende Eltern wünscht man sich natürlich nichts sehnlicher als ein gesundes Kind, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Klar, wer will für sein Kind schon Nachteile? Vielleicht ist das sogar biologisch bedingt: Wir pflanzen uns fort und erwarten das auch von unseren Kindern. Bei Trisomie-21-Betroffenen ist Sexualität etwas Verpöntes. Ich behaupte aber, kaum ein Elternpaar würde ein geborenes Kind weggeben, nur weil es eine Trisomie-21-Diagnose hat. Das verhindert unsere Empathie.

»Noch nie in der Geschichte der Zivilisation hat ein Mensch mit Downsyndrom einen Krieg angefangen.«

SPIEGEL: Schwangere in Deutschland bekommen seit Kurzem Bluttests auf Downsyndrom von der Krankenkasse bezahlt, Voraussetzung soll allerdings eine Einzelfallprüfung sein. In Schweden, Ihrem Herkunftsland, ist besagter Bluttest bereits ein Regelangebot. Gegnerinnen und Gegner dieser Praxis sprechen von Selektion. Sie auch?

Johansson: Natürlich ist es das. Das Ergebnis solcher Tests ist doch, dass Eltern, die sich bewusst für ein gehandicaptes Kind entscheiden, Vorwürfe zu hören bekommen wie: »Das hätte aber nicht sein müssen.« Sie müssen Angst haben, ins Abseits gedrängt zu werden. Die Gesellschaft wird immer mehr darauf ausgerichtet, dass alle gleich sind. Alles wird immer stärker durchrationalisiert. Man hat heute Angst vor dem Unnormalen. Ich erzähle Ihnen was: In Vorbereitung auf die Fotos haben wir Interviews mit unseren Models geführt. Wir haben alle gefragt, ob sie in ihren Augen irgendeine Form von Behinderung haben, ob sie sich anders fühlen als ihre Mitmenschen. Alle sagten nein. Ein junger Mann überlegte kurz und erzählte dann, er habe eine Glutenallergie. Anschließend hat er auf seine Sitznachbarin gedeutet und meinte: »Aber Eva hier, die hat das Downsyndrom.« Es ist also alles eine Frage der Selbsteinschätzung.

Fotostrecke

Icons - Ausstellung Down-Syndrom

Foto: Emma Svensson

SPIEGEL: Selbstwahrnehmung ist eine Sache. Ihre Fotos zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass die Porträtierten in den Augen der meisten Menschen nicht normal sind. Sonst wären es herkömmliche Kostümfotos.

Johansson: Darum geht es nicht. Wir wollen Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Menschen lenken, die über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg im Abseits stand, die politisch nicht repräsentiert wurde, nicht im öffentlichen Raum vertreten war. Es gibt noch immer so viele Fragen und Vorurteile über diese Menschen. Wie Sie bereits erwähnten: Sind sie nun krank oder nicht? Haben sie Träume? Wie ticken sie so? Wir wollen die Betrachterinnen und Betrachter der Fotos dazu bringen, ihre Vorurteile abzulegen, sich eine eigene Meinung über Menschen mit Downsyndrom zu bilden.

SPIEGEL: Die Rollen, in die Ihre Models schlüpfen, woher kommen die?

Johansson: Wir haben mit allen Models im Vorfeld der Aufnahmen ein Interview geführt, über Träume, Wünsche und die Frage, wie sie sich selbst sehen. Ein künstlerisches Team hat daraus dann unterschiedliche Rollen entwickelt. Wenn ich die Ergebnisse sehe, finde ich, das passt ganz gut.

SPIEGEL: Man könnte darin aber auch einen Akt der Fremdbestimmung sehen. Sie haben Menschen, die aufgrund ihres Handicaps ohnehin mit mangelnder Selbstbestimmung zu kämpfen haben, Rollen übergestülpt.

Johansson: So sehe ich das nicht. Nehmen Sie doch die sogenannten normalen Models. Die werden nicht nach ihren Bedürfnissen gefragt, wenn sie zu Castings gehen. Die haben so zu agieren, wie es ihnen gesagt wird.

SPIEGEL: Filmstars, Musikdiven, Superhelden und Politiker – solche Figuren inspirieren uns und geben uns Mut. Unterrepräsentierten Menschen fällt es jedoch schwer, Ihnen nachzueifern. Ihre Fotoserie wirft also die Frage auf, wo die Grenzen eines Lebens mit angeborenem Handicap wie Trisomie 21 liegen.

Johansson: Filmstar kann man auf jeden Fall werden mit Downsyndrom. In Schweden ist das der Fall. Die Models, die in unserem Film »Catwalk« mitgespielt haben, sind heute in Schweden unheimlich bekannt. Aber ob es jemals möglich sein wird, dass ein Mensch mit Trisomie 21 ein Land anführt, das bezweifle ich. Was ich jedoch mit großer Gewissheit sagen kann: Noch nie in der Geschichte der Zivilisation hat ein Mensch mit Downsyndrom einen Krieg angefangen. Das ist bestimmt nicht die schlechteste Voraussetzung. Ich bin überzeugt, dass Menschen mit Downsyndrom oder anderen Behinderungen wesentlich mehr Aufgaben in der Gesellschaft wahrnehmen könnten, als es aktuell der Fall ist und als wir ihnen zugestehen. Die Kraft und die Fähigkeiten dazu haben sie.

»Icons« ist eine Produktion von Fotografiska Stockholm , weltweit eines der größten Zentren für zeitgenössische Fotografie mit Dependancen u. a. in New York, Shanghai und bald auch Berlin. Die Ausstellung ist eine Kooperation des Theatermachers Pär Johansson mit der Fotografin Emma Svensson und den Kostümbildnerinnen Linda Sandberg und Helena Andersson.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, dass sich neun von zehn Schwangeren in Deutschland gegen ein Kind mit Trisomie-21-Diagnose entscheiden. Tatsächlich handelt es sich dabei lediglich um eine Experteneinschätzung. Wir haben den Artikel an der entsprechenden Stelle ergänzt.