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Unterwäsche-Ausstellung "Undressed": Liebestöter und Höschen aus Bambus

Foto: V&A Images/ VAM, London

Unterwäsche-Schau "Undressed" "Frauen finden Männer in Shorts attraktiver"

Wie hat sich unsere Unterwäsche im Laufe der Zeit verändert? Warum ist heute hip, was lange out war? Ein Gespräch mit einer Fachfrau über Bambusslips, Liebestöter und den Sex-Appeal langer Unterhosen.
Von Eva Lindner

SPIEGEL ONLINE: Frau Cordner, Baumwoll-Unterhosen gelten als Liebestöter. Zu Recht?

Cordner: Bei Unterwäsche geht es ja nicht nur um Verführung, sondern auch um Komfort und Hygiene. Baumwolle ist nach wie vor das beste Material für die Haut. Außerdem kann man sie heißer waschen, als andere Materialien. Heute tragen Frauen außerdem gerne organische, nachhaltige Stoffe, zum Beispiel aus Bambus. Und auch Höschen aus Baumwolle können sehr sexy sein. Naturmaterialien sind eine Rebellion gegen die unartigen Neunzigerjahre.

Zur Person

Susanna Cordner ist Assistenzkuratorin für Textilien und Mode am Victoria und Albert Museum. Sie ist Teil eines Teams, das eine Sammlung mit mehr als einhunderttausend Stücken verwaltet. Schon während ihres Kunstgeschichtsstudiums spezialisierte sie sich auf Modegeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Warum war denn die Unterwäsche der Neunziger unartig?

Cordner: Damals galt es noch als unerzogen, wenn der Tanga hinten rausschaut. Und das hat er oft, weil Frauen in den Neunzigern tiefsitzende Jeans getragen haben. Unterwäsche passt sich immer der Oberwäsche an. Durch die tiefen Hosen kam es damals zu einer extremen Zurschaustellung der Unterwäsche.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehts um die Leggings? Unterwäsche oder Hose?

Cordner: Die Leggings haben eine Entwicklung durchgemacht. Sie galten früher als Unterwäsche, die Frauen auch direkt auf der Haut ohne zusätzliche Unterhose getragen haben. Weil wir uns heute auf der Straße gerne sportlich zeigen und Sportarten wie Yoga, bei denen Frauen auch gerne Leggings tragen, im Trend liegen, haben sie ihren Weg nach außen gefunden. Ob das schön ist, wird kontrovers diskutiert. Wir zeigen in der Ausstellung eine Leggings von Vivienne Westwood. Die ist rosa mit Spiegelglas in Feigenblattform auf dem Intimbereich und - für Männer.

SPIEGEL ONLINE: Sexy. Gab es eigentlich jemals eine Zeit, in der Männer lange Unterhosen tragen konnten und damit modisch akzeptiert waren?

Cordner: Lange Unterhosen sind bequem und weich, man trägt sie gerne zu Hause, deshalb zählen wir sie zur sogenannten Loungerie. Sie haben keinen guten Ruf aufgrund ihrer eng zulaufenden Beine, die wir auch als Karottenhosen kennen. Aber, ich muss Ihnen sagen, lange Unterhosen erleben ein Revival. Junge, hippe Männer in England tragen sie wieder.

SPIEGEL ONLINE: Und was tragen die jungen, hippen Männer, wenn sie nicht gerade lange Unterhosen anhaben: Boxershorts oder enge Slips?

Cordner: Als die Marke Sunspel 1948 die ersten Boxershorts nach England brachte, lösten sie eine Revolution aus. Shorts wurden extrem populär. Heute tragen Männer unter 30, denen oft noch ihre Mütter die Unterwäsche kaufen, eher enge Unterhosen. Je älter sie werden, desto häufiger entscheiden sie sich für Boxershorts. Für die Frauen ist die Wahl eindeutig: Sie finden Männer in Shorts attraktiver.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah eigentlich die erste Unterwäsche aus, die jemals getragen wurde?

Cordner: Wir haben schon immer etwas unter unseren Kleidern getragen, einen genauen Moment für die erste Wäsche festzulegen, ist schwierig. Unsere Ausstellung zeigt Stücke von 1750 bis heute. Was wir festhalten können, ist, dass sich das Konzept von Unterwäsche über die Jahre enorm verändert hat. Wir haben zum Beispiel Stücke aus dem 18. Jahrhundert für Frauen und Männer. Die Stützen im Korsett sind aus dem Fischbein von Walen, darunter trugen sie ein Leinenhemd. Wichtig war damals vor allem, dass die Unterwäsche die Brust unterstützt und die Wäsche bequem und hygienisch war.

SPIEGEL ONLINE: Fischbein unter der Brust klingt alles andere als angenehm. Korsetts sind generell nicht gerade für ihren Wohlfühlfaktor bekannt.

Cordner: Darüber wollen wir auch in der Ausstellung debattieren. Wir zeigen deshalb an Röntgenaufnahmen, wie innere Organe leiden, wenn die Taille zusammengeschnürt wird. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts der BH erfunden wurde, trugen Frauen aus allen Schichten Korsetts, um die Brust zu stützen. Sie halfen aber auch bei orthopädischen Problemen. Wir haben zum Beispiel einen Hüftgürtel für Männer, der beim Reiten unterstützen sollte. Mit ihm war es einfacher, die Haltung auf dem Pferd zu verbessern. Und das war letztendlich auch gesünder für den Reiter.

SPIEGEL ONLINE: Heute sind wir diese Geräte zum Glück los und können einfach nur Wäsche tragen.

Cordner: Von wegen. Im Kontrast zu den historischen Korsetts und Hüftgürteln zeigen wir den Hüfttrainer und die Po-hebende Unterwäsche ("buttlifter"), die auch Kim Kardashian nutzt. Der Hüftgürtel ist aus Elasthan, man soll möglichst viel darin schwitzen. Sie empfiehlt, ihn acht Stunden am Tag zu tragen, beim Schlafen oder beim Work-out. Er drückt seiner Trägerin alles ab und das Material reibt bei jeder Bewegung auf der Haut.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt in der Tat nicht viel besser als ein Korsett aus Fischbein. Gibts das auch in bequem?

Cordner: Ja, das gibt es. Wir zeigen in der Ausstellung ein Stück von der Designerin Roxey Ann Caplin. Sie hat im 19. Jahrhundert ein Korsett erfunden, das den Körper stützt, ohne die inneren Organe zu quetschen. Damit haben die Damen in London und Manchester dann sogar Sport gemacht, ohne Schmerzen zu leiden.


Undressed: A Brief History of Underwear. 16. April 2016-12. März 2017. Victoria and Albert Museum, London

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