Schutt wird zu Terrazzo Aufpoliert

Mehr als 200 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle fallen pro Jahr in Deutschland an. Zwei Berliner Designerinnen verarbeiten den Schutt zu modernen Terrazzo-Böden.

Hannes Wiedemann

Schon die alten Römer und vor ihnen die Griechen verschönerten ihre Böden, indem sie farbige Steine in den Zement rührten. Heute liegt Terrazzo längst nicht mehr nur auf italienischen Bürgersteigen und dem Walk of Fame in Hollywood, wo der glänzende Bodenbelag die Sterne der Hollywood-Größen umrahmt. Er kommt auch in so manchem deutschen Hauseingang oder Keller vor. Denn als günstiger Boden war der Werkstoff gefragt im an Schutt reichem, aber ansonsten armen Nachkriegsdeutschland.

Im Deutschland der Gegenwart interpretieren die beiden Berliner Designerinnen Rasa Weber und Luisa Rubisch diese handwerkliche Resteverwertung neu. In ihrem "Urban Terrazzo" landen Bruchstücke der Stadt und nicht wie üblich Granit- oder Marmorsplitter. Weber und Rubisch sind die Gründerinnen des Design- und Architekturkollektivs "TFOB - They Feed Off Buildings". Sie verwenden, was Jahrzehnte lang in Mauern, Decken und Wänden verbaut war: Naturstein, Beton, Chemiefasern, aber auch Kupferrohr-Partikel. Sie lassen den Terrazzo metallisch schimmern.

Ihr Produkt ist die Antwort auf die Frage: Was passiert eigentlich mit den Unmengen an Bauschutt, die jährlich in Deutschland anfallen? Denn Baumaterial, erklärt Weber, stelle den Bärenanteil aller Abfälle in der Bundesrepublik. Mehr als 200 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle fallen pro Jahr an. Allein in Berlin werden im Schnitt fünf Millionen Tonnen jährlich produziert.

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"Urban Terrazzo": Zerstören, um zu bewahren

In dem Schutt erkannten Weber und ihre Geschäftspartnerin aber noch mehr als ein Abfallproblem. "Wenn man genauer hinschaut, haben wir es hier mit einer wunderschönen Sammlung architektonischer Spuren und Hinterlassenschaften zu tun", sagt Weber. 2017 starteten sie ihr Projekt, zunächst noch mit bescheidenen Mitteln.

Heute ist Urban Terrazzo preisgekrönt. Die Schutt-Schatzsucher sind ausgezeichnet als "Kreativpiloten" - als "Menschen, die Mut beweisen, Engagement zeigen und sich immer fragen: Was kann ich noch besser machen? Der Bundespreis Eco Design wurde ihnen verliehen, 2019 gehörte das Projekt zu den Finalisten für den German Design Award in der Kategorie Newcomer.

Stadtgeschichte erzählt in Baumaterialien

"Bauschutt, wat wolln Se 'n damit?", wurden die Gründerinnen zu Beginn auf dem örtlichen Bauhof gefragt. In Berlin sichten sie vor allem Beton. Extrem bunten Beton. "Wenn man den aufschneidet, hat er eine sehr schöne Färbung, weil ja viel Nachkriegsschutt in Berlin verbaut wurde", sagt Weber. Genauso übrigens wie Lausitzer Granit.

Technisch orientiert sich das Duo mit seinem Produkt am italienischen Original. Die Zusammenarbeit mit den wenigen verbliebenen Terrazzo-Experten sei eng: Für die Serienproduktion nutzen sie einheimische Spezialisten und Werkstätten. Eine andere wichtige Zutat kommt aus Kassel, wo ein besonders feiner Beton gegossen wird. Anders als traditioneller Terrazzo kann das Bindemittel damit Materialien mit unterschiedlichen Eigenschaften in einer Bodenplatte aufnehmen.

"Urban Terrazzo" aus Prag
Michael Havas

"Urban Terrazzo" aus Prag

Oft werden die beiden gefragt, ob sie nicht noch mehr Bauabfälle ins Produkt mischen könnten, um noch nachhaltiger zu arbeiten. "Wir machen nicht viele Quadratmeter," räumt Weber ein. Noch nicht. Doch selbst wenn sie noch mehr Unrat verarbeiteten: Es wäre nicht einmal die Spitze des jährlichen deutschen Bauschuttbergs.

Es geht also bei dem Projekt eher um ein Symbol: die Entdeckung und Nutzung eines sonst wörtlich verschütteten Material- und Rohstoffreichtums. Und erst im zweiten Schritt um Recycling, das ein ästhetisch ansprechendes Produkt hervorbringt.

Doch "They Feed Off Buildings" trifft einen Nerv. Recycelt wird zwar überall. Aber im Gegensatz zu wiederverwertetem Beton, bei dem aus Grau im Normalfall wieder ein möglichst ebenmäßig neues Grau entstehen soll, liefert TFOB eine fast schon poetische Qualität - und experimentelle Denkmalforschung.

Am liebsten ist es Rasa Weber und Luisa Rubisch, wenn sie direkt vor Ort arbeiten und Terrazzo mit bekannter Geschichte herstellen können. Zu ihren Kunden gehören Institutionen wie die Kunsthalle Prag - aber auch Architekturbüros und Privatleute, die sich freuen, wenn sie aus dem abgerissenen Haus ihrer Großmutter einen kleinen Teil im neuen Heim wiederfinden.



insgesamt 32 Beiträge
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sarapo29 10.03.2019
1. Naja
Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten- Ob man hier aber wirklich von Recycling sprechen kann schon. Denn ich erkenne auf den Bildern zwar sehr viel Trägermasse aber -optisch- doch sehr wenig recyceltes Material. Wie hoch ist den der Anteil an Bauschutt in diesem "neuen" Boden? Ab wieviel Prozent kann man von Recycling sprechen? Und: Was kostet denn davon ein Quadratmeter? Ein paar mehr Fakten würden diesem Artikel sicher gut tun.
fleischwurstfachvorleger 10.03.2019
2. Tolle Idee
Absolut unterstützenswert. Sollte zur Pflichtnummer für Städte und Gemeinden werden.
lila72 10.03.2019
3. Alter Wein....
... in neuen Schläuchen. Ich gehe in den Wintergarten meines Elternhauses im Osten unseres Landes und stehe auf... 40 Jahre alten Terrazzo-Platten. immerhin nachhaltig und ja, irgendwie auch optisch ganz schön.
dasfred 10.03.2019
4. Eher ein Kunst- Stein
Der künstlerische Aspekt überwiegt hier noch stark den Recycling Gedanken. Trotzdem ist es sinnvoll, hier künstliche Steinplatten zu produzieren, bevor weltweit, unter teils miserablen Bedingungen Naturstein abgebaut wird. Es gibt übrigens schon Arbeitsplatten in dieser Technik, die mit Altglas arbeiten und dabei ähnliche Effekte erzielen.
frank.stolzenberger 10.03.2019
5. Quadratmeterpreise!
Hab mir gerade das Video auf der Firmenwebsite angesehen. Steinchen werden per Hand aus dem Kleinmischer sortiert, Platten manuell verdichtet (wohl mit entsprechender Fehlerquote). Immerhin scheinen ja Formen für c. 2 Quadratmeter pro Tag vorhanden zu sein. Kupferschrott zu versenken, damit es glitzert, super für die späteren Recycler. Die Kinder der Mütter vom Kollwitzplatz werden erwachsen! Weiter so, denn mit diesen Produktionsmethoden schaffen wir unsere Klimaziele und retten ganz nebenbei die Welt und Spiegel Online hat es als erstes berichtet
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