Gestaltung aus Ost und West Deutsche Designrepublik

Die erste große Gesamtschau über deutsch-deutsches Design der Nachkriegszeit führt die Formensprachen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR zusammen.
Von Jochen Overbeck

Zwei Länder. Zwei Designgeschichten. Oder doch nicht? Das Cover des Katalogs gibt die Marschrichtung vor. Da sehen wir zwei Silhouetten. Die eine gehört zu einem Taschenrechner. Westdeutsches Fabrikat, Braun. Ein ikonisches Teil. Designer: Dieter Rams und Dietrich Lubs. Außerdem sehen wir ein zweites Bild. Ein Rationell-Kännchen. Vielleicht das bekannteste DDR-Geschirrstück überhaupt, noch immer dutzendfach bei Ebay erhältlich.

Die beiden Bilder liegen übereinander, es ist unmöglich, sich auf eines zu konzentrieren. Ein doppelter Blickwinkel, der gut zum Selbstverständnis und zum Fundament der Ausstellung passt: »Deutsches Design 1949–1989: Zwei Länder, eine Geschichte« wurde zwar im Vitra Design Museum  in Weil am Rhein eröffnet, ist aber eine Co-Produktion mit dem Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und wird im Oktober auch dort Station machen.

Während es einen westdeutschen Design-Kanon gibt, wird Gestaltung aus der DDR nach wie vor häufig falsch gesehen. Als Plaste- und Elastekitsch zweifelhafter Qualität, der entweder in ungesunden Orangetönen oder aber in Nichtfarben daherkommt. »Ostalgie« ist einer der Begriffe, die häufig fallen, wenn es um die Alltagsgegenstände der DDR geht.

Doch die Ironie, mit der diese Ostalgie oft verbunden ist, verdeckt die eigentlich viel wichtigere Nachricht: Das Design, oder, um in der Sprache des Landes zu bleiben, die Formgebung der DDR kam ohne jede ironische Brechung aus und sollte auch so gesehen werden.

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Deutsches Design 1949–1989 - Zwei Länder, eine Geschichte

Drei Exponate dienen da als gutes Beispiel. Einmal ist da die bereits erwähnte Rationell-Serie, im Volksmund als Mitropa-Geschirr bekannt. Rationell wurde Ende der Sechzigerjahre als Geschirr entwickelt, das auch im schnellen Takt eines Hotelbetriebs oder einer Großgastronomie mitlaufen konnte. Es ist robust und platzsparend stapelbar, vor allem aber bauten Margarete Jahny und Erich Müller einen für Servicepersonal wertvollen Kniff ein: Eine spezielle Ausbuchtung an der Kanne sorgt dafür, dass der Deckel nicht abrutschen und man einhändig ausschenken kann.

Außerdem ist Franz Ehrlichs »Typensatz 602« zu sehen. Eine Möbelserie, die 1957 beim VEB Deutsche Werkstätten Hellerau in Produktion ging und mit ihren simplen, aber eleganten Formen sicher auch im Westen ein Erfolg gewesen wäre.

Das dritte Beispiel sind die »Rupfentiere« von Renate Müller. Sie wurden unter dem Slogan »rau, aber herzlich« ab Mitte der Sechzigerjahre ursprünglich für Kindergärten, Behinderten-, medizinische und integrative Einrichtungen geschaffen. Große Stofftiere aus Jute und Leder, ebenso freundlich wie robust. Man kann sie als Ausnahmefall des DDR-Designs sehen, denn sie haben ihre verdiente Anerkennung längst erhalten: Sie schafften es bis ins New Yorker MoMa und erzielen bei Auktionen hohe Preise.

»Eine Erweiterung des kulturellen Gedächtnisses«

Die von Erika Pinner (Vitra Design Museum) und Klara Nemeckova (Kunstgewerbemuseum Dresden) kuratierte Ausstellung stellt diese Produkte nicht nur vor, sondern auch neben solche aus der Bundesrepublik Deutschland und schafft so einen Kontext. Sie konfrontiert etwa das Rationell-Kännchen mit dem optisch ähnlichen Stapelgeschirr TC 100, das Nick Roericht 1958/59 an der Ulmer Hochschule für Gestaltung für seine Diplomarbeit entwarf.

Bei diesen Gegenüberstellungen fällt auf, wie sich bis weit in die Sechzigerjahre auf beiden Seiten der Grenze die Ahnenlinien der Gestalter ähnelten: Werkbund und Bauhaus  sind die gemeinsamen Wurzeln, und in beiden Deutschlands gab es Versuche, mit neuen Lehranstalten Kontinuitäten zu schaffen. Wobei das mit der Kontinuität im Osten so eine Sache war; die Haltung der DDR-Regierung zum Bauhaus und seinem angeblichen Formalismus war damals von Widersprüchen geprägt.

Ein Orientierungspunkt blieb das Bauhaus natürlich dennoch. Deutlich erkennbar ist das, wenn man einen Blick auf eines der ausgestellten Möbelstücke wirft: Der 1964 von Rudolf Horn entworfene Klubsessel ist im Prinzip eine Weiterentwicklung von Mies van der Rohes »Barcelona Chair« und dank einer Z-förmigen Unterkonstruktion besser gefedert als das Vorbild.

Unterschiedliche Arbeitsbedingungen in Ost und West

Die Arbeitswelt der Designer und Designerinnen in Ost- und Westdeutschland unterschied sich jedoch grundlegend. Das beginnt mit politischen Reglementierungen und dem mangelnden Zugriff auf manche Materialien im Osten und führt über das grundsätzliche Berufsbild bis zu dessen Außenwahrnehmung.

So gab es im Westen ein Autorendesign. Namen wie Max Bill, Dieter Rams oder Ingo Maurer strahlten ähnlichen Glanz ab wie Namen berühmter Maler oder Schriftsteller. Es gab Interviews mit den Designern, und die Einrichtung mit ihren Entwürfen diente auch der Distinktion. In der DDR hingegen blieben die Schöpfer und Schöpferinnen meist ungenannt, der Bevölkerung waren sie unbekannt. Bis heute sind Namen wie Margarete Jahny, Rudolf Horn oder Christa Petroff-Bohne vor allem Design-Aficionados ein Begriff.

Das Ziel der Ausstellungsmacherinnen ist denn auch eine »neue Bestandsaufnahme, die beide deutsche Staaten einbezieht«, damit »ostdeutsche Gestaltung als deutsches Design und dem westdeutschen ebenbürtig« erkannt werde. Letztendlich, so schreiben sie im Katalog, gehe es um eine »Erweiterung des kulturellen Gedächtnisses«.

309 Objekte sollen bei dieser Aufgabe helfen, ihre Bandbreite ist immens. Da findet sich der Flötotto-Kinderschreibtisch von Luigi Colani, an dem Generationen westdeutscher Kinder ihre Hausaufgaben machten, ebenso wie Augusta Pohles fast avantgardistisch anmutender DDR-Regenmantel aus Polyesterseide. Das Kussmund-Plakat für die Stadt Bonn hat genauso seinen Weg in die Ausstellung gefunden wie Waldi, das knuffige Olympia-Maskottchen von 1972, und ein Besucherleitsystem aus dem Berliner Palast der Republik.

Die Geschichten hinter vielen dieser Objekte werden nur angerissen, wer tiefer in die Materie eintauchen möchte, wird einiges nachlesen müssen. Doch ob mit in der DDR oder in der BRD sozialisiertem Blick, die meisten Menschen werden in der Ausstellung vertraute Identitätsanker entdecken. Besonders interessant wird die Betrachtung allerdings, wenn man den Blickwinkel wechselt.

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