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»Vogue«-Cover mit Kamala Harris Worte sagen mehr als Bilder

Im Internet wird über Fotos der künftigen US-Vizepräsidentin Kamala Harris diskutiert: zu unpräsidial? Oder gar rassistisch? Schade, dass es dabei wieder nur um Oberflächlichkeiten geht.
Von Philipp Löwe

Wie hat sie denn auszusehen, eine Vizepräsidentin, und ist es überhaupt noch die Zeit, um über derartige Oberflächlichkeiten zu diskutieren? Das »Vogue«-Cover mit Kamala Harris jedenfalls hat für Furore gesorgt. Zu leger, so in Jeans und Turnschuhen, klagen die einen. Lieblos gestaltet – und damit weder dem Amt noch der Person oder dem Sujet entsprechend, empören sich die anderen. Manche vermuten gar rassistische Gründe hinter der Bildauswahl. Doch der Reihe nach.

Zunächst einmal ist es richtig, wenn sich Menschen darüber aufregen, dass Frauen ihrem äußeren Schein nach beurteilt werden. Niemand hat das verdient. (Nur müssen Frauen das sehr viel häufiger ertragen als der Rest der Welt.) Insofern ist es nachvollziehbar, dass einige in dem Bild mehr sehen, zumal in den rassismusverseuchten USA. Für sie erscheint Harris nicht einfach in Blazer, T-Shirt, Jeans und Turnschuhen. Ihr Idol wird in ihren Augen reduziert auf ein Stereotyp, in dem Schwarzsein und ein vermeintlich nachlässiger Kleidungsstil irgendwie zusammengehören. Was das über die Perspektive der Kritikerinnen und Kritiker sagt, steht auf einem anderen Blatt.

Doch gibt es eigentlich eine uramerikanischere Kombination als Jeans und Chucks? Im Wahlkampf wurden die Stoffturnschuhe zu so etwas wie einem Markenzeichen der Politikerin, fast so wie einst Joschka Fischers Nikes. Nur eben kein Tabubruch mehr. Vermutlich hat Harris deshalb beim Shooting auch auf diesem Outfit bestanden. Dieses Selbstbewusstsein überrascht nicht. Es macht die Frau sympathisch, gilt die »Vogue« doch vielen immer noch als Zentralinstanz in Sachen Mode. Außerdem ist Authentizität ein hohes Gut, gerade in Zeiten wie diesen.

Unnahbares Powerdressing

Vermutlich trägt Harris mindestens so oft Hosenanzüge, wie sie in ihre Lieblingsschuhe steigt. Ob sie es mit der gleichen Leichtigkeit tut oder darin eine Bürde des Amtes sieht, muss ungeklärt bleiben. Zumindest gibt es auch davon ein Motiv, das von der Redaktion allerdings nicht für titelwürdig befunden und nur online veröffentlicht wurde: Harris im blassblauen Zweiteiler, die Arme vor der Brust verschränkt und mit Flaggenpin am Revers. Ihr Blick ist direkt in die Kamera gerichtet. Eine typische PolitikerInnen-Inszenierung. Für die Kritikerinnen und Kritiker hätte dieses Motiv auf den Titel gehört. Nahbarer wirkt sie auf dem anderen Bild, eben weil es nicht so gestellt wirkt.

Der Bruch mit Erwartungen tut auch dem Medium gut, das viel zu lange festgehalten hat an einer Welt des schönen Scheins, in der Schwarze Lebenswelten keine Rolle spielten. In der 126-jährigen Geschichte der »Vogue« ist Tyler Mitchell der erste schwarze Titelbild-Fotograf. Dass er nun die Bilder gemacht hat, ist mehr als folgerichtig. »In dieser Welt der Luxusmarken und Laufstege waren Afroamerikaner lange nicht erwünscht«, sagte er dem SPIEGEL vergangenes Jahr, als sein Bildband »I Can Make You Feel Good: Tyler Mitchell« erschien.

Mitchells Aufnahmen transportieren immer auch eine politische Botschaft, in der Regel fotografiert er Nichtweiße. Oft spannt er auch große Tücher als Hintergrund auf. Dieses Detail ist wichtig. Denn das Setting seiner Aufnahmen von Harris wurde ebenfalls als unwürdig kritisiert. Dabei verweist Mitchell mit seiner Wahl einerseits auf das eigene Werk und zugleich – was viel bedeutsamer ist – auf Harris' Vergangenheit in der Schwesternschaft Alpha Kappa Alpha, die 1908 an der Howard University und damit älteste von Schwarzen Frauen gegründete Studentenverbindung der Vereinigten Staaten. Deren Farben sind das Grün und Pink im Hintergrund.

Mittlerweile ist Alpha Kappa Alpha kein rein Schwarzer Klub mehr, so wie die Politik und selbst höchste Staatsämter keine weißen Privilegien mehr sind. Glücklicherweise. Selbstverständlich kann die Tochter einer indischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten werden. Genauso wie ein junger Schwarzer »Vogue«-Cover fotografieren kann. Dass sie nicht aussehen wie die von Richard Avedon oder Irving Penn, ist einer der Gründe, warum sie gefeiert werden. Sie mögen wirken wie ein Schnappschuss, unbedacht entstanden sind sie nicht.

»Ich bereite mich darauf vor, Bilder zu schaffen, die es so noch nie gegeben hat«, sagte Mitchell damals dem SPIEGEL. Das ist ihm gelungen. Und wenn sich die Aufregung gelegt hat, geht es hoffentlich demnächst nur noch darum, was Harris zu sagen hat.