Trinkkultur Was für Flaschen!

Egal, in welches Spirituosenregal man derzeit blickt: überall Apothekerflaschen. Die altertümlichen Designs für Gin, Likör und Wodka spiegeln den um sich greifenden Manufaktur-Trend. Es geht um Genuss statt Knülle-Sein.
Auszug aus: "Geistige Getränke: Brände und Liköre, handgemacht und hochprozentig"

Auszug aus: "Geistige Getränke: Brände und Liköre, handgemacht und hochprozentig"

Foto: Gestalten

Zerquetschte Wacholderbeeren, Ethanol, Wasser, ziehen lassen: fertig war die Arznei gegen Rheumatismus und Blähungen. "Spiritus Juniperi", schrieben die Apotheker vor 100 Jahren auf ihre Flaschenetiketten. Wofür man Gin halt so braucht.

Egal ob Gin oder Wodka, in Bars oder im nächsten Kaufhaus: Auf einmal zitieren Spirituosenflaschen wieder ihre Apothekenvergangenheit. Die Botschaft: alles ganz natürlich, handgemacht. Mit der Bekanntheit von Hendrick's Gin fing es an, die Black Forest Distillers aus dem Schwarzwald machten mit ihrem Monkey 4" weiter, und weil alles so gut floss, zogen andere Destillerien nach.

Monkey 47 und Pijökel in den typischen Apothekerflaschen

Monkey 47 und Pijökel in den typischen Apothekerflaschen

Foto: Anne Haeming

Das beobachtet auch Thomas Kochan in seinem Spirituosenladen in Berlin. Er präsentiert eine braune Flasche, die aussieht, als käme sie direkt aus einer Pharmazie - bis auf das Logo, eine Hand in Neonorange. Pijökel steht in Grellblau drauf. "Der geht sehr gut", sagt Kochan, "aber erst, seit die Verpackung so aussieht." Bis Ende 2015 gab es die kleine Likör-Marke, die tatsächlich vom Sohn eines Apothekers weitergeführt wird, in einer schmalen Flasche, schwarz mit Pharmaziekreuz als Logo.

Hauptsache geil instagramierbar

Was in den Achtzigern die Künstleretiketten für die Winzer waren, ist das Flaschendesign für die Destillerien. Das zeigt sich auch beim Craft Spirits Festival , das Kochan seit vier Jahren in Berlin organisiert. Für viele kleinere Brennereien (denen mit "Geistige Getränke" sogar schon ein Bildband gewidmet wurde) geht es dabei vor allem um neue Zielgruppen. Viele angesagte Marken inszenieren in den sozialen Medien eine Welt, wo Herren mit Schiebermütze und Moustache an Kupferkesseln rumstehen.

Mit dieser Trinkkultur erleben auch Speakeasys und Connaisseur-Bars eine Renaissance. Zur Zielgruppe gehören daher auch Profis wie Oliver Ebert, Jurymitglied bei den Craft Spirits Awards und Mixologist des Jahres 2013. Von einem Designwandel will er nichts wissen, in seiner Berliner Bar Becketts Kopf schenkt er nur aus, was eine Blindverkostung überstanden hat. Er werde misstrauisch, sagt Ebert, wenn viel Aufwand ins Produktdesign gesteckt wird. Die Flaschen, die er auf den Bartresen stellt, sehen dann auch eher hipsterfrei aus. "Ich komme relativ selten über die Flasche aufs Produkt", sagt er, "sondern über die Destillateure, die mir von ihren Stoffen erzählen."

Gerade die kleineren Hersteller jedoch merken, wie unverzichtbar die Verpackung geworden ist. "Es reicht nicht mehr, dass der Inhalt gut ist", erklärt Brenner Fabian Rohrwasser das Dilemma der Manufakturen. Er betreibt bei Hamburg die Destillerie Feingeisterei, sein mehrfach prämierter 5 Continents Gin steckt auch in einer dieser Apothekerformen - aus klarem Glas, mit verschnörkelten Illustrationen. "Man sollte nicht auf den ersten Blick sehen: Da kommt schon wieder ein Gin von einem Obstbrenner", erklärt er, wieso er sich gegen die typische hohe, schlanke Form entschied. Er weiß auch von vielen Kollegen, wie unerschwinglich es gerade bei kleineren Chargen ist, eigene Formen zu designen: Man muss nehmen, was die Glashütten anbieten.

Vincent Honrodt, der mit dem Label Berliner Brandstifter die Spirituosentradition seines Großvaters fortführt, ließ sich für den Neubeginn gleich kistenweise Flaschenmodelle schicken. Die, in die nun sein Kornbrand, Gin und Wodka abgefüllt werden, hat was von einem Flachmann, eine zeitgeistige Interpretation von Arbeiterkultur. Noch einen Schritt weiter gehen die Macher des Kornbrands Steinreich: Ihre Flasche sieht aus wie ne 0,3-Flasche Korn aus einer Bochumer Eckkneipe. "Inzwischen haben sich die Flaschenhersteller auf die neuen Anforderungen eingestellt", sagt Honrodt, "eine typische Start-up-Form haben mittlerweile alle im Sortiment."

Wodkaflasche von Berliner Brandstifter

Wodkaflasche von Berliner Brandstifter

Foto: Berliner Brandstifter

In der Tat, egal mit wem man spricht, alle erwähnen Oslo. Nicht die Stadt, sondern ein mittlerweile 15 Jahre altes Flaschenmodell der französischen Glashütte Saverglass - 401 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2015, 55 Prozent davon mit Spirituosenflaschen, längst gibt's eine "Apothecary"-Kollektion . "Seit drei, vier Jahren verlangen Brennereien verstärkt nach diesen Flaschenformen", sagt Christoph Jäckle vom Großhändler Euroglas im Allgäu, die Oslo-Linie führt er natürlich auch. Anfangs habe es nur wenige passende Modelle europäischer Glashütten gegeben, "aber die Menge hat sich inzwischen vervielfacht", sagt Jäckle.

Das nächste große Ding werden wohl rustikalere Designs sein. Derzeit fragten Kunden häufiger nach gekröpften Flaschen oder Bügelverschlüssen für Biere, sagt Jäckle: "Wer zwei Drittel seiner Lebenszeit vor dem Rechner verbringt, will wenigstens nach Feierabend was Bodenständiges, Echtes." Aktuelle Designpreise scheinen die Tendenz zu bestätigen: Allein der österreichische Glashersteller Stölzle wurde zuletzt für drei seiner Whiskey- und eine Gin-Flasche ausgezeichnet; eine sieht aus wie ein Flachmann, zwei sind Apothekerflaschen-Interpretationen, eine hat einen Kropfhals. 

Und so muss Alkoholkonsum derzeit also als Distinktionsgeste herhalten. Sobald Hochprozentiges in Flaschen mit lässigem Understatement abgefüllt ist, signalisiert das: Die das trinken, wollen genießen, nicht einfach nur knülle werden und zwar pronto. (Gleich zwei neue Bücher widmen sich dieser Haltung: "Die trinkende Frau"  der wunderbaren Elisabeth Raether erscheint am 4. Oktober und "A Proper Drink"  von "New York Times"-Autor Robert Simonson.)

"Enjoy responsibly", das haben die Schweden der Our/Vodka-Linie sogar direkt aufs Etikett gedruckt. "Wir wollen, dass sich Freunde zusammensetzen und eine Flasche teilen", sagt Mitgründer Kalle Söderquist. Deswegen gibt es auch nur 0,35-Liter-Fläschchen. Sie spiegeln damit ein Phänomen, das für Spirituosenhändler Thomas Kochan das eigentliche Novum ist: immer kleinere Füllgrößen, nicht nur 0,75-Liter-Buddeln.

Verantwortungsbewusstes Trinken als Pseudo-Postulat

Das Schizophrene dieser Designentwicklung ist: Im Apothekenlook (oder Variationen davon) finden Droge und Drogerie wieder zusammen, der feuchte Traum jedes Abhängigen. So schick die Flaschen sind: Die subtile Botschaft, dass Alkohol wie Medizin wirkt, ist schon etwas grotesk. Darauf einen Schnaps.