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Arte-Doku über Haute Couture: Wenn Mode zur Kunst wird

Foto: ARTE/ Bangumi

Arte-Doku zu Haute Couture Das Kleid für den einen Abend - für 40.000 Euro

Was ist Haute Couture? Nur Mode oder doch schon Kunst? Eine Arte-Doku klärt auf - sie ist das kleine Schwarze unter den Modefilmen.

"Was ändert es, Haute Couture zu tragen?" - "Alles."

Dieses neue Lebensgefühl kostet. Bei Chanel bekommt man ein Haute-Couture-Kostüm ab 40.000 Euro. Ein Prêt-à-porter-Stück für 8000 Euro wirkt dagegen wie ein Fummel von der Stange. Das edle Teil ist ein Kleidungsstück, das man nicht versteckt, sondern trägt: Das schuldet jede Trägerin den Hunderten Arbeitsstunden und kaputt gestochenen Händen der Schneiderinnen.

Wo genau sich die Crème de la Crème dieser Klamotten bewegt, ob sie Alltagskleidung sind, überhaupt noch Mode oder nicht längst Kunstwerk, zeigt der französische Modejournalist Loïc Prigent in seiner Arte-Doku "Was ist Haute Couture?" , die als Auftakt eines ganzen Fashion-Weekends zur aktuellen Pariser Modewoche am Freitagabend ausgestrahlt wird.

Dior, Versace, Elie Saab, Lagerfeld, Gaultier, Valentino, Armani: Prigents Privileg ist, dass er alle kennt - und somit auch überall reinkam, mit Designern, Näherinnen, Modechefinnen sprach. Die 60 Minuten, in denen er den Modehäusern Stippvisiten abstattet, dokumentieren die heißeste Phase jeder Saison: einige Tage vor der Laufsteg-Präsentation bis zu privaten Anprobeterminen für Kundinnen, nachdem die Show vorbei ist. Und das alles komplett in Schwarz-Weiß. Eine brillante Idee: Der Fokus auf Formsprache und Inhalt ist enorm.

"Haute Couture bedeutet, dass man experimentieren kann, unabhängig von kommerziellem Erfolg und der Marke", sagt Giorgio Armani. "Ich finde es super privilegiert, dass ich mich auf diese Weise ausdrücken kann", sagt Karl Lagerfeld. "Haute Couture ist nicht wirklich Mode, wir bewegen uns an der Grenze zur Kunst", sagt Bertrand Guyon, Chefdesigner bei Schiaparelli. Und bei den holländischen Designern Viktor und Rolf wird es ganz besonders deutlich: "Die Skulptur wird menschlich und der Mensch wird zur Skulptur."

Eben weil Viktor und Rolf so bekannt sind für ihre extravagant untragbaren Entwürfe, die hier Hemd-Kleid-Elemente so hoch übereinanderstapeln, dass die Models aussehen wie Säulen auf zwei Beinen, wäre es wertvoll gewesen, mehr als nur zwei kurze Szenen mit ihnen zu haben. "Museen und Sammler kaufen unsere Entwürfe", bescheiden sie knapp. Doch wie sie die Haute Couture für sich interpretieren, wie sie sich finanzieren - nichts dazu. Diese Extremposition nur nebenbei zu streifen, ist sicher das größte Manko der Doku.

Das ist sicher auch dem Konvolut an Designern geschuldet, die Prigent besucht. Sodass kaum Zeit bleibt, sich ein bisschen auf ein Haus, ein Gespräch einzulassen - gerade noch im Wohnzimmer der Näherin Therèse, die für Schiaparelli einen aufwendigen Spitzenmantel häkelt, Schnitt, Valentino, Schnitt, Dior.

Aber auch dieser Schnelldurchlauf funktioniert, da Loïc Prigent die richtigen Glanzlichter setzt. Die Zeit und Mühe, die in die Stoffkunstwerke gesteckt werden, ist unübersehbar - wie auch das Bewusstsein der Designer, dass sie ohne die Hundertschaften an Handwerkerinnen aufgeschmissen wären. Und es in der Haute Couture darum geht, dieses Kunsthandwerk zu feiern. Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli, das Designerduo von Valentino, sagt explizit: "Wir möchten das Unperfekte der Handarbeit bewahren, sonst ist die Magie der Haute Couture schnell vorbei."

Bei Chanel, wo auch mal ein echter Rugbyball herumliegt, um die perfekte Ärmelform zu schneidern, kommen in einem Atelier auf 25 Näherinnen nur drei Maschinen; der Rest ist Handarbeit. So kann man dann auch kaum hinschauen, als Stéphane Rolland beim Anblick eines in feinste Plisseefalten gelegten Kleides aus 150 Metern Stoff auf einmal kommandiert: "Abschneiden! Abschneiden! Abschneiden!"

Designer mit Heiligenschein

Leicht hätte ein Film über solche Luxusprodukte für die happy few steif wie eine Korsage wirken können. Das vermeidet Prigent allein, indem er den Designern in der Nachbearbeitung neonröhrenleuchtende Heiligenscheine verpasst hat: Sie kleben hinter ihren Köpfen wie die Gloriolen im Mittelalter und wippen mit, wenn sie reden - bei Lagerfeld in Form eines Lorbeerkranzes, bei Giambattista Valli ist es ein Kranz aus Pfauenfedern.

Dass Prigent sich in der Modebranche zwar auskennt wie kein Zweiter, aber die ganze Chose eher mit schelmischem Ernst begleitet, sieht man an dem Spagat, den er draufhat: Da ist die immer wieder wundervolle Dokuserie "Signé Chanel" , in der er für Arte die Arbeit an einer Kollektion minutiös bis zum letzten Knopf begleitet hat. Auf der anderen Seite ist er nicht umsonst für seine bissigen Tweets von den Modewochen  bekannt, aus denen sich seine aktuelle 22-teilige Miniserie "Modegetuschel"  für Arte speist: Keine Geringere als Catherine Deneuve trägt kichernd die absurdesten Modeklischees vor, die Zigarette in der Hand.

So wundert es kaum, dass er in der Haute-Couture-Reportage beharrlich und ungläubig fast alle fragt, die ihm vors Mikro kommen, ob sie wirklich, ehrlich, ernsthaft mit dieser Luxusgarderobe auch ins Flugzeug steigen. Allein dafür möchte man ihn knutschen. Der Film ist das kleine Schwarze über Haute Couture. Oder wie er Deneuve das Klischee eines Modedialogs zitieren lässt: "Ist das Schwarz?" - "Nein, das ist Amsel."

"Was ist Haute Couture?"  , Freitag, 30.9., 21:45 Uhr, Arte.

Foto: Francois Durand/ Getty Images

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