Setzt auf Wein und Hanf: Neuwinzer Jan Brinkmann aus Bad Iburg
Setzt auf Wein und Hanf: Neuwinzer Jan Brinkmann aus Bad Iburg
Foto: Weinhof Brinkmann

Teutoburger Südhang, Rosé aus Holstein Wein aus Norddeutschland – schmeckt der?

Was vor 20 Jahren undenkbar war, macht der Klimawandel möglich: Weinanbau im Norden Deutschlands. Die Rebflächen sind klein, aber die Produkte erzielen mitunter Topbewertungen.
Von Thomas Schmoll

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Die Karriere von Jan Brinkmann als Winzer begann mit der »Sendung mit der Maus«. Als sein Vater mit der Idee kam, schaute er sich erst mal bei YouTube die Folge an, in der erklärt wird, wie Wein gemacht wird. Der 25 Jahre alte Bad Iburger ist nämlich eigentlich Schweinebauer von Beruf. Reben anzupflanzen, wäre den Brinkmanns, deren Hof ins 13. Jahrhundert zurückgeht, nie und nimmer in den Sinn gekommen. »Bis dahin lebten wir in der Gewissheit: In Niedersachsen wachsen nur Schweineställe – und zwar die besten.«

Doch 2015 hörte sein Vater im Radio, dass nun auch Niedersachsen – als letztes der 13 Flächenbundesländer – Weinanbau gestattet. Da die Familie ahnte, dass die Schweinehaltung mit all den Auflagen und Vorschriften »künftig garantiert nicht leichter wird«, beschloss sie, es mit Wein zu versuchen. »Wir dachten damals: Wir haben die Chance, zu den Ersten zu gehören.« Die Voraussetzungen waren jedenfalls vorhanden. Zum Hof gehört der »Teutoburger Südhang« mit immerhin bis zu 27 Prozent Neigung – in Niedersachsen eine echte Rarität. Dort stehen nun auf 1,5 Hektar rund 5000 Reben. Es ist die einzige staatlich anerkannte Hanglage in Niedersachsen mit Weinanbau.

Keine Ahnung habe er gehabt, was an Arbeit auf sie zukomme, sagt Jan Brinkmann, der inzwischen Chef des Niedersächsischen Weinbauverbands ist. »Wir sind aber froh, es gemacht zu haben.« Auch wenn seiner Kenntnis nach noch kein einziger Winzer in dem Bundesland nur vom Wein leben kann – es tun sich neue Perspektiven auf. Denn regional ist angesagt. Neben Wein bauen die Brinkmanns Hanf an, um daraus Speiseöl zu produzieren.

Hanf und Wein vom Südhang

In der Schweinezucht sieht der Jungbauer immer weniger Zukunft. Er gelte trotz »höchstmöglichen Tierwohlstandards« in seinen Anlagen nach wie vor als Massentierhalter und konkurriere zugleich mit Billigfleisch aus Südamerika. »Bevor ich noch einmal Millionen in die Ställe investiere, kann ich mir eher eine Ausweitung der Reben vorstellen.«

Trauben der Bad Iburger Winzerfamilie auf dem »Teutoburger Südhang«: Auf 1,5 Hektar Fläche wachsen die Reben

Trauben der Bad Iburger Winzerfamilie auf dem »Teutoburger Südhang«: Auf 1,5 Hektar Fläche wachsen die Reben

Foto: Friso Gentsch / picture alliance/dpa

Dass sich Brinkmann überhaupt Gedanken darüber machen kann, liegt am Klimawandel. 2009 wurde großflächiger Weinanbau erstmals in Norddeutschland gestattet. Seither gibt es ihn selbst auf Föhr und Sylt, neuerdings auch auf Rügen. Die Gesamtfläche wächst kontinuierlich. In Niedersachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sind es inzwischen insgesamt 87 Hektar. Das ist winzig im Vergleich zu Süddeutschland. In Rheinhessen, dem größten der 13 deutschen Weinanbaugebiete, sind es laut Statistischem Bundesamt 26.943 Hektar.

In Breinermoor in Ostfriesland, rund 150 Kilometer nördlich von Brinkmanns Hof entfernt, hat sich die erste Winzergenossenschaft Norddeutschlands gegründet. Knapp 50 Hobby-Weinbauern kümmern sich um einen Hektar. Wie alle Kolleginnen und Kollegen im Norden bauen sie »Piwis« an, pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Meist sind es Solaris und Souvignier Gris. Zum Vergleich: In der Winzervereinigung Freyburg-Unstrut bewirtschaften rund 400 Menschen Reben auf gut 400 Hektar.

»Wir hatten schon Anfragen von Winzern aus dem Süden, ob sie bei uns mitmachen können, weil sie sich mit Blick auf den Klimawandel ein zweites Standbein sichern wollen«, sagt der Initiator der ostfriesischen Genossenschaft, Torsten Oltmanns, der hauptberuflich als Unternehmensberater arbeitet. Solange es bei der jetzigen Fläche bleibt, will der Verbund maximal 99 Leute aufnehmen.

Den Genossinnen und Genossen geht es aber nicht nur um den Spaß. Sie haben das »14. Weinanbaugebiet Deutschlands« proklamiert. Auf die Frage, ob das ernst gemeint sei, antwortet Oltmanns: »Ja und nein. Das ist schon unser Ziel, aber eins für die fernere Zukunft.« Tatsächlich dürfte das noch zig Jahre dauern. Denn der »Hype um den nördlichen Wein«, wie Oltmanns die Entwicklung nennt, wird begrenzt durch europäisches und nationales Recht.

EU-Staaten dürfen jedes Jahr maximal ein weiteres Prozent der bestehenden Rebfläche für Neupflanzungen zulassen. In der Bundesrepublik sind es nach deutschem Gesetz bis 2023 höchstens 0,3 Prozent, bundesweit also rund 300 Hektar pro Jahr. Da sich der Zuwachs aber immer auf schon existente Flächen bezieht, profitieren die Südländer stärker. »Daher ist vorerst nicht mit einer größeren Ausweitung der Rebstöcke im Norden zu rechnen«, sagt Ernst Büscher, der Sprecher des Deutschen Weininstituts.

Rosé aus der Holsteinischen Schweiz

Ein ganz anderes Problem ist: Nur ein minimaler Teil der Trauben wird vor Ort gekeltert. Kaum ein Winzer im Norden kann oder will sich Presse, Tanks und Fässer leisten – die Grundausstattung für den Ausbau. Die Allermeisten bringen ihre Früchte sofort nach der Ernte nach Süddeutschland, auch Brinkmann. Weil die Früchte aber nicht am Ort der Ernte zu Wein verarbeitet werden, darf ihre Herkunft nicht vorn auf dem Etikett erwähnt werden. Es darf dort also weder »Teutoburger Südhang«, »Sylt« oder »Rügen« draufstehen, noch nicht einmal »schleswig-holsteinischer Landwein«. Erlaubt ist nur die Bezeichnung »deutscher Wein« – ein Nachteil bei der Vermarktung.

»Die Reben großzuziehen, ist relativ leicht erlernbar«, sagt Steffen James Montigny, »aber alles, was nach der Ernte folgt, ist eine völlig andere Nummer«. Er gehört zu den Pionieren im Norden. Seit 2009 hat er auf zwei Hektar in der Holsteinischen Schweiz Reben stehen, in Altmühlen und in Grebin. Der Winzer weiß von einigen, die wieder ausgestiegen sind, als sie merkten, dass Weinanbau kein Selbstläufer ist.

Montigny selbst karrt seine Trauben aus dem Norden in sein Weingut in Rheinland-Pfalz. Um trotzdem auf die besondere Region zu verweisen, bezeichnet er seinen Weißwein und Rosé aus der Holsteinischen Schweiz plattdeutsch: »So mookt wie dat«, auf gut Deutsch: »So machen wir das.« Wie solide das ist, zeigen Blindverkostungen. »Die Leute sind oft überrascht, wie gut die Weine aus dem Norden sind«, sagt Montigny.

Niedersachsens Landwirtschaftsministerium drückt es etwas zurückhaltender aus: »Es ist nicht auszuschließen, dass auch in Niedersachsen sehr gut bekömmliche Weine produziert werden können«, heißt es dort. Und: »Ob der Weinanbau sich in Niedersachsen als echtes wirtschaftliches Standbein für die Betriebe entwickeln kann, wird die Zukunft zeigen.«

Hinter dem nördlichsten deutschen Ort mit Weinanbau auf Sylt steckt der Rheingauer Spitzenwinzer Christian Ress. Als er auf der Insel anfing, war schnell die Rede von einer Marketingmasche, aber Ress meinte es ernst und blieb. Inzwischen stellt er aus den Sylter Trauben nur noch Sekt her. Sein 2019er »Söl'ring Solaris Extra Brut« erhielt vom Gourmet-Magazin »Falstaff« beachtliche 90 von 100 möglichen Punkten. Ziemlich gut für einen PR-Trick.

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