Weinberg in Serbien: Vom Westbalkan kommen hervorragende Tropfen und Trauben
Weinberg in Serbien: Vom Westbalkan kommen hervorragende Tropfen und Trauben
Foto: Andrea Pistolesi / hemis.fr / laif

Wein-Tipps aus Südosteuropa Hervorragende Tropfen und Trauben, die noch fast niemand kennt

Riesling, Chardonnay und Merlot? Schön und gut – aber ein bisschen mehr Neugier muss schon sein. Diese Rebsorten aus Südosteuropa sollten Sie probieren.
Von Gerald Franz

Deutschlands Winzer verehren den römischen Kaiser Marcus Aurelius Probus bis heute: In Bad Godesberg erinnert eine Probussäule an den »Vater des deutschen Weinbaus«. Die Weine aus dessen Heimat Nordserbien kennt hier allerdings fast niemand. Dabei kommen vom Westbalkan hervorragende Tropfen und Trauben, die es nur dort gibt.

Da wäre zum Beispiel die Sorte Prokupac. Was in dieser spät reifenden roten Traube steckt, hat das Weingut Budimir beeindruckend herausgearbeitet. »Lila« heißt der Wein aus mehr als hundert Jahre alten Reben. Der 2011er präsentiert ein dichtes Bouquet von Backpflaumen, Maulbeeren, Mokka und Rauch. Am Gaumen entfalten sich Aronia und Sauerkirsche. Ein straffes Tanningerüst und untergründige Säure sowie überschaubare 13,5 Prozent Alkohol halten den Wein aus dem Anbaugebiet Župa bestens in Form. Ein eleganter und charakterstarker Roter.

Heimische Rebsorten Tamjanika und Žilavka

Eine weitere Perle des serbischen Weinbaus ist die weiße Rebsorte Tamjanika. Ein klassisches Beispiel mit Aromen von Zitronengras, Kräutern und Litschi kommt ebenfalls vom Weingut Budimir. Wer es etwas aufregender möchte, probiert den MusCat des Weinguts Maurer aus dem nordserbischen Subotica. Oszkar Maurer steht auf Naturweine, hält sich also mit Filtrieren und Schwefeln zurück. Der MusCat ist ein Orange Wine, bei dem die Schalen einige Tage ihre Inhaltsstoffe an den Most abgeben durften. Der 2018er duftet nach Kräutern und Wurzeln und hat eine samtige Konsistenz. Geschmacklich wechseln sich leicht blumige und würzige Muskatnoten ab. Ein außergewöhnlicher, sehr gut gemachter Tamjanika.

Im benachbarten Bosnien-Herzegowina wird ebenfalls Orange Wine gekeltert. Der 2018er Krš Orange aus der autochthonen Rebsorte Žilavka ist leicht und süffig. Erstaunlich angesichts der heißen Sommer in der Herzegowina, in der das Weingut Škegro liegt. Wunderschöne kupferne Reflexe leuchten im Glas, dem ein Duft von Hagebutte, Apfel, Walnuss und etwas Dill entsteigt. Am Gaumen gesellen sich Quitte und getrockneter Apfel hinzu. Wer das zu wild findet, für den macht Winzer Bariša Škegro einen konventionellen Žilavka: den Krš Bijeli. Der sieht aus, wie ein Weißwein normalerweise aussieht. Mit seinen Aromen von Grapefruit, Honigmelone und Kräutern schmeckt der 2019er gleichfalls sehr gut.

Für Freunde schwerer Roter

Freunde des schweren Rotweins werden wahrscheinlich mit der Rebsorte Vranac glücklich. Im ostherzegowinischen Trebinje entsteht im serbisch-orthodoxen Kloster Tvrdoš ein fast schwarzroter Wein, bei dem selbst die am Glasrand herunterlaufenden Tränen rötlich gefärbt sind. Hier wird die Tradition gepflegt. Der 2016er Vranac duftet nach sehr reifer Pflaume, morschem Holz und Kellerboden. Am Gaumen wird es nicht weniger interessant: Holunder, Cassis, aber auch Lorbeer und Baumrinde. Diesen sehr kräftigen, sprichwörtlich mit der Scholle verbundenen Wein muss man ein wenig kühlen, um ihn zu bändigen. Obacht: Auf dem Etikett steht der Name des Weinguts nur in kyrillischen Lettern: Тврдош.

Der Vranac ist in mehreren Ländern des Westbalkans heimisch. Auch das kleine Adrialand Montenegro baut ihn im großen Stil an. Das Weingut Plantaže bewirtschaftet unglaubliche 2300 Hektar: laut Unternehmen der größte zusammenhängende Weinberg Europas. 60 Prozent davon sind mit Vranac bestockt. Aber kann der Wein des aus einem sozialistischen Kombinat hervorgegangenen Massenherstellers was? Der 2015er Vranac Réserve schon. Kirschrot steht er im Glas, duftet intensiv nach Wildkirsche, dunklen Beeren, Röstaromen und Gewürzschrank. Im Mund saftig und sehr stimmig, der durchaus kräftige Alkohol bestens eingebunden.

Wer sich auf die Weine aus den jugoslawischen Nachfolgestaaten einlässt, stößt auf eine dynamische Winzerszene, die sich auf die Rebschätze der Region besinnt und sie neu interpretiert. Kaiser Probus wusste, was er tat!

Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech . 

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