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Wellness in Südtirol: Entspann dich schön

Foto: TIS/SMG Südtirol Marketing

Wellness in Südtirol Baden in radioaktiver Brause

Entspannungsbad in Stutenmilch, Nickerchen im Heu: In Südtirol besinnen sich Hoteliers auf die alten "Badl"-Traditionen. Ätherische Öle und Dämpfe mit Radon, einem leicht radioaktiven Edelgas, sollen Schmerzen lindern und entgiften.

In 2800 Metern Höhe wurde das Gras gemäht, auf dem ich liege. Die getrockneten Gräser, die Blüten und Kräuter kitzeln auf der Haut. Eine Maschine springt an und beginnt zu röcheln. Durch einen Schlauch strömt 38 Grad warmer Wasserdampf, der mein Bett aus Heu befeuchten soll.

Weil die Kosmetikerin Verena zwei Holzbügel über mir ausgebreitet hat, über denen eine dicke Wolldecke liegt, stecke ich nun bis auf den Kopf in einer Art Kammer, die immer heißer wird. Langsam beginnt der Schweiß zu rinnen, das Heu duftet.

Das sogenannte Heubadl ist eine Südtiroler Tradition, die gerade eine Renaissance erlebt. Noch vor einigen Jahren gab es kaum einen Gasthof, der die alte Badegepflogenheit anbot. In den Wellness-Menüs ganz oben standen Lomi-Lomi-Massagen aus Hawaii oder die Behandlung mit heißen Steinen, Hot Stone Massage genannt und schamanistischer Herkunft. Exotik war angesagt bei den Touristen im Land der Lederhosen und Latschenkiefern.

Methoden aus Asien und Übersee bieten die Hoteliers zwar immer noch an, weil "es die Gäste so wünschen", wie Manuel Steinmair sagt, Verenas Chef und der Junior im Hotel Quelle im Gsieser Tal.

Doch seit einiger Zeit besinnt man sich in Italiens Norden auf die eigenen Wellnesserfindungen. "Vor gut fünf Jahren wurde hier die alte Badl-Tradition wiederentdeckt", sagt Steinmair. Nicht nur sein Hotel bietet das Nickerchen in getrocknetem Gras an, das bei mehrfacher Anwendung Linderung von rheumatischen Beschwerden und Muskelverspannungen verspricht. Auch in der benachbarten Natur Residenz Blaslerhof können Gäste das Heubad genießen. Es soll laut der Hotelbroschüre "belebend und entgiftend" wirken, das Immunsystem stärken und bei Problemen des Bewegungsapparats helfen.

Den wohltuenden Effekt entdeckten die Almbauern der Gegend wohl im 17. Jahrhundert, wenn sie sich nach einem Tag harter Arbeit mit schmerzenden Knochen zum Schlafengehen ins Heu legten. Als sie morgens aufwachten, fühlten sie sich erfrischt, sie spürten keine Zipperlein mehr, dafür neuen Tatendrang. Wie man später herausfand, zeigten die ätherischen Öle im Heu ihre Wirkung.

Entschlacken in radioaktiver Brause

"Die Leute schauen auch in Südtirol wieder, was sie Wertvolles haben, das man woanders nicht bekommt", sagt Badl-Expertin Evi Unterkofler.

Sie leitet die Projektgruppe Wasser- und Heubäder am TIS Innovationspark in Bozen, der Unternehmen dabei hilft, in Südtirol neue Dienstleitungen zu etablieren. Dazu zählen auch Molkebäder mit der Milch von Stuten und Latschenkieferbäder, die man traditionell auf heißen Kieferzweigen nimmt, heute aber größtenteils mit Extrakten zubereitet.

Zu den besonderen Wellness-Behandlungen der Region zählen auch Bäder in radioaktiver Brause. Südtirols Erde ist reich an Radon, einem leicht radioaktiven Edelgas. Im Gasthof und Schwefelbad Bad Bergfall im wenige Kilometer entfernten Olang sind es unter anderem Haut- und Atemwegserkrankungen, mit denen die Gäste kommen, sagt Unterkofler.

Wissenschaftlich belegt ist eine heilende Wirkung des Wassers nicht, medizinische Studien gibt es keine. "Wir dürfen nichts versprechen und nicht damit werben, dass es gesund macht", sagt Erika Auchentaller, 75 Jahre alt und so fit, dass sie beim Treppensteigen stets zwei Stufen auf einmal nimmt. Sie besitzt im Hotel Bad Salomonsbrunn im Antholzer Tal die Konzession für eine Quelle, deren mit Radon angereichertes Wasser eine gewisse Strahlung aufweist. "Der Geigerzähler wird narrisch, wenn Sie ihn dran halten", sagt Auchentaller.

Sie badet selbst regelmäßig in dem Wasser, "es wirkt Wunder", wie sie sagt. Hotelgästen berechnet sie 22 Euro pro Wanne, gebadet wird bei 37 Grad Celsius. 20 Minuten lang atmen sie radonhaltige Dämpfe. "Danach müssen Sie doppelt so lange ruhen", empfiehlt Auchentaller, und erst aufstehen, wenn man nicht mehr schwitzt!

Die drängende Frage aber ist: Schadet die Radioaktivität nicht? "Bedenken braucht man nicht zu haben", versichert die Badl-Expertin Unterkofler. Und Auchentaller erläutert: "3,8 Tage braucht Radon, um in Schwermetall zu zerfallen, und das wäre dann sehr ungesund. Vier Stunden nach dem Bad hat man aber kein Radon mehr im Körper." In dieser Zeit tut das Edelgas offenbar nur Gutes. "Das Wasser fördert die Durchblutung, Gifte und Schlacken werden in Bewegung gesetzt, es wirkt schmerzlindernd und abschwellend."

Auch das Heubad im Gsieser Tal fühlt sich gut an. Nach 20 Minuten des Röchelns und Entspannens quietscht die Türklinke. Verena betritt den Behandlungsraum, der im Stil einer Almhütte gestaltet wurde - mit Balken aus Holz und einer Heugabel an der Wand. "Wir geht es Ihnen?", fragt die Kosmetikerin. Dann ein Niesen. Verena hat Heuschnupfen. Dass sie auf das Badl-Heu reagiert, ist aber unwahrscheinlich. Das Heu aus alpinen Höhen gilt als nur wenig allergen. Nach Auskunft von Experten wie Unterkofler könne eine Reaktion jedoch nie ganz ausgeschlossen werden.

Stefan Weißenborn ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte mit Unterstützung des Hotels Quelle.