Foto: Ole Schwarz

Sieger des Social Design Awards 2020 "Wir wollten einen digitalen Pausenhof schaffen"

Im Shutdown ging Direktor Björn Lengwenus täglich mit "Dulsberg Late Night" auf Sendung – um die Gemeinschaft an seiner Schule zu stärken. Dafür hat er jetzt den Jurypreis des Social Design Awards gewonnen.
Ein Interview von Marianne Wellershoff

SPIEGEL: Herr Lengwenus, Sie haben mit Ihrer "Dulsberg Late Night"-Show den Jurypreis des Social Design Award gewonnen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass ein Schulleiter während des Shutdowns eine tägliche Fernsehshow für seine Schülerinnen und Schüler macht?

Lengwenus: Nach einer Woche im Shutdown war klar, dass der digitale Unterricht gut funktioniert. Aber das, was das Herz der Schule ausmacht, das fehlte: das Gefühl, eine große Gemeinschaft zu sein. Höhepunkt des Jahres war immer eine Bühnenshow, in der wir die vergangenen Monate Revue passieren ließen. Da saßen dann die 1600 Schülerinnen und Schüler und alle, die an der Schule arbeiten, in einem großen Hamburger Kinosaal, und die Stimmung war unglaublich toll. Uns ist klar geworden, dass die Schule im Shutdown auch so eine Show braucht. Allerdings jeden Tag.

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Social Design Award 2020

Foto: Stadtteilschule Alter Teichweg Hamburg/ Kulturagenten

SPIEGEL: Um Gemeinschaft zu schaffen, weil sich alle nur digital treffen konnten?

Lengwenus: Ja, genau. Im Unterricht arbeiten wir mit jedem ganz individuell. Aber gleichzeitig sind wir alle Teil des großen Ganzen. Das zeigt auch unser Schulmotto, das "Be Part" lautet, also etwa "Sei dabei". Für uns ist es wichtig, dass wir als Schulgemeinschaft funktionieren. Die Kernidee von "Dulsberg Late Night"  war, einen digitalen Pausenhof zu schaffen.

"Vorbild war die Harald-Schmidt-Show – auch wenn unsere Schülerinnen und Schüler die gar nicht mehr kennen"

SPIEGEL: An welchem Vorbild haben Sie sich damals orientiert?

Lengwenus: An der Harald-Schmidt-Show. Unsere Schülerinnen und Schüler kennen die Show gar nicht mehr, aber wir haben uns gesagt: Wir probieren jetzt einfach aus, ob die darauf anspringen. Dann wurde übers Wochenende in der Aula mit Material aus dem Baumarkt das Studio gebaut, und am Montag, dem 23. März, haben wir um 22 Uhr die erste Folge auf YouTube gestellt.

SPIEGEL: Late-Night-Shows sind Entertainment. Hatten Sie Bedenken, dass Ihre Sendung nicht zur Dramatik der Corona-Pandemie passen könnte?

Lengwenus: Ja, darüber haben wir uns Gedanken gemacht. Unsere erste Sendung wollten wir sehr würdevoll gestalten. Sie sollte nicht unangemessen wirken, wenn man sie sich später anschaut. Man sieht diese Unsicherheit den ersten Shows an. Im Laufe der Zeit wurden wir dann klarer – die Show unterhaltsamer und witziger.

"Die letzte Show war etwas ganz Besonderes, eine echte Ode an die Bildung"

SPIEGEL: Und wie wurden die Shows angenommen?

Lengwenus: Ich habe mir damals gesagt, wenn wir 1600 Klicks haben, dann gehe ich davon aus, dass jeder unserer Schüler und Schülerinnen das gesehen hat. Aber dann hatten die Folgen 3000 oder 5000 Klicks. Die erste Show sogar über 30.000. Ich hatte das Gefühl, dass oft die ganze Familie vor dem Monitor saß. Und jeden Tag haben sie uns Videos für die Sendung geschickt. Das hat uns echt stark gemacht. Uns war wichtig, dass die Kinder in dieser Zeit nicht nur Deutsch, Mathe und Englisch lernen, sondern dass wir sie nicht verlieren. Manche der Familien leben zu sechst in zwei Zimmern, das sind wirklich sehr schwierige Bedingungen.

SPIEGEL: Ihre Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg in Dulsberg liegt in einem sozialen Brennpunkt Hamburgs.

Lengwenus: Ja, von der Vorschule bis zur dreizehnten Klasse haben wir eine ausgesprochen heterogene Schülerschaft. Wir sind auch Eliteschule des Sports mit 300 Hochleistungssportlern aus ganz Norddeutschland, die ihre sportlichen Träume im Olympiastützpunkt verwirklichen. Wir sind Schwerpunktschule Inklusion. Wir haben Vorbereitungsklassen mit Flüchtlingen aus vielen verschiedenen Ländern. Wir sind breit und bunt aufgestellt, und auch deshalb haben wir das Motto "Be Part" gewählt.

SPIEGEL: Und haben Sie Ihre Schülerschaft verloren oder gewonnen mit "Dulsberg Late Night"?

Lengwenus: Gewonnen. Unser Schulmotto, das wir seit vielen Jahren hatten, wurde intensiv und mit Herz gelebt. Und ich werde immer noch von Schülern angesprochen, die mir sagen, wie toll sie es fanden, dass die ganze Schule damals einmal am Tag zusammengekommen ist. Unter E-Mails von Schülerinnen und Schülern oder auch von Eltern steht jetzt oft "Be Part".

SPIEGEL: Waren Sie traurig, als Sie die letzte Show aufgenommen haben?

Lengwenus: Sie war etwas ganz Besonderes, eine echte Ode an die Bildung und die Schule als ganz besonderen Ort. Justus Frantz spielt zum Abschluss auf dem Klavier, wir verabschieden uns formvollendet aus dem Shutdown und Menschen aus aller Welt sagen der Show "Danke". In der letzten Sequenz gehe ich nach diesen sechs Wochen im Shutdown in mein Büro und fange wieder an, am Alltag zu arbeiten. Ich denke, wir haben diesen Übergang ins reale Leben auch für uns selbst inszeniert. Wenn man sich heute die 28 Sendungen anschaut, merkt man, dass sie ein sehr interessantes und intensives Zeitdokument einer sechswöchigen Ausnahmesituation in Deutschland sind.

"Spätestens, wenn ich in Kamera 2 blickte, hatte ich vergessen, was ich sagen wollte"

SPIEGEL: Wenn die Corona-Pandemie nicht eingedämmt wird, haben Sie vielleicht Gelegenheit, eine neue Staffel von "Dulsberg Late Night" zu produzieren.

Lengwenus: Nein, das ist vorbei. Zurzeit drehen die Schülerinnen und Schüler ihre Shows. So soll es doch sein. Ich bin sehr gegen Schulschließungen. Denn es führt immer dazu, dass die Schere in dieser Gesellschaft größer wird zwischen denen, die ein gutes Homeschooling erhalten, weil die Bedingungen dafür da sind, und eben jenen, bei denen es an technischen, räumlichen oder organisatorischen Voraussetzungen fehlt. Aber noch wichtiger, als dass alle gut Mathe, Deutsch oder Englisch lernen, ist, dass das soziale Agieren fehlt, das Miteinander, die Kommunikation, die gemeinsamen Projekte. Und das haben wir im Frühjahr total vermisst.

SPIEGEL: Hat der Fernunterricht denn die Digitalisierung des Unterrichts vorangebracht?

Lengwenus: Ja, wir sind natürlich einen Riesenschritt vorgekommen, was die Konzeption von Onlineunterricht angeht. Im März waren wir da, muss man ehrlicherweise sagen, reingestolpert. Heute haben wir ein neues Konzept, das wir bei Klassen, die jetzt in Quarantäne sind, umsetzen.

SPIEGEL: Sind Sie nach Ihrer Erfahrung als Host von "Dulsberg Late Night" ein unterhaltsamerer Lehrer geworden?

Lengwenus: Es hat mich auf jeden Fall fortgebildet. Ich musste feststellen: Es besteht ein großer Unterschied zwischen der Moderation einer Abitur-Abschlussgala und der Moderation einer Fernsehsendung. Dass die Show so gelungen ist, liegt aber vor allem an meinem Team. Mit unserem Kulturagenten Matthias Vogel und den beiden Filmemachern Ole Schwarz und Martin D'Costa haben wir sämtliche Shows geplant und produziert. Seit acht Jahren begleiten uns die Kulturagenten und sind seitdem die Schnittstelle zwischen Kulturschaffenden und Schule. Die drei haben mir immer die Ansage gemacht, drei Sätze in Kamera 1 zu sprechen, dann in Kamera 2 zu schauen und den nächsten Satz zu sagen und dann zum Abschluss wieder einen Satz in Kamera 1 zu sprechen. Spätestens, wenn ich in Kamera 2 blickte, hatte ich vergessen, was ich sagen wollte. Aber wenn ich heute mit den Schülern über YouTuber diskutiere, dann ist klar, dass ich jedenfalls weiß, wovon ich spreche.

Die Jury des Social Design Awards, der jedes Jahr gemeinsam von SPIEGEL WISSEN und Bauhaus verliehen wird, kürte "Dulsberg Late Night" zum Sieger. Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von 2500 Euro verbunden. Ebenfalls 2500 Euro erhält das Projekt, das die Leserinnen und Leser zu ihrem Favoriten wählten: "Mein Papa kommt, meine Mama kommt"  vermittelt Schlafplätze für Eltern, die ihre getrennt lebenden Kinder in einer anderen Stadt besuchen. Der Sonderpreis von Bauhaus ging an das Nachhaltigkeits- und Inklusionsprojekt "Das Geld hängt an den Bäumen" . Hier wurden Arbeitsplätze geschaffen, indem Äpfel aus Streuobstwiesen und Privatgärten abgeerntet und zu Saft gepresst werden. Mehr über die Gewinner erfahren Sie im Video zur Preisverleihung.

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