Foto: Alexei Druzhinin / dpa

Winterurlaub mit Wladimir Putin Der Mann von Wald

Pistengaudi und Jägerromantik: Es gibt neue Propagandafotos aus dem Kreml. Sie zeigen den russischen Präsidenten beim Arbeitsurlaub in Sibirien. Eine Stilkritik.
Von Philipp Löwe

Die Google-Suche nach »Naturbursche« liefert neben einem Foto eines Gitarren-Hippies und dem eines Axt-Mannes auch eines von Wladimir Putin – barbrüstig, mit Hut auf dem Kopf und Fisch am Haken. Der russische Präsident, das ist bekannt, inszeniert sich gern als Mann von Wald. Es gibt Bilder von ihm, wie er seinen Judoka-Körper auf einem Pferd zur Schau trägt, beim Untersuchen eines (betäubten) Tigers, oder wie er – wieder oben ohne – mit Gewehr in der Hand durch die Tundra streift.

Auch die Meere schrecken ihn nicht, dieser Mann ist mit allen Wassern gewaschen. Er wurde schon auf Schlauchbooten gesichtet, am Steuer eines U-Bootes, und einmal kehrte er von einem Tauchgang im Asowschen Meer mit zwei Amphoren zurück. Das Bild war echt, der Sensationsfund allerdings nicht. Apropos. Es gibt auch ein Foto von Putin auf dem Rücken eines Bären, aber das ist – als einziges in dieser Aufzählung – eine Fälschung.

Wladimir Putin bei seinem Wochenendausflug in die sibirische Taiga

Wladimir Putin bei seinem Wochenendausflug in die sibirische Taiga

Foto: Alexei Druzhinin / dpa

Höchst authentisch – zumindest, was die Begebenheit anbelangt – sind die neuesten Bilder aus der russischen Traumfabrik. Der Kreml selbst hat sie Anfang der Woche veröffentlicht. Sie zeigen den Wald- und Flurpräsidenten in der Taiga hinten links durch den sibirischen Schnee stapfen. Auf manchen hat er seinen Verteidigungsminister Sergei Shoigu im Schlepptau.

Andere Fotos aus der Serie zeigen das russische Powercouple im Partnerlook bei der Pistengaudi in einem Schneefahrzeug, Putin natürlich am Steuer; sie wurden beobachtet beim Betrachten irgendwelcher Wurzelhölzer in einer Werkstatt und beim Picknicken an einer hübsch gedeckten Tafel mit schneeweißem Tischtuch und reichlich Fleisch darauf. Getrunken wird aus Thermotassen, aber es stehen auch Gläschen auf dem Tisch, allerdings leer. Fragt sich, ob hier der Wodka fehlt, und ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist?

Platz da, hier kommen wir

Platz da, hier kommen wir

Foto: Alexei Druzhinin / AP

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung und das Casting für diese Fotoproduktion sind natürlich kein Zufall. Das ist Propaganda nie. Die Bilder können als Reaktion auf die zuletzt deutlichen Worte aus den USA gedeutet werden. Seitdem dort nicht mehr Traumkandidat Trump residiert, sondern Joe Biden, ist das Verhältnis zu Washington nämlich so tiefgefroren wie Permafrost. Der neue US-Präsident nannte Putin kürzlich indirekt einen Mörder .

Winterluft macht hungrig

Winterluft macht hungrig

Foto: Alexei Druzhinin / dpa

Diese russische Landlust-Romantik mag für uns erheiternd sein, für uns sind sie aber auch nicht inszeniert worden. Diese Fotos sind vor allem für Putins Fanbase in der Heimat gedacht. Ein Land, das zu weiten Teilen nicht aussieht wie Moskau oder Sankt Petersburg und in dem es sicher nicht wenige gibt, die zwar durchschauen, was hier gespielt wird, den vorgetäuschten Lebensstil im Prinzip aber nicht schlecht finden. So naturverbunden und bescheiden.

Unschuldslammfell statt Kronenzobel

Unschuldslammfell statt Kronenzobel

Foto: Alexei Druzhinin / dpa

Denn es fällt zum Beispiel auf, dass der vorgeführte Kompletlook aus Lammfell besteht. Absolut keine schlechte Wahl bei tiefen Temperaturen, doch traditionell ist Pelz vorgesehen für Russlands Herrscher. Aus Sibirien – das übrigens durch die Jagd auf Pelztiere erobert wurde – mussten früher regelmäßig die schönsten Zobelfelle an den Zaren abgeliefert werden als Tribut für die russische Krone.

Auch wenn seine herrschende Klasse sich teilweise so aufführt, Russland ist offiziell kein Königreich mehr. Das könnte erklären, warum der Kronenzobel diesmal zu Hause bleiben musste. Vermutlich hängt er in jenem Palast  mit den italienischen Luxus-Klobürsten für 700 Euro das Stück, der Putin zugeschrieben wird  und auch nicht so recht zu einem Rechtsstaat passt. Außerdem weckt Zobel keine Assoziationen zum Unschuldslamm, das der russische Präsident bekanntlich gern gibt – Stichwort Polonium, Stichwort Nowitschok .

Die Figur des Wanderers ist ein Klassiker der Romantik. Sie steht für Natursehnsucht, Freiheit und Abenteuerlust, kann aber auch Isolation und soziale Kälte vermitteln. In der bildenden Kunst wird er – meist sind es Männer – in der Regel von hinten gezeigt. Das bekannteste Beispiel für ein solches Rückenbild dürfte Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer sein. Dieser Schulterblick wird auch bei Instagram häufig geboten. Hier wäre er jedoch fehl am Platz gewesen. Denn es geht weder um den Weg noch um die Natur. Es geht einzig um Putin.

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