Kultspiel Was wurde eigentlich aus »Scotland Yard«?

Lieblingsspiele aus der Kindheit hervorzukramen, ist immer eine heikle Sache. Waren die damals wirklich so gut? Sind sie es heute noch? Wir haben es mit dem Spieleklassiker »Scotland Yard« ausprobiert.
Eine ältere Ausgabe von »Scotland Yard«

Eine ältere Ausgabe von »Scotland Yard«

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Diana Doert / DER SPIEGEL

»Scotland Yard«

Worum ging's noch mal?

Wir schlüpfen in die Rollen von Scotland Yards besten Ermittlern und jagen quer durch London dem mysteriösen Verbrecher Mister X hinterher. Alles, was wir dazu brauchen, sind ein paar Taxischeine, Tickets für den öffentlichen Nahverkehr und ein Stadtplan.

»Scotland Yard«-Schachtel, früher (l.) und heute
»Scotland Yard«-Schachtel, früher (l.) und heute

»Scotland Yard«-Schachtel, früher (l.) und heute

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Diana Doert / DER SPIEGEL

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Diana Doert / DER SPIEGEL

Der Stadtplan – das Spielbrett – ist die Grundlage für unsere Verbrecherjagd. Darauf befinden sich zahlreiche nummerierte Stationen für Bus, Taxi und U-Bahn. Sie sind farblich gekennzeichnet, sodass man sofort sieht, mit welchen Verkehrsmitteln man hier fahren kann.

Zu Beginn ziehen alle Ermittler offen und Mister X verdeckt einen Standort, dann geht die wilde Jagd auch schon los. Ziel ist es, den Verbrecher binnen 24 Zügen zu erwischen. Schaffen die Spieler:innen das nicht, hat Mister X gewonnen. Ganz im Trüben fischen müssen die Detektive dabei nicht, denn alle paar Züge muss sich der Gesuchte auf dem Spielplan zeigen. Dann geht die Jagd weiter.

Ein alter (l.) und der aktuelle Spielplan von »Scotland Yard«
Ein alter (l.) und der aktuelle Spielplan von »Scotland Yard«

Ein alter (l.) und der aktuelle Spielplan von »Scotland Yard«

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Diana Doert / DER SPIEGEL

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Diana Doert / DER SPIEGEL

Taugt das heute noch?

»Scotland Yard« wird im kommenden Jahr 40 Jahre alt. Mister X ist immer noch auf der Flucht, und das macht zu meiner großen Freude immer noch wahnsinnig viel Spaß. Man kann auch heute noch ganz wunderbar über die Züge des flüchtigen Verbrechers spekulieren und fachsimpeln, was der beste Weg sein könnte, ihn einzukreisen, um dann quer durch London zu düsen.

Klar, die Möglichkeiten sind begrenzt, das Spiel ist nicht tiefsinnig strategisch. Aber das gemeinsame Kombinieren, das gespannte Warten, wenn der Schurke sich nach ein paar Zügen wieder zeigen muss, das alles ist immer noch ein großer Spaß. Ein wenig wurde auch an den Regeln geschraubt. So werden bei weniger als vier Detektiven die übrigen Spielfiguren automatisch zu Bobbys, die keine eigenen Tickets benötigen. Das macht sie gegen Spielende deutlich flexibler und für Mister X gefährlich.

Ravensburger; 2–6 Spieler:innen; ab 8 Jahren; Autor: Michael Schacht, Projekt Team III

Für alle, die nicht genug von der Verbrecherjagd bekommen, aber ein bisschen Abwechslung wollen, gibt es noch ein paar Spiele, die »Scotland Yard« Konkurrenz machen können. Hier kommt unsere Auswahl:

»Mister Jack«

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Diana Doert / DER SPIEGEL

Worum geht's?

Bleiben wir doch einfach in London und drehen die Zeit ein wenig zurück. Niemand Geringerer als Jack the Ripper treibt sein Unwesen und Inspektor Abberline in den Wahnsinn. Wieder haben wir einen Stadtplan als Spielfeld. Allerdings wird hier kein Standort gesucht, sondern die Identität von Jack the Ripper.

Auf dem Stadtplan tummeln sich nicht nur die acht Verdächtigen, sondern Gullideckel weisen den Weg in die Kanalisation und Straßenlampen erschweren dem Täter die Flucht. Nachdem sich die Spieler verständigt haben, wer Mr. Jack und wer den Inspektor spielt, zieht Mr. Jack geheim seine Identität, indem er zufällig eine der Alibikarten wählt.

Über acht Runden versucht Mr. Jack nun, entweder über einen der vier Stadtausgänge zu fliehen oder bis zum Spielende unentdeckt zu bleiben. Damit ihm das nicht zu leicht gemacht wird, muss er nach jeder Runde Farbe bekennen und dem Inspektor mitteilen, ob er »sichtbar« ist, also neben einer anderen Person oder Laterne steht, oder »unsichtbar«. So kann der Inspektor durch geschicktes Ziehen der Figuren Runde für Runde immer mehr Verdächtige von seiner Liste streichen und dem Gesuchten auf die Pelle rücken.

Damit das so richtig verzwickt wird, haben alle Figuren Spezialfähigkeiten. So kann Watson mithilfe seiner Taschenlampe Verdächtige »sichtbar« machen, während Sherlock Holmes einen Verdächtigen durch Aufdecken einer Alibikarte ausschließen kann. Will der Inspektor Mr. Jack verhaften, muss er eine Spielfigur auf das Spielfeld des Verdächtigen ziehen und Anklage erheben. Sollte der Angeklagte sich als unschuldig erweisen, hat Jack the Ripper einmal mehr gewonnen.

Taugt das was?

Es gibt nur wenige Zwei-Personen-Spiele, die es häufiger auf unseren Spieltisch geschafft haben als »Mr. Jack«, und es bleibt selten bei nur einer Partie. Sobald man nach ein, zwei Runden die Spezialfähigkeiten der Figuren draufhat, gewinnt das Spiel an strategischer Tiefe. Dabei dauert eine Partie nie so lange, dass nicht noch Zeit für eine Revanche wäre.

Hurricane; 2 Spieler:innen; ab 9 Jahren; Autoren: Bruna Cathala und Ludovic Maublanc

»Deception – Murder in Hongkong«

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Diana Doert / DER SPIEGEL

Worum geht's?

Tja, also, wir haben einen Mord begangen. Das ist dumm gelaufen. Immerhin sind wir bei der Mordkommission, und da würden wir auch gern bis zur Pensionierung bleiben. Also gilt es, jetzt völlig unmoralisch die Tat zu vertuschen und alles abzustreiten. Vielleicht verdächtigen wir einfach jemand anderen? Es wird nicht leicht, damit durchzukommen, denn unsere Kollegen sind ziemlich misstrauisch.

Zu Beginn des Spiels werden die Rollen verteilt. Der Job in der Forensik, gleichzeitig die Spielleitung, wird offen übergeben, die Rollen der Ermittler und des Mörders geheim verteilt. Jeder bekommt nun vier Indizien- und vier Tatwaffenkarten. Für die Spielleitung werden Hinweistafeln mit passenden Begriffen zu Themen wie »Tatort« oder »Todesursache« und weitere mögliche Tipps für die Ermittler offen ausgelegt.

Geheim teilt jetzt der Mörder der Spielleitung durch stummes Zeigen auf die Karten mit, welche Tatwaffe und welches Indiz zur Tat gehören. Damit die Ermittler am Tisch überhaupt eine Chance haben, den Täter oder die Täterin dingfest zu machen, markiert die Spielleitung für alle sichtbar passende Begriffe auf den Hinweistafeln. Am Ende jeder Runde müssen alle ihre Vermutung zu Täter und Tathergang erklären. Wenn die Ermittler die Tat nach drei Runden voller Verdächtigungen nicht einwandfrei nachweisen können, steht der Pensionierung nichts mehr im Wege.

Taugt das was?

Für alle, die lieber assoziieren und taktieren und andere gern in die Irre führen, ist »Deception – Murder in Hongkong« genau das richtige Spiel. Keine langen Fälle, kein umständliches Beraten und Gemeinsame-Entscheidungen-Treffen, hier gehen die Ermittlungen zügig über die Bühne. Außerdem funktioniert das Spiel ausgezeichnet mit größeren Gruppen, gerade weil es so schnell geht. Durch die Masse an Karten für Indizien und Tatwerkzeuge ist kein Fall gleich, so wird das Spiel nicht langweilig.

Jolly Thinkers; 4–12 Spieler:innen; ab 14 Jahren; Autor: Tobey Ho

»Sherlock Holmes Beratender Detektiv«

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Diana Doert / DER SPIEGEL

Worum geht’s?

Wir sind auf der Karriereleiter definitiv ein Stück weiter oben angekommen: Als Sherlock Holmes berühmte »Baker-Street-Spezialeinheit« helfen wir dem legendären Ermittler bei der Aufklärung seiner Fälle. Na schön, vielleicht sind wir »nur« Straßenkinder im schmuddeligen London des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dafür sind wir immer bestens informiert und können uns überall Zugang verschaffen.

Wieder gibt es einen Stadtplan von London, dazu die aktuelle Tageszeitung, ein gut gefülltes Adressbuch und die Akte zum Fall. Vielleicht noch Papier und Stift, aber mehr braucht es gar nicht, um sich mit dem berühmten Sherlock Holmes zu messen.

Gemeinsam lesen wir die Akte und entscheiden dann, mit wem wir zuerst sprechen wollen. Mithilfe des Adressbuchs ziehen wir los und sammeln bei Zeugen und Experten Aussagen und Informationen ein. Glauben wir, genug zu wissen, dass wir den Fall lösen können, beantworten wir die dazugehörigen Fragen. Am Ende können wir unser Ergebnis mit dem des berühmten Detektivs vergleichen.

Taugt das was?

Man sieht und merkt es dem Spiel nicht an, aber tatsächlich ist es ein ganzes Jahr älter als »Scotland Yard« und feiert schon in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum mit einer gelungenen Neuauflage. Hier passt alles: das Spielmaterial, die Mechanik, die Fälle und die Illustrationen. Gemeinsam wird beraten, entschieden und dann im weiteren Verlauf der Story mitgefiebert. Am Ende ist man fast nie so gut wie der Meisterdetektiv, aber man hatte auf jeden Fall eine Menge Spielspaß beim Lösen der zehn Fälle.

Space Cowboys; 1–8 Spieler:innen; ab 14 Jahren; Autoren: Gary Grady, Suzanne Goldberg und Raymond Edwards