Knochenschall-Kopfhörer im Test Viel um die Ohren

Musik hören und doch mitbekommen, was um einen herum passiert: Sogenannte Knochenschall-Kopfhörer sollen das ermöglichen. Die Stiftung Warentest hat drei Geräte getestet – mit ernüchterndem Ergebnis.
Immer ein offenes Ohr: Knochenschall-Kopfhörer übertragen Musik über die Gesichtsknochen – die Ohren bleiben frei.

Immer ein offenes Ohr: Knochenschall-Kopfhörer übertragen Musik über die Gesichtsknochen – die Ohren bleiben frei.

Foto: Shokz

Der große Vorteil von Knochenschall-Kopfhörern ist wohl, dass die eigentlichen Töne zur Nebensache werden. Denn anders als bei herkömmlichen Modellen sitzt der Kopfhörer nicht im oder auf dem Ohr, sondern um das Ohr herum. Musik lässt sich also problemlos hören, beim Joggen, bei der Gartenarbeit, im Straßenverkehr. Aber genauso vorbeifahrende Autos, grüßende Nachbarn und Durchsagen in der U-Bahn.

Bei klassischen Kopfhörern wird der Schall über den Gehörgang auf das Trommelfell gerichtet. Anders die Knochenschall-Geräte: Ihre Schallwandler erzeugen Vibrationen, die von den Wangenknochen an das Innenohr und von dort final an das Gehirn geleitet werden – sie umgehen das Trommelfell. Die Schwingungen des Schalls werden nicht über die Luft übertragen, sondern über die Schädelknochen.

Einige Pluspunkte, eine große Schwäche

Die Profitester der Stiftung Warentest haben drei solcher Geräte geprüft :

  • den Philips TAA6606 für 108 Euro

Sowie zwei Modelle des amerikanischen Anbieters Shokz, der auf Knochenschallkopfhörer spezialisiert ist:

  • den Shokz OpenMove für 89 Euro

  • und den Shokz OpenRun Pro für 189 Euro.

Bei allen Geräten handelt es sich um kabellose Bluetooth-Kopfhörer mit Ohrbügeln, die auch beim Sport noch fest am Kopf sitzen sollen.

Das ernüchternde Fazit: So richtig überzeugen kann keines der drei Modelle. Dass die Tester mit den Kopfhörern so hart ins Gericht gehen, liegt vor allem am Klang: Die Bässe sind schwach, denn sie werden über Haut und Knochen weniger gut übertragen als über den Gehörgang.

Im Test zeigt sich aber auch, wo die Vorteile der Knochenschall-Technik liegen – und für wen sie geeignet ist: Weil sie, anders als In-Ohr-Kopfhörer, keinen Druck im Ohr erzeugen, können sie Viel-Hörern den Alltag erleichtern.

Umgebungsgeräusche übertönen sie bei normaler Lautstärke nicht und sorgen so für mehr Sicherheit, etwa beim Musikhören auf dem Fahrrad. Zudem staut sich im Sommer oder beim Sport keine Hitze am Ohr an, ganz im Gegensatz vor allem zu ohrumschließenden Kopfhörern.

Für Menschen, die etwa zu Mittelohr- oder Trommelfellentzündungen neigen, könnte die Klangerfahrung ebenfalls angenehmer sein. Denn: Außen- und Mittelohr werden bei der Klangübertragung umgangen und nicht gereizt.

Die Modelle im Direktvergleich

Der Testsieger ist – mit der Gesamtnote 3,1 – der OpenRun Pro von Shokz: Für 189 Euro bekommt man guten Tragekomfort und eine sehr gute Akkulaufzeit von mehr als zehn Stunden. Aber auch hier wurde der Klang nur als »ausreichend« bewertet. Zwar klingen die OpenRun Pro noch am besten, doch das Klangbild ist den Testern zufolge dumpf und dünn, bietet kaum Bässe.

Dahinter folgt das Shokz-Modell OpenMove. Mit einem Preis von 89 Euro sind die zwar günstiger, mit einer Gesamtnote von 3,4 aber kaum schlechter bewertet als die teureren Testsieger. Auch hier ist die Klangqualität der Knackpunkt. Laut Stiftung Warentest klingen die OpenMove-Kopfhörer »insgesamt flach, nicht so dynamisch und noch dumpfer« als die OpenRun Pro. Dafür überzeuge der Tragekomfort und der Akku hielt im Test mehr als dreizehn Stunden lang durch. Zum Telefonieren am Handy sind den Testern zufolge zwar beide Shokz-Kopfhörer geeignet, als Headset im Homeoffice sind sie aber nur eingeschränkt nutzbar. Die Anrufqualität leidet unter der Lautstärke von Umgebungsgeräuschen wie rasenmähenden Nachbarn oder quasselnden Kindern.

Mit der Gesamtnote 3,8 schneidet der Philips TAA6606 am schlechtesten ab: Im Test wird ihm ein schlecht ausbalancierter Klang attestiert. Der Basspegel sei niedrig, die Bässe verzerrt, so das Fazit der Profitester.

Beim Tragekomfort schneiden die Philips-Kopfhörer nur mittelmäßig ab, der Akku hält knapp acht Stunden – im Vergleich am kürzesten. Auch beim Telefonieren überzeugen die TAA6606 nicht: Während ein Anruf in ruhiger Umgebung laut Stiftung Warentest immerhin noch passabel funktioniert, ist die Stimme des Gesprächspartners in lauter Umgebung kaum zu verstehen. Ähnlich wie die Shokz-Modelle eignet sich der TAA6606 je nach Umgebungsgeräuschen deshalb nur eingeschränkt für die Arbeit von zu Hause.

Sicherheit vs. Klang

Bedienen lassen sich alle drei Geräte sowohl vom Handy aus als auch über Tasten am Gerät, etwa um die Lautstärke einzustellen und zwischen Musiktiteln zu springen. Wasser können ebenfalls alle getesteten Modelle ab, in Maßen: Die beiden Geräte von Shokz sind gegen Strahlwasser und Staub geschützt, das von Philipps ebenfalls gegen Staub und zeitweiliges Untertauchen.

Fazit: Sicherheit ist wohl der große Pluspunkt von Knochenschall-Kopfhörern: Anders als bei klassischen Geräten wird die Außenwelt nicht ausgeblendet, sondern ganz bewusst in die Klangerfahrung miteinbezogen. So kann man etwa beim Radfahren trotz Musik noch mitbekommen, wenn sich von hinten ein Fahrzeug nähert. Wer jedoch Wert auf guten Klang legt, sollte lieber auf herkömmliche Kopfhörer zurückgreifen.

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