Microsofts Surface Earbuds im Test Alles andere als AirPods

Sieben Monate nach der Ankündigung hat Microsoft seine ersten In-Ohr-Kopfhörer auf den Markt gebracht. Der Test zeigt, dass sie sich nicht nur beim Design stark von der Konkurrenz unterscheiden.
Die Surface Earbuds in ihrer Ladebox: Schön anzusehen, schwer rauszukriegen

Die Surface Earbuds in ihrer Ladebox: Schön anzusehen, schwer rauszukriegen

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Microsofts Hardwareentwickler schaffen es seit Jahren, sich von gängigen Trends abzukoppeln und vollkommen eigenständige, eindeutig als von Microsoft erkennbare Produkte zu entwickeln. Die neue Earbuds sind das perfekte Beispiel dafür. Während die meisten In-Ear-Headsets derzeit entweder irgendwie klumpig aussehen oder Apples AirPods nacheifern, wirken die von Microsoft nach außen hin fast schon wie Ohrschmuck, denn im besten Fall erscheinen sie für Beobachter einfach wie runde Platten, fast wie Ohrringe, nur eben im Ohr, nicht darunter.

Wie es sich für gutes Design gehört, sind diese flachen Außenplatten nicht nur optisches Gimmick, sondern haben einen praktischen Nutzen, denn über sie lassen sich die Kopfhörer steuern. Links kann man per Fingerwisch Songs überspringen oder zurückspulen, rechts die Lautstärke regeln. Das klappte im Test nicht immer zu 100 Prozent zufriedenstellend, aber das mag auch am Tester liegen.

Erkennt man auf den ersten Blick: Microsofts Surface Earbuds könnten auch als Schmuck durchgehen

Erkennt man auf den ersten Blick: Microsofts Surface Earbuds könnten auch als Schmuck durchgehen

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Beide Seiten können zudem als Start-Stopp-Tasten und zum Aufruf des jeweiligen digitalen Assistenten dienen. Womit auch gleich gesagt wäre, dass die Earbuds gleichermaßen mit iPhones und Android-Handys funktionieren. Und natürlich mit Tablets und PCs.

Auf Windows-Geräten bieten sie zudem noch Zusatzfunktionen wie die Möglichkeit, Powerpoint-Präsentationen per Fingerwisch am Ohr zu steuern oder Texte direkt in Microsofts Office-Programme zu diktieren. Das klappte beim Test auf einem Surface-Tablet auch ziemlich gut. Allerdings mit dem skurrilen Fehler, dass die Software ein als Satzzeichen gesprochenes Komma stets als "Comma" ausschrieb während sie den Begriff Komma korrekt mit dem Wort "Komma" interpretierte. Mit anderen Satzzeichen gab es solche Probleme nicht.

Die Surface-App für Windows ist für Earbuds-Nutzer wichtig, weil man über sie Updates auf Ohrhörern und Ladebox installiert

Die Surface-App für Windows ist für Earbuds-Nutzer wichtig, weil man über sie Updates auf Ohrhörern und Ladebox installiert

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Links-Rechts-Kontrolle 

Die Ohrpassstücke mögen auf den ersten Blick identisch aussehen, sind für linkes und rechtes Ohr aber vollkommen unterschiedlich geformt. Das merkt man spätestens, wenn man versucht, sie seitenverkehrt in ihre Ladebox zu stecken und dabei scheitert.

Die Wahl des richtigen Passstücks für linkes und rechtes Ohr, drei Größen werden mitgeliefert, ist enorm wichtig. Wählt man die falsche Größe, sitzen die Earbuds nicht fest genug und können aus den Ohren fallen.

Doch erstmal muss man sie in die Ladebox hineinbekommen, was etwas Feingefühl erfordert. Die beiden Ohrhörer sitzen so tief im Ladegehäuse, dass sie fast, aber eben nur fast, mit dessen Oberseite abschließen. Um sie herauszubekommen, muss man entweder lange Fingernägel haben oder den etwa einen Millimeter überstehenden Rand mit der Fingerkuppe zu fassen kriegen und sie rauspulen. Man kann auch versuchen, sie einfach herauszuschütteln. Eingesetzt werden sie dann mit einer Drehbewegung, sodass sie fest sitzen.

Sound ohne Silence 

Reichlich ungewöhnlich ist, dass Microsofts neue Ohrhörer auf geräuschmindernde Maßnahmen verzichten. Bei anderen Herstellern, so wie Apple, Samsung und Huawei, ist es gerade das große Thema, wessen In-Ears die Außenwelt am besten abschotten. Ganz anders Microsoft, die keine aktive und nicht einmal eine passive Geräuschisolation haben. Im Flugzeug oder einem lauten Zug hat man daher nur die Chance, Außengeräusche mit hoher Lautstärke wegzudröhnen. Auf Dauer keine sinnvolle Option.

Aber man kann das auch positiv sehen. Im Homeoffice beispielsweise fiel es mir nicht schwer, die Surface Earbuds stundenlang in den Ohren zu behalten, sie mal für Videokonferenzen, mal zum Telefonieren und zwischendurch zum Musikhören zu benutzen. Anders als bei vielen anderen Headsets fühlte ich mich dabei akustisch kaum von der übrigen Welt abgeschottet, bekam es immer noch mit, wenn der Postbote klingelte oder ein Familienmitglied nach mir rief. Wichtiger noch sind die Vorteile im Straßenverkehr, etwa, wenn man beim Joggen Musik hört und trotzdem noch bemerkt, wenn sich von hinten ein Auto nähert.

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Der Nachteil dieser akustischen Offenheit ist, dass die Surface Earbuds nur in Ruhe wirklich gut klingen. Unterwegs wird viel vom eigentlich guten Grundsound der Kopfhörer von Außengeräuschen verdrängt. Da hilft es auch nicht, dass sie einen eher mittenbetonten Klang haben. Den fetten Synthesizerbass im Refrain von Muses "Follow Me" etwa, geben sie zwar ordentlich laut, aber wenig druckvoll zu Gehör. Dafür glänzen sie klanglich in Songs wie "Dues" von Grand Funk Railroad, in dem sie die räumliche Verteilung der Instrumente gut wiedergeben und die übrigen Instrumente der Band gegen das fast durchgängige Zischen der halboffen gespielten Hi-Hat transparent hörbar machen.

Fazit 

Mit den Surface Earbuds hat Microsoft vieles richtig gemacht: Sie sind einfach zu bedienen, haben Funktionen, die andere nicht bieten und sind mindestens ebenso eindeutig erkennbar wie Apples Airpods. Klanglich muss man dafür ein paar Abstriche hinnehmen und bereit sein auf eine Geräuschunterdrückung zu verzichten, und auch eine kabellose Ladefunktion fehlt. Gut, dass die Surface Earbuds bis zu acht Stunden pro Ladung durchhalten. 

Den Preis von 220 Euro, immerhin gut 40 Euro mehr als ein paar AirPods kostet, ist angesichts dieser Gemengelage als mindestens selbstbewusst zu betrachten.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort