Funksender "Tile" im Test Bei mir piept's, ich vergesse nichts mehr

Mein Türschlüssel hört aufs Wort, mein Portemonnaie schreit, wenn ich es allein zurücklasse. Auch verlegte Fernbedienungen sind Vergangenheit – doch das hat seinen Preis.
Foto: Ole Reißmann/ DER SPIEGEL

Wo ist der Schlüssel, die Fernbedienung, das Portemonnaie? Wer regelmäßig in tiefen Beuteln kramt, dunkle Ecken befühlt und Räume abschreitet, wer suchend Stunden vergeudet, gehört zur Zielgruppe von Bluetooth-Trackern. Das sind kleine Funksender, man befestigt sie an alle möglichen Gegenständen, sie halten dann Kontakt zum Handy. Über eine App kann man die Sender klingeln lassen. Und das ist nur die einfachste Funktion.

Klappt das? Ist jetzt Schluss mit der eigenen Schusseligkeit oder familiär induziertem Chaos, mit ständigen Verspätungen und unterm Bett versehentlich eingeatmeten Wollmäusen? Ich habe es ausprobiert.

An meinem Schlüsselbund baumelt ein Plastikquadrat, etwa vier mal vier Zentimeter. Ein "Tile", der stumm vor sich hin funkt, auf dass mein Handy die Bluetooth-Signale erhört. Ich frage Alexa oder Google Home, wo mein Schlüssel ist – der smarte Assistent reicht der App auf dem Handy den Suchbefehl weiter, das Tile antwortet: Bei mir piept's.

Foto: Ole Reißmann/ DER SPIEGEL

In meinem Portemonnaie steckt ein Tile von der Größe einer Bankkarte, nur doppelt so dick. Auch dieser Sender funkt in regelmäßigen Abständen. Merkt die App auf dem Handy, dass sich der Sender außerhalb der Reichweite befindet, schlägt sie Alarm – und pusht mich mit einer Nachricht an: Anscheinend haben Sie ihr Zuhause ohne Brieftasche verlassen. Stimmt, danke für den Hinweis!

Was man nicht im Kopf hat, hat man im nRF52810 Bluetooth Low Energy System-on-Chip

Die App merkt sich, an welchem Ort das Handy von einem Sender ein Signal empfangen hat und setzt eine Markierung auf eine Karte. So lässt sich checken, wo Handy und gesuchter Gegenstand zuletzt dicht beieinander waren. Das ist praktisch. Zugriff auf diese Infos gibt es nur über die App, nicht über eine Website – je nach Sichtweise eine fehlende Funktion oder eine Maßnahme für mehr Sicherheit.

Damit Tile so funktioniert, muss die App meinen Standort kennen. Am besten auch noch Zugriff auf Fitness- und Bewegungsdaten bekommen, damit keine Fehlalarme losgehen – je besser und unauffälliger sich die Technik in den Alltag integrieren soll, desto mehr muss sie mich kennen.

Die Reichweite der Sender beträgt je nach Modell zwischen 46 und 122 Metern, sagt der Hersteller, etwa ein Fußballfeld. Das aber nur unter optimalen Bedingungen: Herumstehende Menschen oder die eigenen vier Wände schränken die Reichweite ein. Aufgefallen ist mir das bei meinem Versuch nicht – ich habe weder ein großes Grundstück noch eine mehrstöckige Villa.

Ein Jahr soll die Batterie der Schlüsselanhänger-Sender (25-35 Euro) halten, danach kann man die Knopfzelle tauschen. In die Kartenversion, genannt "Slim" (30 Euro), und einen daumennagelgroßen Sender namens "Sticker" (zwei für 40 Euro) sind die Batterien fest eingebaut. Sie sollen drei Jahre funken. Dann muss Ersatz her.

Community-Glücksgefühl verloren

Als Tile-Nutzer bin ich nicht einfach nur Kunde, ich soll mich als Teil einer Community fühlen. Wir helfen uns gegenseitig: Hat man einen Gegenstand verloren, der mit einem Sender ausgestattet ist, kann man ihn in der App als verloren melden. Kommt irgendjemand mit der Tile-App vorbei, bekomme ich den Standort aufs Handy. "Community-Suche" heißt diese Funktion.

Ich befestige einen Sender an meinem Fahrrad, stelle es in der Hamburger Innenstadt ab, in der Nähe des Rathauses, und melde es in der App als verloren. 20 Minuten später bekomme ich Bescheid: Hier die Adresse, jemand ist an meinem Fahrrad vorbeigekommen. Ich will dieses Community-Glücksgefühl wiederholen, klebe einen Sender unter eine Bank in der Hafencity und warte. Tagelang passiert nichts.

Wo ist die Community? Angaben über die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland macht Tile nicht. Die App zeigt mir aber an, dass in meiner "Nähe" rund 650 Mitglieder sind. Das Gebiet umfasst allerdings einen Großteil Hamburgs. In München, sehe ich auf einem Screenshot, sollen es doppelt so viele Mitglieder sein.

Vergesslichkeit kostet, so oder so

Wir helfen uns mit unseren Apps und Handys gegenseitig beim Finden, der Gedanke ist schön. Damit das zuverlässig und schnell funktioniert, reichen ein paar Hundert Nutzerinnen und Nutzer in Hamburg wohl kaum. Dabei soll Tile schon die größte Verbreitung unter Bluetooth-Trackern haben.

Das könnte sich schlagartig ändern – wenn Apple ein vergleichbares Produkt auf den Markt bringt. Hinweise auf einen Bluetooth-Sender von Apple gibt es seit vergangenem Jahr , in die iPhone-Software werden die nötigen Funktionen schon eingebaut. Auf einen Schlag gäbe es eine millionenstarke iPhone-Suchgemeinschaft.

Spätestens dann braucht es Vorkehrungen, damit die Apple-Sender nicht zur heimlichen Spionage genutzt werden: Wie will man jemanden daran hindern, sagen wir mal, einen Sender an ein Auto zu kleben und dieses dann Tage später von iPhone-Nutzern aufspüren zu lassen?

Bis es so weit ist, verdient nicht Apple, sondern Tile an unserer Vergesslichkeit. Für einige nützliche Funktionen will die Firma zusätzlich Geld sehen: die Erinnerung, einen Ort ohne einen bestimmten Gegenstand zu verlassen, oder das gemeinsame Nutzen von Sendern mit mehr als einer weiteren Person. Die Premiumfunktionen kosten rund 3,50 Euro im Monat oder 35 Euro im Jahr.

Detailliertes Bewegungsprofil

In der Premiumversion speichert die App dann alle Funkkontakte der vergangenen 30 Tage. Ich habe also mal eben ein detailliertes Bewegungsprofil von mir angelegt. Die Firma erlaubt sich ohnehin ausdrücklich, gesammelte Daten in anonymisierter Form zu verkaufen. Welche Strecken in einer Stadt legen Tile-Nutzer häufig zurück? Solche Fragen könnte die Firma beantworten.

Der Blick in den Standortverlauf in der Tile-App zeigt, was für ein mächtiges Werkzeug auf Vorrat gespeicherte Standortdaten sein können. Gruseln gehört dazu: Der Staat will seit Jahren die Provider zum Speichern von Handy-Standortdaten zwingen, damit Ermittler Wochen später darauf zugreifen können. Noch stehen dem Gerichtsurteile im Weg.

Unternehmen reicht oft schon die anonyme Nutzung, um Produkte zu verbessern oder Geld zu verdienen. Fitness-Apps wie Strava sammeln und verkaufen solche Daten. Woher Google Maps weiß, auf welcher Straße gerade Stau, welches Lokal um welche Uhrzeit fast leer ist? Nutzer der App verraten es mit ihren Standortdaten. Aber da funken Handys mit GPS ihre Standortdaten ins Internet – die Bluetooth-Sender haben kein eigenes GPS, Kontakt halten sie zum Handy: Zur Abwechslung helfen die Tile-Daten zunächst mir ganz persönlich.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

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