Liveübertragung aus dem Nest So kommt die Kamera in den Vogelbau

Egal ob gebastelt oder gekauft: Mit einem Nistkasten kann man heimischen Vögeln beim Brüten helfen – und wenn man eine Kamera einbaut, sogar zusehen. Wir zeigen, was man dafür braucht und beachten sollte.
Von »TechStage«-Autor Philipp Sussmann
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Techstage

Der Naturschutzbund Bayern  rät dazu, neue Nistkästen in Gärten bis Ende März anzubringen. Eine gute Gelegenheit, einen Nistkasten mit integrierter Kamera aufzuhängen. So kann man zum Schutz der heimischen Vögel beitragen und gleichzeitig interessante Einblicke in die Natur erhalten. Wir zeigen zwei verschiedene Ansätze und erklären deren Vor- und Nachteile.

Dass es sich bei der Idee der mit Kamera ausgestatteten Nistkästen um mehr als nur eine fixe Nerd-Idee handelt, bestätigt uns Sonja Dörfel, Pressereferentin beim Landesbund für Vogelschutz  (LBV):

»Kameras in Nistkästen ermöglichen uns einmalige Einblicke in das ansonsten eher geheime Vogelleben während der Brut und Aufzucht der Jungen. Dabei können wir viel Neues über die verschiedenen Vogelarten lernen, zum Beispiel konnte mit unserer Webcam an einem Wanderfalken-Nistkasten eine Paarung gefilmt werden – eine sehr seltene Aufnahme. Auch die zahlreichen anderen Nistkästen-Webcams des LBV, wie die von Meise, Star und Waldkauz, erfreuen sich großer Beliebtheit und werden täglich von zahlreichen Menschen genutzt. Die Technik ermöglicht uns neue Einblicke in die Welt der Vögel und begeistert viele Menschen für die Natur, die zuvor oft noch keine Berührungspunkte mit dem Schutz von Vögeln und anderen Arten hatten.«

Für die Tiere ist die Kamera keine Beeinträchtigung: »Die Vögel stören sich nicht an den Kameras und werden nicht am Brüten gehindert. Wenn der Nistkasten groß genug ist und den Tieren ausreichend Platz lässt, stören sich die Vögel nicht an den Kameras und verhalten sich ganz normal.«

So lebt die Vogelfamilie

Unser erster Nistkasten, die Selbstbauversion, hängt in etwa 160 Zentimeter Höhe in einem Garten. Knapp eine Woche nach der Installation sind Meisen eingezogen. Etwas mehr als eine Woche waren sie mit dem Nestbau beschäftigt, flogen den Kasten regelmäßig mit neuem Nistmaterial an, bis der Nistkasten fertig eingerichtet war. Inmitten von Gräsern, Moos und dünnen Zweigen ist dabei ein kreisrundes Nest entstanden. Als wir das nächste Mal nach den Vögeln schauten, lagen bereits fünf Eier darin. In den teils noch recht kühlen Nächten hielt ein Elterntier den Nachwuchs auf Temperatur.

Unser Selbstbau-Nistkasten ist jetzt bewohnt

Unser Selbstbau-Nistkasten ist jetzt bewohnt

Foto: Techstage

Knapp zwei Wochen später sind aus den Eiern fünf kleine Jungtiere geschlüpft. Diese sahen zwar noch etwas schwach und gerupft aus, die Eltern taten aber alles, um sie aufzupäppeln. Von nun an versorgten sie ihre Jungen alle paar Minuten mit Futter.

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis: Die Tiere sollten kein fettiges Winterfutter wie Meisenknödel oder Erdnussstückchen bekommen. Solche Nahrung ist für die heranwachsenden Vögel nur schwer oder im schlimmsten Falle gar nicht verdaulich. Wer neben dem Nistkasten noch ein Futterhaus für Vögel in den Garten hängt, sollte dies bedenken und das Nahrungsangebot dementsprechend anpassen.

Wenige Tage später sah der Nachwuchs schon deutlich kräftiger und gesünder aus. In den Nächten wärmte eines der Elterntiere die jungen Meisen. Sobald einer der erwachsenen Vögel zum Nistkasten zurückkehrte, rissen die kleinen Vögel ihre Schnäbel auf und drängten sich um das Futter. Hier gilt klar das Gesetz des Stärkeren. Beim Beobachten fiel auf, dass sich drei der fünf Jungvögel besonders gut durchsetzen konnten. Beim Kampf ums Futter gingen die zwei schwächeren Vögel immer häufiger leer aus.

Nur zweieinhalb Wochen später war der Nistkasten plötzlich verlassen. Ein Blick durch die Kamera brachte Gewissheit. Die Meisenfamilie war schon ausgeflogen. Meisen werden nach nur 14 bis 23 Tagen flügge und verlassen den Brutkasten zusammen mit den Elterntieren.

Zurück blieben die zwei kleinsten Jungvögel, die verendet im verlassenen Nistkasten liegen. Das ist zwar traurig, gehört aber zum Kreislauf der Natur. Drei gesunde Meisen hat der Nistkasten immerhin hervorgebracht. Und die Brutzeit der Meisen dauert noch bis in den August hinein an. In dieser Zeit werden die Vögel noch ein- bis zweimal Nachwuchs haben. Die nächsten Bewohner ziehen schon wenige Tage nach dem Ausmisten in den Nistkasten ein.

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Selbst bauen oder kaufen?

Einfache Nistkästen für Singvögel bekommt man schon für etwa 15 Euro. Solche Modelle sind allerdings nur bedingt für die Ausstattung mit einer WLAN-Kamera geeignet. Das Problem ist die Höhe, die ausreichen muss, um die Kamera über dem Nistraum zu platzieren, ohne diesen einzuschränken. Zwar wäre es möglich, ein Loch ins Dach zu sägen, die Kamera wäre dann aber vollkommen ungeschützt und würde sich beim ersten Regenschauer verabschieden. Eine Bastellösung zum Schutz der Kamera sieht unschön aus und wäre sehr aufwendig. Für eine optimale Umsetzung bleibt deshalb nur der Selbstbau oder der Kauf eines Nistkastens mit Kameravorbereitung. So etwas bieten allerdings nur wenige Hersteller zu recht hohen Preisen an.

Der fertige Kasten (l.) ist kompakter, aber deutlich teurer als die Selbstbauvariante

Der fertige Kasten (l.) ist kompakter, aber deutlich teurer als die Selbstbauvariante

Foto: Techstage

Für unseren Test haben wir ein Fertigmodell des Herstellers Oertl  besorgt. Der Kasten namens Varika Cam ist für die Integration einer Kamera ausgelegt und verfügt über eine bequem in der Größe verstellbare Fluglochöffnung für verschiedene Vogelarten. Ungewöhnlich ist das verwendete Material. Der Kasten wird mit einem 3D-Drucker hergestellt und besteht aus einem Holz-Biokunststoff-Verbund mit Luftkammern zur besseren Isolierung. Der Hersteller verspricht eine hohe Witterungsbeständigkeit und lange Lebensdauer. Den Nistkasten gibt es sowohl einzeln als auch im Set mit Kamera.

Der 3D-gedruckte Nistkasten ist für die Nutzung mit einer Kamera ausgelegt. Außerdem hat er eine in der Größe verstellbare Einflugöffnung

Der 3D-gedruckte Nistkasten ist für die Nutzung mit einer Kamera ausgelegt. Außerdem hat er eine in der Größe verstellbare Einflugöffnung

Foto: Techstage

Der Kauf-Nistkasten wirkt sehr gut durchdacht und überzeugt mit einfachem Handling und geringem Gewicht. Mit einem Preis von 200 Euro ist er aber auch sehr teuer. Anregungen und Baupläne für viel billiger herzustellende Selbstbau-Nistkästen  gibt es beispielsweise beim Landesbund für Vogelschutz. Auf dessen Website sind zudem etliche Tipps und Tricks zu dem Thema zu finden.

Den Selbstbau-Nistkasten haben wir für die Verwendung mit einem Solarpanel oder einer Solar-Powerbank ausgelegt.

Den Selbstbau-Nistkasten haben wir für die Verwendung mit einem Solarpanel oder einer Solar-Powerbank ausgelegt.

Foto: Techstage

Ein Selbstbau aus Holz ist ein schönes Familienprojekt. Der Arbeitsaufwand ist überschaubar und an einem Nachmittag erledigt. Mit Materialkosten von etwa 10 bis 15 Euro ist diese Variante deutlich günstiger als fertige Kästen. Das benötigte Werkzeug sollte in vielen heimischen Werkstätten vorhanden sein. Bei uns kamen Lochsäge , Handsäge, Schleifpapier und Akkuschrauber zum Einsatz. Zusätzlich werden Holz, Schrauben und Holzleim benötigt.

Das sollte man beachten:

Hier ein paar grundlegende Ratschläge zur korrekten Anbringung eines Nistkastens:

  • Nicht in Richtung der Wetterseite aufhängen – in die Einflugöffnung sollten weder Regen noch Wind eindringen. Allerdings sollte der Standort nicht in der knalligen Sonne liegen. Der Naturschutzbund rät zur Anbringung Richtung Südosten.

  • Die Einflugschneise zur Öffnung sollte frei sein.

  • Die ideale Höhe für Nistkästen heimischer Singvögel liegt zwischen 150 und etwa 350 Zentimetern. Größere Tiere hausen gern etwas weiter oben und bevorzugen Höhen zwischen vier und sechs Metern.

  • Der Standort ist idealerweise gegen Katzen und Marder geschützt.

  • Bei größeren Bäumen hängt der Nistkasten am besten an einem mitteldicken Ast. Zu dünn sollten die Äste nicht sein, da die Vögel keine ständigen Windbewegungen mögen.

  • Zur Befestigung dienen entweder für die Bäume unschädliche Aluminiumnägel oder eine ummantelte Drahtschlinge.

  • Damit es zu keinen Nachbarschaftsstreitigkeiten mit anderen Vogelpaaren kommt, sollten Nistkästen mindestens zehn Meter voneinander entfernt hängen.

Weitere und sehr detaillierte Anleitungen  finden sich auf der Seite des Bundes für Umwelt und Naturschutz.

Wie geht das mit der Kamera?

Die technische Ausstattung der Kamera-Nistkästen ist schnell erklärt. Letztlich sind nur eine Stromversorgung und eine WLAN-Kamera mit Nachtsichtfunktion nötig. Am bequemsten ist eine günstige Kamera mit 5-Volt-Stromversorgung per USB. Diese hängt man entweder an ein Netzteil oder an eine Powerbank.

Die WLAN-Kamera sitzt in einer Öffnung im Deckel des Nistkastens

Die WLAN-Kamera sitzt in einer Öffnung im Deckel des Nistkastens

Foto: Techstage

Allerdings eignen sich nicht alle WLAN-Kameras für so ein Vorhaben. Grundvoraussetzung für eine gelungene Umsetzung: Die Kamera muss einen verstellbaren Fokus haben, damit man den Nahbereich scharf stellen kann. Bei Modellen ohne diese Möglichkeit liegt der Schärfebereich deutlich weiter weg als die benötigten 15 bis 20 Zentimeter. Bei unserer Testkamera, einer Hikam S6, klappt das Ändern durch Hinein- oder Herausschrauben der Kameralinse. Damit das ohne Auseinanderschrauben des Gehäuses funktioniert, liegt dem Nistkasten von Oertl ein spezielles 3D-gedrucktes Werkzeug dafür bei. Ohne dieses Spezialwerkzeug ist das Fokussieren nur minimal aufwendiger, dauert etwa fünf Minuten.

Zur Verstellung der Schärfe wird die Linse ein Stück hinein- oder herausgeschraubt

Zur Verstellung der Schärfe wird die Linse ein Stück hinein- oder herausgeschraubt

Foto: Techstage

Die Kamera sollte zudem über einen IR-Nachtsichtmodus verfügen. Nützlich ist es außerdem, wenn sie die Videos auf Speicherkarte aufzeichnen und bei Bewegungserkennung eine Nachricht an ein Smartphone senden kann.

Die Hikam S6 ist in ähnlicher Form übrigens auch unter diversen anderen Bezeichnungen und Firmennamen erhältlich. So scheint beispielsweise die Yi Home Camera  nahezu identisch zu sein. Die WLAN-Kamera von Hama sieht der S6 ebenfalls zum Verwechseln ähnlich. Die Preise liegen je nach Anbieter zwischen 30 und 70 Euro.

Das Livebild ist farbig, solange genügend Licht durch die Einflugöffnung dringt. Ansonsten kommt der schwarz-weiße Nachtmodus zum Einsatz.

Das Livebild ist farbig, solange genügend Licht durch die Einflugöffnung dringt. Ansonsten kommt der schwarz-weiße Nachtmodus zum Einsatz.

Foto: Techstage

Dieses Zubehör braucht man

Zur Stromversorgung eignen sich mit der Kamera verbundene USB-Netzteile und Powerbanks mit oder ohne Solarmodul. Bei der Nutzung einer USB-Verlängerung oder einer Powerbank wird zusätzlich eine wasserdichte Box benötigt, um die Schnittstellen gegen Feuchtigkeit zu schützen. Die Firma Oertl bietet dafür eine Kunststoffschachtel unter dem Namen Dribox an. Soll das USB-Kabel der Kamera zu einem entfernten Netzteil verlängert werden, sind aktive Verlängerungskabel gefragt. Diese ermöglichen es, Distanzen von bis zu 20 Metern zu überbrücken.

Solche wasserdichten Boxen eignen sich zur Unterbringung einer Powerbank oder um Verlängerungen abzusichern

Solche wasserdichten Boxen eignen sich zur Unterbringung einer Powerbank oder um Verlängerungen abzusichern

Foto: Techstage

Fazit

Ein Nistkasten mit integrierter Kamera ist ein schönes Gartenprojekt mit Mehrwert. Zum einen schafft er dringend benötigte Brutmöglichkeiten für heimische Vogelarten, zum anderen liefert er interessante Einblicke in deren Tagesabläufe und Verhaltensweisen.

Am einfachsten und auch am teuersten ist der Kauf eines fertigen Systems. Anbieter wie Oertl.de  bieten – neben Kamera und Nistkasten – praktische Ratschläge und benötigtes Zubehör. Deutlich günstiger ist die Selbstbauvariante mit einer günstigen WLAN-Kamera wie der Hikam S6.

Erfahrungsgemäß sind die Vögel für jede Nistgelegenheit dankbar. Material, Aufbau und Größe des Nistkastens spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wir sind auf jeden Fall froh, den Kasten im Garten zu haben und gespannt, welche Vögel dort als Nächstes einziehen werden.