Laufschuhe im Test Run Boy Run

Alle 500 Kilometer sollten Jogger die Schuhe wechseln. Aber welche? Jens Radü schickt sein altes Paar in den Ruhestand und sucht Nachfolger. Fünf Laufschuhe im Praxistest.
Foto: Jens Radue / DER SPIEGEL

Als ich das letzte Mal Laufschuhe kaufte, war Johannes Paul II. noch Papst, George W. Bush US-Präsident und "Schnappi, das kleine Krokodil" die erfolgreichste Single in den Charts. Was das über meine Schuhe aussagt? Nichts, und alles - zumindest aus chronobiologischer Perspektive: Sie sind 15 Jahre alt und damit alt, viel zu alt, zumindest für Laufschuhe, die man spätestens alle 500 bis 800 Kilometer wechseln sollte.

Kurzer Check: Umgerechnet wären das in meinem Fall etwa 33 Kilometer pro Jahr. Macht bei sieben Kilometern, der Länge meiner Stammstrecke, rund fünfmal Laufen. Pro Jahr. Ich halte mich nicht für überambitioniert, aber ja, dieses Pensum sollte ich geschafft haben. Kurz: Es ist Zeit, der Sommer war ebenso groß wie vorbei, aber Laufen hat eben immer Saison und noch einen Hamburger Herbstwinter werden meine alten Schuhe nicht mehr durchhalten, die Sohle leckt bereits merklich.

Damals, 2005, bin ich im Fachhandel auf das Laufband gestiegen, der Verkäufer hat meine Füße vermessen und mir drei Paar zur Auswahl präsentiert. Für Menschen mit Spreiz-, Senk-, Hohl- oder Plattfuß ist das sicher nach wie vor die beste Methode. Aber der Verkäufer hat mir schon damals einen ziemlichen Durchschnittsfuß attestiert: Größe 44, übliches Gewölbe, nicht sonderlich breit, kein Fersensporn, der Max Mustermann unter den Füßen, mir passt eigentlich alles. Also bestelle ich diesmal einfach fünf Laufschuhe, die sich gerade besonders gut verkaufen, besonders gut getestet wurden oder den Online-Bewertungen nach besonders beliebt sind.

Kandidaten und Kriterien  

- Brooks Adrenaline Gts 19

- Sollomensi Laufschuh

- Puma Tazon 6 FM

- Whitin Laufschuhe

- Adidas Ultraboost 20

Die Preise versuche ich schnell wieder zu vergessen, schließlich will ich die fünf Kontrahenten möglichst unvoreingenommen vergleichen. Übrigens: Ich habe alle Schuhe eine Nummer größer bestellt, das ist bei Laufschuhen zu empfehlen. Die Versuchsanordnung: Mit jedem Paar laufe ich einmal meine Stammstrecke. Die ist wie gesagt etwa sieben Kilometer lang, ein Drittel Asphalt, zwei Drittel Waldweg mit Schotter und Wiesenabschnitten. Soundtrack: Woodkids "Run Boy Run", entspricht mit 134 Beats per Minute genau meinem Tempo. Sie haben jetzt einen Ohrwurm? Gern geschehen. Ich laufe immer morgens, fünf Tage hintereinander, was mir auffällt notiere ich vorher und nachher. Klar, besser wäre ein Marathon mit jedem Schuh. Tja. In 15 Jahren vielleicht.  

Auspacken

Wann hat das eigentlich angefangen? Dass Sportschuhe nicht mehr aussehen wie Sportschuhe, sondern wie Alien-Raumschiffe oder Freddy-Mamani-Entwürfe in Kunstfaser? Hier eine wuchtige Ausbuchtung, dort quietschbunte Plastik-Applikationen, obszön dicke Sohlen sowieso und eine Angeber-Kühlergrilloptik, bei dem sich jeder SUV-Fahrer verstohlen die Neidtränen aus dem Augenwinkel wischt. Zugegeben, sonderlich ästhetisch waren meine alten Schuhe auch nicht. Aber Extravaganz scheint in den vergangenen 15 Jahren als Verkaufsargument deutlich an Bedeutung gewonnen zu haben. Immerhin kann ich die Konkurrenten so problemlos auseinanderhalten, als ich sie aus ihren Kartons befreie. Also, fünf Schuhe, fünf Tage.

Tag 1: Brooks Adrenaline Gts 19

"Adrenaline", verkündet der Schriftzug an der Lasche, als ich die Schuhe am Frühstückstisch überstreife. Die spontane Reaktion meiner Frau ist etwas prosaischer: "Die sind aber hässlich". Tja. Mit ihrer Fünfeck-Riffelung an der Seite wirken sie irgendwie aufgebläht, zumindest passt die orange-schwarze Färbung zu meinem Jogging-Outfit. Das allerdings auch schon zehn Jahre alt ist.

"Cushion Support" verspricht die Sohle, ein geradezu kissenweiches Laufgefühl also - ich bin gespannt. Die Verarbeitung ist tadellos, saubere Nähte, soweit überhaupt genäht wurde, auch die Verklebungen wirken einwandfrei. Der Kunststoff riecht wenn überhaupt dezent, kein Vergleich zu manch beißend müffelndem Konkurrenzschuh. Was mich vor allem verblüfft: das Gewicht. Verdammt, sind die leicht. Nur 677 Gramm, sagt die Küchenwaagen. Im Netz werden sogar nur 567 Gramm angegeben. Vielleicht ohne Schnürsenkel und Einlagen? Wie auch immer, bequem ist der Brooks. Nur etwas wenig Halt finden meine Füße darin, so der erste Eindruck. Aber was zählt, ist schließlich auf der Strecke.

Foto: Jens Radue / DER SPIEGEL

Der Laufeindruck: Himmlisch weich, meldet mein Parietallappen, da ist technisch offenbar einiges passiert in den vergangenen 15 Jahren. Waren meine alten Schuhe tatsächlich so neandertal? Sorry Jungs, so trauere ich Euch nicht hinterher. Bei meiner Strecke geht es nach dem ersten Asphalt-Drittel in den Wald, Schotter, Wiese und Feldweg im Wechsel, Steine, große wie kleine, säumen den Parkour. Da zeigen sich die Grenzen der Brooks-Dämpfung: Wähnte ich mich auf dem Asphalt noch nahezu schwebend, kommen die Schuhe mit dem Steinschotter merklich weniger gut klar. So wird jeder Schritt zur Fuß-Akkupressur. Ist es Koketterie oder hatten meine alten Schuhe dann doch die bessere Dämpfung?

Immerhin strahlen die Brooks entlang der weißen Konturlinien neu und aufmerksamkeitsheischend auf der nebelverhangenen Waldroute. Hat mir der Zwergdackel der beiden walkenden Rentnerdamen da gerade zugezwinkert? Es ist beileibe kein Hochsommer mehr, doch nach zwanzig Minuten bemerke ich, wie sich die Wärme in den Schuhen staut. Soll das so? Für den Winter vielleicht ein Pro. Aber zwei Drittel des Jahres? Eher Contra.

Pro: Leicht, gute Verarbeitung

Contra: Wenig Halt, Dämpfung zu schwach, wenig Luftaustausch

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Brooks Herren Adrenaline Gts 19 Laufschuhe, Schwarz (Black/Orange/Silver 092), 44.5 EU

Ab 99,00 €

Preisabfragezeitpunkt

09.12.2022 20.44 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Tag 2: Sollomensi Laufschuh

Transparenz mag eine eigene Qualitätskategorie sein, absolut: bei der Parteienfinanzierung, bei öffentlichen Vergabeverfahren oder der Erstellung von Handwerkerrechnungen, ich bin da sofort überzeugt, keine Frage. Warum aber der Absatz dieser Laufschuhe wie ein Gummischwimmreif in transparentem Orange gehalten ist, erschließt sich mir nicht. Um den Blick auf die etwas stöckelige Innenkonstruktion freizugeben? Oder die unsauberen Klebenähte? Wohl schlicht ein optischer Gag, der bei den Sollomensi-Laufschuhen allerdings eher kontraproduktiv wirkt. Hinzu kommen hier und da ein paar Falten in der Schaumstoff-Füllung, ein paar Pickel an der Seite, auch die Nähte sind an den Enden etwas ausgefranst. Nicht schlimm, niemand ist perfekt, mehr Sorgen macht mir da schon das Profil, das nicht sehr tief ist. Ob das reicht?

Foto: Jens Radue / DER SPIEGEL

Der Laufeindruck: Rechts, links, rechts, links, bei jedem Schritt kippelt der Fuß hin und her. Nur eine Nuance, klar, aber trotzdem spürbar. Ich ziehe die Schnürsenkel enger und laufe weiter. Die Dämpfung auf der Schotterpiste ist etwas besser als bei den Brooks. Natürlich fühle ich die wirklich dicken Steine, aber mit dem mittelgroßen Rest kommen die Schuhe offenbar gut klar. Trotz der vielen Lüftungsschlitze vorne und an der Seite staut sich allerdings auch bei den Sollomensi-Laufschuhen die Wärme innen, bei 19 Grad Außentemperatur. Wie soll das erst im Hochsommer sein? Der Küchenwaage misst 707 Gramm, deutlich mehr als bei den Brooks und das ist auch beim Laufen zu merken. Eine entspannte Joggingrunde? Nicht wirklich.

Pro: Gute Dämpfung

Contra: Nachlässige Verarbeitung, kein optimaler Halt, wenig Durchlüftung, recht schwer

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SOLLOMENSI Damen Herren Laufschuhe

Ab 19,99 €

Preisabfragezeitpunkt

09.12.2022 20.44 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Tag 3: Puma Tazon 6 FM

Also gut: Diese Puma-Laufschuhe sind geradezu schlicht im Vergleich zum transformerbunten Rest. Komplett in mattschwarz gehalten, ergänzt um die springende Raubkatze in Silber. Fun fact: Grafiker Lutz Backes hatte sich für das Signet 1968 von einem Besuch im Nürnberger Zoo inspirieren lassen. Weil ihm der Puma etwas zu pummelig erschien, zeichnete er einen Panther-Körper mit Puma-Kopf und Puma-Tatzen. Soweit mein Smalltalk-Service für Ihren nächsten Gruppenlauf, nichts zu danken.

Ebenfalls silbergrau wie das Logo: ein auffälliges Plastikbauteil an der Ferse, "ArchTec" nennt Puma das, eine Mittelfußbrücke, die das Längsgewölbe unterstützen und stabilisieren soll. Eine weitere Besonderheit: Die Sohle mit "Softfoam +" verspricht "Optimal Comfort". Ah ja. Tatsächlich fühlt es sich beim ersten Tragen sehr weich an, der Fuß scheint bei jedem Schritt etwas einzusinken, laufen wie auf Schaumstoffwölkchen. Ob das wohl irgendwann nervt?

Foto: Jens Radue / DER SPIEGEL

Die Verarbeitung ist top: Alle Klebefalze sauber, Nähte ebenso, insgesamt ein recht robuster Eindruck. Allerdings: Es gibt nicht allzu viele Lüftungsschlitze, mal sehen, was das für die Atmungsaktivität bedeutet. Ach ja, das Gewicht: 798 Gramm, sagt das Online-Formblatt, 711 Gramm sagt die Küchenwaage. So oder so nicht die leichtesten Schuhe im Test.

Der Laufeindruck: Diese Softfoam-Sohle hält auf meiner Teststrecke, was sie verspricht. Das Tragegefühl ist sehr gut, auch der Grip auf Asphalt, Schotter und Wiese lässt nichts zu wünschen übrig. Die Schuhe bieten guten Halt und trotzen den Elementen, allerdings ist die Belüftung tatsächlich etwas schwach. Und – so esoterisch es klingen mag – mir ist bei jedem Schritt bewusst, dass ich gerade Sportschuhe trage. Vielleicht wegen der besonderen Sohle, die bei jedem Bodenkontakt aufs Neue nachgibt, vielleicht wegen der "ArchTec"-Mittelfußbrücke. Der alles-andere-vergessen-Lauf-Flow setzt heute nicht ein.  

Pro: Gute Dämpfung, gute Verarbeitung, guter Halt

Contra: Etwas schwer, schwache Belüftung

Tag 4: Whitin Laufschuhe

Beim morgendlichen Unboxing schreien mich diese Schuhe in Feuerwehrrot an: Lauf! Jetzt! Los! Ja, doch, nur noch kurz den ersten Eindruck notieren: Die Verarbeitung ist einwandfrei, jede Naht, jede Klebefalz sauber und akkurat. Der Patch am Obermaterial soll das Reißen der Schnürsenkel verhindern, schreibt Whitin in der Produktbeschreibung. Und: Die Durable Density Foam-Mittelsohle sorge für "dauerhafte Dämpfung den ganzen Tag". Ganz so lange will ich die roten Treter dann doch nicht ausprobieren, aber für die nächsten 40 Minuten sind wir auf meiner Teststrecke Partner. Mit 618 Gramm sind die Schuhe die bisher leichtesten im Kontrahentenfeld und das ist sofort spürbar. Auch das Profil scheint ordentlich, nicht zu übertrieben großporig, nicht zu kleinteilig.

Foto: Jens Radue / DER SPIEGEL

Der Laufeindruck: Irgendetwas ist diesmal anders, als ich mit den roten Whitins mit geflecktem Leopardenmuster über Asphalt und Schotterweg streife. Was genau, fällt mir allerdings erst nach 20 Minuten auf: Ich habe die vergangene Viertelstunde überhaupt nicht mehr darüber nachgedacht, ob und was ich gerade für einen Schuh trage. Dank des leichten Obermaterials und der vielen Lüftungsöffnungen kommt mir das Paar auch recht atmungsaktiv vor. Und die Dämpfung ist vielleicht nicht so ausgeprägt wie bei dem Puma-Softfoam, aber mehr als ausreichend. Ob ich heute ausnahmsweise noch eine Runde dranhänge?

Pro: Sehr leicht, gute Dämpfung, atmungsaktiv, gute Verarbeitung

Contra: Gewöhnungsbedürftiges Design

Tag 5: Adidas Ultraboost 20

Schon wieder so ein Freddy-Mamani-Entwurf: Zwar hat Adidas den Segeltuch-Oberstoff in schlichtem schwarz recht zurückhaltend gestaltet, dafür haben die Designer im unteren Drittel mal so richtig aufgedreht: Die bullige extra dicke Sohle erinnert an den Tropfenputz in griechischen Restaurants. Das mag mediterran wirken, mein Fall ist es nicht.

Die Verarbeitung hätte ich bei einem Adidas-Schuh sauberer erwartet: ein paar Klebereste hier und da, alles nicht schlimm, aber eben nicht perfekt. Mit 684 Gramm sind die Schuhe leicht, wenn auch merklich schwerer als die von Whitin. Plus: Die Schuhe tragen das Primeblue-Label von Adidas. Der Hersteller verspricht, dass diese Produkte zu mindestens 40 Prozent aus recyceltem Material bestehen, aus Plastikmüll, der auf abgelegenen Inseln und in Küstenregionen gesammelt und wiederverarbeitet wird.

Beim Reinschlüpfen fühlen sich die Ultraboosts bequem an, geben genügend Halt und auch die Dämpfung scheint gut. Das Profil ist allerdings eher dünn geraten. Ich bin gespannt, ob und wie sich das auf der Strecke bemerkbar machen wird.

Foto: Jens Radue / DER SPIEGEL

Der Laufeindruck: Die bauschige Sohle mag optisch eher abschrecken – beim Laufen schmeichelt sie dem Fuß. Auf Asphalt sowieso, aber auch die großen und kleinen Steine auf dem Schotterweg mildern die Ultraboosts gekonnt. Auch der Halt ist fest und sicher, die Knöchel haben Sitz. Und das Gewicht fällt auf: Schon wieder bemerke ich nach einer Viertelstunde, dass ich die letzten Minuten schlicht vergessen habe, dass und welche Laufschuhe ich gerade trage. Und atmungsaktiv sind sie auch. Auf den letzten Metern allerdings, als es auf dem Waldweg etwas rutschiger wird, sind die Ultraboosts dann wieder sehr präsent: Ein, zwei Mal gleite ich ab, das Profil bietet für meinen Geschmack dann doch etwas zu wenig Grip auf der Strecke.

Pro: Leicht, gute Dämpfung, recyceltes Plastik

Contra: Verarbeitung könnte sorgfältiger sein, recht dünnes Profil, sehr auffälliges Sohlen-Design

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adidas Herren Ultraboost 20 Laufschuh, Core Black/Night Met./Ftwr White, 42 2/3 EU

Ab 174,90 €

Preisabfragezeitpunkt

09.12.2022 20.44 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Fazit

Wahrscheinlich gibt es keinen perfekten Laufschuh. Entweder er fühlt sich gut an – ist aber wirklich hässlich. Oder er sieht gut aus – und ist zu schwer oder stickig. Aber es gibt zumindest Kandidaten, bei denen man vergisst, dass man gerade Laufschuhe trägt: Mir hat am Besten der Whitin-Laufschuh gefallen. Leicht, robust und auf jedem Gelände bequem. Und ein spektakuläres Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn man es mit den übrigen Kontrahenten vergleicht. Aber: Der Marathon-Test steht natürlich noch aus - was ist schon ein Testlauf von sieben Kilometern.

Meine alten 15-Jahre-Schuhe habe ich übrigens noch nicht entsorgt. Ich werde sie wohl noch ein letztes Mal tragen, dazu Woodkit oder gleich "Schnappi" hören (mit 130 bpm auch kein schlechter Lauf-Song), die einsickernde Nässe ignorieren und darüber nachdenken, durch welche Zeiten sie mich getragen haben.

Macht's gut, Jungs. Ihr seid etwas schwer und nicht mehr ganz dicht. Aber Ihr habt mich 15 Jahre lang begleitet und Halt gegeben. Und das ist vielleicht das schönste Kompliment, das man einem Schuh machen kann.

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