Familienbücher für Kinder Unsichtbare Bande

Die Familie ist das Universum der Kinder. Hier muss nicht immer heile Welt sein, aber Verbundenheit zu spüren, ist wichtig. Diese fünf Bücher für Kinder blicken ganz unterschiedlich auf Familie und Herkunft.
Idealvorstellung von einer jungen Familie: Die Realität weicht davon oft ab, auch in Büchern

Idealvorstellung von einer jungen Familie: Die Realität weicht davon oft ab, auch in Büchern

Foto:

imago images/Westend61

Ach, die Verwandten! Störrische Eltern, tanzende Tanten oder eine Oma, die zum Frühstück Pudding serviert - die Familie setzt sich aus den merkwürdigsten Persönlichkeiten zusammen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber diese schrägen Vögel gehören zu einem, ob man will oder nicht. Schön ist, wenn man etwas über seine Vorfahren weiß. Ich habe es geliebt, wenn meine Oma Clara Familienanekdoten erzählte, wie die vom Lottogewinn der Großeltern oder von ihrem geliebten Bruder, der ins weit entfernte Schweden ausgewandert war und nach dem Krieg überraschend mit exotischen Lebensmitteln vorfuhr. Sie konjugierte mir dabei die exakten Verwandtschaftsbezeichnungen durch, die ich bis heute draufhabe.

Naturgemäß finden die meisten Kinder- und Jugendbücher in einem familiären Zusammenhang statt. Aber längst nicht immer in der klassischen Kombi Mutter-Vater-Kind. Für viele gehören ein, zwei Elternteile und die Geschwister zur Familie, für andere ist es der ganze Verwandtenkosmos oder die Teilmengen einer verzweigten Patchworkfamilie. Dass es unterschiedliche Formen von Familien gibt, die durch Trennung oder Tod entstanden sind, hat sich auch in den meisten Kinderbuchverlagen rumgesprochen.

Familien freuen sich, wenn sie in der Kinderliteratur berücksichtigt werden. Einfach so, weil das Leben auch anders gut sein kann. Ein Beispiel ist die lustig-traurige Geschichte "Die beste Medizin" über einen Jungen und seine alleinerziehende Mutter. Wie es sich anfühlt, wenn die Eltern sich trennen, beschreibt sehr schön das kürzlich erschienene Bilderbuch "Und Papa sehe ich am Wochenende".

In den folgenden Büchern geht es um die rätselhafte Partnerwahl der Mutter, Ahnenforschung und Adoption, darum, wie man seinen Vater wieder an Bord holt und um die bewegte Geschichte einer chinesischen Familie. 

"Der Meckerpapa"

Papa ist lieb und so, klar. Aber er meckert ständig. Und zwar fast grundlos. Da kann man als Kind schon mal ins Grübeln kommen, warum Mama sich ausgerechnet ihn bei "My Papa" ausgesucht hat. War er womöglich ein Restposten? Viel Geld hatte sie damals ja nicht. Ach, hätte sie doch bloß etwas länger gespart!

Lustiges Buch des Autors und Illustrators Ulf K. - natürlich auch für Erwachsene, die manchmal mit dieser Frage hadern.

Was ist hier los? Ein Kind überlegt, warum die Mutter sich nicht einen cooleren Mann ausgesucht hat als ausgerechnet diesen Papa. Einen Ritter zum Beispiel. Andererseits… Papa riecht sicher viel besser. Oder einen Rennfahrer. Der käme mal schneller aus dem Quark als Papa. Doch auf schnellen Fahrten wird einem ja auch leicht schlecht. Es gilt also gründlich abzuwägen...  

Beste Lesezeit: Wenn es gekracht hat.

Empfohlenes Alter: ab 4 Jahren

"Mit dir sind wir eine Familie: Eine Adoptionsgeschichte"

Jedes Kind liebt die Geschichte seiner Geburt, die Aufregung der Eltern, die große Freude. Ist es adoptiert, gibt es da eben noch etwas mehr zu erzählen. Große, warme Illustrationen mit einem Hauch der Achtzigerjahre, in die man beim Vorlesen wunderbar versinken kann. Auch wenn man nicht adoptiert ist.

Was ist hier los? Kindergartenkind Lisa möchte wieder das Babyalbum anschauen und die Geschichte ihrer Adoption hören. Ihre Eltern erzählen begeistert von dem großen Glück, dass sie fühlten, als sie Lisa bekamen. Im Fotoalbum ist das alles gut zu sehen. Nur die Mama, in deren Bauch Lisa war, fehlt. Aber die kann Lisa ja einfach malen und dazukleben.

Beste Lesezeit: Woher komme ich?

Empfohlenes Alter: ab 4 Jahren

"Meine ganze Familie: Was den Urmenschen und mich verbindet"

"Jeder Mensch war einmal ein Kind." Für diesen ersten Satz möchte ich die Autorin Gerda Raidt umarmen. Denn da tut sich doch gleich ganz viel im Kopf, wenn man mal darüber nachdenkt - und ein bisschen lustig ist die Vorstellung auch. Mit dieser Feststellung führt sie jedenfalls in die Welt unserer Vorfahren ein und blickt in großartigen Illustrationen auf die Menschen zurück, die überall auf der Welt vor uns gelebt haben.

Raidt hält auch in diesem Sachbuch wieder einmal eine gelungene Balance zwischen Erklärtexten und Bildern. Ihre Darstellungen sind modern und humorvoll, und am Ende versteht jeder, wie sehr wir auf unsichtbare und sichtbare Weise mit unseren Ahnen verbunden sind.

Was ist hier los? Ein Entdeckerbuch über Vorfahren und den Lauf der Menschheit bis zu der Frage, wie die Zukunft aussehen mag, die wir heute schaffen. Hier geht es nicht nur um Oma und Opa, sondern auch um die Generationen davor. Und davor. Anhand großer Stammbäume werden verwandtschaftliche Verbindungen erklärt und der Blick auf unterschiedliche Dinge gerichtet, die man von seinen Vorfahren geerbt haben könnte: vielleicht ein Möbelstück, vielleicht aber auch die Sommersprossen oder einen Kartentrick?

Dieses Familienbuch bietet Gesprächsstoff bei der nächsten Familienfeier. Man kann es mit 6, 16 oder 60 Jahren lesen und wird anregende Gedanken daraus mitnehmen.

Beste Lesezeit: Wer war eigentlich vor mir da?

Empfohlenes Alter: ab sechs Jahren

"Keiner hält Don Carlo auf"

Offenherzig erzählt der elfjährige Carlo von seinem Kummer über die Trennung der Eltern. Man spürt seine Verbundenheit mit beiden Elternteilen und versteht im Laufe der Geschichte, dass sie ihm beide wichtige Zutaten fürs Leben mitgegeben haben: Liebe und Mut. Besonders habe ich mich über einige erwachsene Figuren gefreut, die Zutrauen in den Jungen haben und ihm aus der Patsche helfen. Das gibt es nämlich wirklich.

Illustriert wurde das Buch von Peter Schössow, dessen Stil der Geschichte ein cooles Flair gibt. Dank etwas größerer Schrift ist diese lustige Geschichte nicht nur klasse zum gemeinsamen Lesen, sondern auch zum Selbstlesen.

Was ist hier los? Der elfjährige Carlo vermisst seinen Vater, den seine Mutter vor einigen Monaten vor die Tür gesetzt hat. Jetzt lebt er wieder in Palermo, wo er herkommt. Mama will ihn partout nicht zurückholen, obwohl Carlo ihn doch so braucht. Also macht er sich allein auf den Weg. Schummelt sich im Zug bis Rom, wird von einem Taxifahrer betrogen und von einer italienischen Großfamilie gerettet. Und dann? Ende gut, aber nicht supergut. Doch Carlo wird nicht aufgeben.  

Beste Lesezeit: für Reiselustige

Empfohlenes Alter: ab 8 Jahren

"Als die Karpfen fliegen lernten"

Wer die tollkühne Absicht hat, einer oder einem Jugendlichen ein Buch zu schenken, kann ruhig ein paar Regale weiter zur Erwachsenenliteratur treten. Daran dachte ich kürzlich, als der Schauspieler Henning Baum in einer Talkshow kluge Dinge zum Thema Jugendbuch sagte, begeistert von "Narziss und Goldmund" sprach und "die Jugend" dazu aufrief, es zu lesen.

Xifan Yangs Familiengeschichte ist weit entfernt von Hermann Hesse. Eher ist es eine Dokumentation, die einen Blick hinter die Kulissen einer fremden Familie bietet und signalisiert, dass jede Familie eine Menge Gepäck mit sich herumschleppt und schräge Persönlichkeiten hat. Nebenbei erfährt man Wissenswertes über eine Weltmacht, die die meisten von uns kaum kennen.

Was ist hier los? Großvater Peng Fangcong, 80, will in Peking bei einer Musikshow auftreten, Enkelin Xifan begleitet ihn. Aber das ist nur der Anfang. Denn die Journalistin Xifan Yang hat nicht nur im Leben ihres Großvaters recherchiert, sondern verwebt die Geschichte Chinas seit den Zwanzigern mit der ihrer Familie. Im Mittelpunkt ihr Großvater, der Hunger, Demütigungen und Arbeitslager ertragen musste und dennoch im hohen Alter Lebensfreude und Träume hat.

Diese Mischung ergibt eine unterhaltsame und erhellende Reise ins alte und neue China, bis hin zur eigenen Migration nach Deutschland und ihrem heutigen Leben zwischen den Kulturen. Manchmal scheinen die historischen Ausführungen etwas zu lang, entpuppen sich aber später oft als wichtige Information und fügen sich in die Biografien der Familie Peng sinnvoll ein.

Beste Lesezeit: Ich hole mir die Welt nach Hause.

Empfohlenes Alter: ab 16 Jahren