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16. Juni 2005, 11:49 Uhr

1001 Gelegenheit

Aldis Reste-Rampe

Von , Mannheim

Der harte Preiskampf im Einzelhandel hinterlässt bei den Discountern Spuren. Die Billigheimer bleiben auf ihren Aktionsartikeln sitzen, mit denen sie Kunden anlocken wollten. Angesichts voller Lager testet Aldi in Mannheim ein neues Konzept, um aus den Resten wenigstens etwas Kapital zu schlagen.

Einkaufswagen bei "1001 Gelegenheit": 30 bis 50 Prozent Preisnachlass
DDP

Einkaufswagen bei "1001 Gelegenheit": 30 bis 50 Prozent Preisnachlass

Mannheim - Beim ersten Hinhören klingen die Namen vielversprechend. Im Mannheimer Arbeiterviertel Waldhof heißen die Straßen "Starke Hoffnung", "Guter Fortschritt" oder "Frohe Arbeit". Doch die Realität ist trister, als es die Straßennamen vermuten lassen. Tatsächlich prägen vor allem Mietskasernen und einige Einfamilienhäuser das Bild in der sozial problematischen Gegend. Viele Gebäude könnten einen neuen Anstrich gebrauchen - und viele Bewohner einen Job.

Genau hier, ganz nahe bei der Bushaltestelle "Zäher Wille", gibt es seit einiger Zeit ein interessantes Einzelhandelsprojekt zu besichtigen. In einem schmucklosen Flachbau an der Rüsselsheimer Straße, wo noch bis Ende des vergangenen Jahres ein Aldi-Markt zu finden war, residiert seit ein paar Wochen ein neuer Mieter. Er heißt "1001 Gelegenheit".

Unter dem Markennamen erprobt Aldi in Mannheim eine gänzlich neue Strategie: Mit 30 bis 50 Prozent Preisnachlass, also zu absoluten Kampfpreisen, verramscht der Discounter in dem Markt all jene Aktionsartikel, die vorher in den Filialen von Aldi Süd nicht über die Ladentheke gegangen sind: Sonnenschirme, Bademäntel, Wanduhren, Reiterstiefel. Alles.

Nun ja, fast alles. Erstens gibt es bei "1001 Gelegenheit" nur so genannte "Non food"-Artikel, also keine Lebensmittel. Und zweitens sucht man Technikartikel wie Digitalkameras oder Laptops meist vergeblich. Weil hier eben nur das verkauft wird, was woanders nicht an den Mann kam, sind die für gewöhnlich heiß umkämpften Elektrogeräte kaum zu haben.

Verkauft wird, was da ist

Aldis Reste-Rampe setzt auf das Prinzip Spontankauf. Auf einen Einkaufszettel kann der Kunde getrost verzichten. Gekauft wird, was da ist. Die zahllosen Wühltische im 700 Quadratmeter großen Markt sind vor allem mit Textilien und Freizeitaccessoires wie Motorradbedarf oder Reiterausrüstung gefüllt. In der orange gehaltenen Ecke hinten links lockt außerdem das Schnäppchen der Schnäppchen, das jeweilige Angebot der Woche. Sperrigere Gegenstände wie Sonnenschirme oder riesige Blumenkübel stehen an den Seiten.

"1001 Gelegenheit"-Filiale in Mannheim: Motorradbedarf oder Reiterausrüstung
Christoph Seidler

"1001 Gelegenheit"-Filiale in Mannheim: Motorradbedarf oder Reiterausrüstung

Aus Lautsprechern plätschert, gänzlich Aldi-untypisch, leise Musik. Aldi-untypisch ist auch die Preispolitik bei "1001 Gelegenheit". Vergleicht man den ursprünglichen und den aktuellen Preis - beide sind auf einem Schildchen über dem Grabbeltisch zu finden - zeigt sich, dass alle Preise rund sind: Ein Euro, zwei Euro, drei Euro. So soll das Abkassieren schneller vonstatten gehen.

Verkauft wird - so verraten es gut sichtbar angebrachte Schilder - "nur in haushaltsüblichen Mengen und nicht an Wiederverkäufer". Ein Aushang im Fenster verkündet außerdem, dass der Markt gerade Verkäuferinnen und Aushilfen sucht, für einen durchschnittlichen Stundenlohn von 10 Euro. Dafür bekommt man an den Wühltischen zum Beispiel schon zwei Paar modischer Herrenschuhe - jedenfalls, wenn man das Glück hat, die passende Größe aus dem riesigen Schuhberg herauszufischen.

Tumult bei der Eröffnung

Bei der Eröffnung vor einigen Wochen gab es lange Schlangen von Schnäppchenjägern und tumultartige Szenen. "Die Leute kloppen sich sogar um einen Parkplatz außerhalb des Geländes", schrieb eine Kundin damals in einem Internetforum. Inzwischen ist der Ansturm abgeflaut. Zeit also, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Taugt der Reste-Tempel in Mannheim als Modell für den Rest des zweigeteilten Aldi-Landes?

"1001 Gelegenheit" von Innen: Prügelei um den Parkplatz
DDP

"1001 Gelegenheit" von Innen: Prügelei um den Parkplatz

Bei der zuständigen Aldi-Regionalgesellschaft im baden-württembergischen Ketsch gibt man sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zugeknöpft. Kein Wort dazu, welche Erfahrungen man bislang gemacht habe. Auch wird nicht verraten, ob es bald anderswo "1001 Gelegenheit" geben wird. Aldi tut jedenfalls gut daran, sich um das Problem der übrig gebliebenen Aktionsware zu kümmern. In den im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsberichten für das Jahr 2003 melden die Regionalgesellschaften Aldi Nord und Süd über einen starken Anstieg der Warenbestände zum Bilanzstichtag. Aldi Nord vermeldete vor allem wegen des schleppenden Verkaufs von Sonderposten ein Plus von mehr als 18 Prozent, bei Aldi Süd, wo man nun das Konzept "1001 Gelegenheiten" testet, waren es sogar 45 Prozent.

Aktionsware liegt wie Blei in den Regalen

Nicht nur Aldi hadert mit vollen Lagern. Die Konkurrenz hat ähnliche Probleme. Weil es bundesweit Woche für Woche eine wahre Flut von Aktionsartikel gibt - und die Discounter teilweise parallel ähnliche Angebote machen - bleibt vieles liegen. "Diese Problematik gibt es", bestätigt die Pressesprecherin des Discounters Plus, Nicole Dinter, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Die Frage ist, wie man damit umgeht." Ihr Unternehmen setze nicht auf die Gründung einer eigenen Marke zum Verhökern der Restposten. Für die "überschaubaren Mengen" an nicht verkaufter Aktionsware habe Plus ein "eigenes Konzept" entwickelt: Erstens verkaufe man an sogenannte Zweitvermarkter, die die Reste ihrerseits unters Volk bringen würden. Und zweitens nutze man "immer mal kurzfristig, für ein, zwei Monate" ältere Filialen für Sonderverkäufe.

Beim Konkurrenten Lidl setzt man auf Aktions-Zelte vor den Filialen, in denen übrig gebliebene Sonderartikel verramscht werden. Dabei ist es nur verständlich, dass die Discounter sich im Idealfall selbst um den Verkauf kümmern wollen. Denn nur so können sie sichern, dass nicht nebenan ein Sonderpostenhändler die eigenen Artikel noch billiger verhökert - und so das Image des Discounters schädigt. Insofern ist das von Aldi in Mannheim getestete Konzept in jedem Fall zukunftsfähig.

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